Beobachter: Herr Späth, wie viel verdienen Sie als Hausarzt im Jahr?
Hansueli Späth: Um die 140'000 Franken netto.

Beobachter: Ein Augenarzt verdient das Zwei- oder Dreifache. Regt Sie das nicht auf?
Späth: Doch, klar regt mich das auf. Urologen verdienen noch mehr. Besonders wenn man bedenkt, dass wir die Notfälle am Wochenende übernehmen, wenn der Urologe am Golfen ist. Dann sind wir wieder recht. Jeder vierte Hausarzt wies 2002 ein AHV-pflichtiges Einkommen von weniger als 91'200 Franken im Jahr aus. Und das vor Steuern, AHV und Pensionskasse.

Beobachter: Hausärzte fordern, Spezialärzte sollten auf Einkommen verzichten.
Späth: Das ist populistisch und bringt wenig. Es entzweit nur die Ärzteschaft.

Beobachter: Sie haben Schiss, den Spezialisten an den Karren zu fahren.
Späth: Überhaupt nicht. Das Hauptproblem ist ein anderes: dass die Gesamtsumme der ambulanten Kosten nicht zunehmen darf. Wir Ärzte brauchen einfach mehr Geld.

Beobachter: Wieso soll ein Medizinstudent noch Hausarzt werden, wenn er als Urologe ein Vielfaches verdienen kann?
Späth: Der Hausarzt gilt als der Dümmste, kann von allem ein bisschen, aber nichts richtig. Dieses Bild vermitteln viele Professoren an den Universitäten. Das wäre ein Grund, sich zu empören - aber nicht das Einkommen des Urologen.

Anzeige

Beobachter: Aber politisch ist es doch völlig unrealistisch, aus dem System für die Ärzte mehr Geld herausholen zu wollen. Deshalb müssen Sie innerhalb umverteilen.
Späth: Man versucht immer, die Ärzte zu entzweien. Im Übrigen: Wer Hausarzt wird, hat eine andere Philosophie als der angehende Urologe. Dem Hausarzt geht es eben nicht nur ums Geld, sondern auch um den Kontakt mit den Patienten.

Beobachter: Die von uns befragten Landärzte werden sich für diese Bemerkung bedanken. Sie werfen Ihnen vor, Sie seien zu zahm.
Späth: Mit Iwan Rickenbacher haben wir seit kurzem einen professionellen Lobbyisten. Die Ärztedemo vor dem Bundeshaus 2006 hat über 10'000 Leute mobilisiert. Eine Misere, die seit 20 Jahren dauert, kann man doch nicht innerhalb eines Jahres beheben.

Beobachter: Seit Einführung von Tarmed haben einzelne Spezialisten sogar überdurchschnittlich zugelegt. Füttern so nicht die Hausärzte die Spezialisten?
Späth: Nein, wir füttern die Spezialisten nicht. Aber wenn wir Hausärzte das gewusst hätten, hätten wir Tarmed niemals zugestimmt. Wir waren ungeschickt, ja. Und wir sind naiv in den Hammer gelaufen.

Anzeige

Beobachter: Und Bundesrat Couchepin kürzt die Labortarife, später wird die Notfallpauschale reduziert. Ein Misserfolg nach dem andern.
Späth: Das Erste war ein Dekret von Bundesrat Couchepin. Zum Zweiten: Wir haben die Dringlichkeitspauschale beantragt, herausgekommen ist die Kürzung der Notfallpauschale. Da hatten wir keinen Einfluss. Aber es ist ein Bumerang, das stimmt.

Beobachter: Verstehen das Ihre Mitglieder noch?
Späth: Wir sind daran, das den Leuten zu erklären. Doch ich muss auch sagen: Die Hausärzte sind eine schweigende Mehrheit. Die gehen in der Freizeit lieber biken, als sich zu engagieren. Sie schimpfen lieber.

Beobachter: Wann machen Sie Nägel mit Köpfen?
Späth: Nächstes Jahr wird es sicher wieder knallen. Vielleicht ein eintägiger Streik. Oder die Lancierung einer Volksinitiative für die Stärkung der Hausarztmedizin, alles ist möglich, es gibt keine Tabus.

Anzeige

Beobachter: Wie wärs mit folgendem Text: «300'000 Franken für einen Spezialisten sind genug!»
Späth: Eine gute Idee, das könnte ich mir vorstellen.

Hansueli Späth, 53, ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM).