«Ihr kämpft für euch, fürs Team und für unser Land!» Zackig gibt Joseph Fischer, Präsident des Fördervereins Internationale Berufswettbewerbe, den Tarif für dieses Wochenende durch. Seit 50 Jahren ist die Schweiz bei der Berufs-WM dabei, die alle zwei Jahre stattfindet – diesmal vom 19. bis 23. Juni in St. Gallen. Sie soll ein «Fest der Jugend» sein, die Alterslimite liegt bei 22 Jahren. Rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 37 Ländern werden sich in 40 Berufsdisziplinen messen.

Die 42 jungen Schweizerinnen und Schweizer sitzen im Hörsaal des Inforama Emmental, einem Tagungszentrum auf der Bäregg, oberhalb von Bärau. 36 Männer und sechs Frauen, alle zwischen 18 und 22 Jahre, die meisten aus der Deutschschweiz. Sie sind die Besten ihres Fachs, haben die Schweizer Meisterschaft gewonnen und bereiten sich hier auf die Berufs-WM vor.

Kurz nach neun Uhr macht Teamleiter Georges Zünd aus Bussigny den Antrittsappell. Das Trainingslager ist Pflicht für die jungen Schreiner, Elektriker, Maurer und Gastgewerbler. Zünd bellt die Nachnamen in den Saal, die Angesprochenen antworten mit leisem Ja.

Simone Fischbacher hat Mühe mit dem Kasernenhofton. Die 20-jährige Malerin aus St. Gallen ist sich zwar einen rauen Umgang vom Bau gewohnt, wo sie täglich ihre Frau stehen muss: «Ich lasse mir nicht alles bieten.» Aber Zünds militärischen Stil findet sie «etwas übertrieben».

Seit März trainiert sie mindestens zwei Tage pro Woche für die WM. Darunter leide die Freizeit, «aber das ist es mir wert». Im Betrieb hat ihr der Chef eine so genannte Koje eingerichtet, drei Stellwände mit Tür, wo sie jeweils nach der Arbeit üben kann: tapezieren, Farben nachmischen oder ein Design vergrössern und ausmalen. Aufgaben, die Simone Fischbacher auch an der WM bewältigen muss. Von Seiten des Malerverbands sei schon Druck spürbar, Gold zu gewinnen, sagt sie. Sie versuche das irgendwie wegzustecken.

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Teamchef Zünd ist seit zehn Jahren verantwortlich für Organisation und Logistik im Schweizer Team. Der Elektroniker und Fachhochschullehrer für Prozessortechnik bezeichnet sich als «Vater» der Mannschaft. Er führt «mit eiserner Hand, aber samtenem Handschuh». Der militärische Ton gehöre dazu, die jungen Leute müssten lernen, «wo Bartli den Most holt». Der Romand spricht fliessend Deutsch, nur ab und zu rutscht ein «Oui, oui» heraus.

Dann geht plötzlich alles ganz schnell. «Um zehn Uhr pünktlich in der Turnhalle!», kommandiert Zünd. Dort ist Fototermin. Das Schweizer Team soll gut vermarktet werden – schliesslich wird für den St. Galler Anlass mit Aufwendungen von 50 Millionen Franken gerechnet. Bund und Kanton steuern neun Millionen bei, der Rest kommt von Sponsoren. Eigentlich hätte die Berufs-WM 2003 in Dubai ausgetragen werden sollen. Aber das arabische Emirat sagte kurzfristig ab, St. Gallen sprang in die Bresche. Bereits 1997 war der Wettkampf auf dem Olma-Messegelände durchgeführt worden. Damals kamen 150'000 Besucherinnen und Besucher.

Die Anzüge sind Verkleidung
Die jungen Männer präsentieren sich im massgeschneiderten schwarzen Anzug, die Damen im roten. Nur drei der 36 Jungs können die Krawatte richtig binden, Teamleiter Zünd hilft nach. Fast alle tragen Turnschuhe und haben die Hände in den Taschen vergraben. Wohl fühlen sie sich nicht im ungewohnten Outfit.

Dann kommt der Tenüdrill – wie im Militär: vom Anzug ins Arbeitstenü, vom Regentrainer in den grauen Trainingsanzug mit dem roten «Suisse»-Aufdruck. Kommandant Zünd ist im Element. «Lächeln!», befiehlt er. «Fahne gerade halten!»

Der Informatiker Travis Beltrametti kommt zu spät. Der 18-jährige Altdorfer ist seit dem Gewinn der Schweizer Meisterschaft im ganzen Kanton Uri bekannt. «Das ist schon etwas Besonderes», sagt der schlaksige Youngster im Team. «Los, hinten anstellen!», befiehlt Zünd. «Schnell!»

Beltrametti kennt seine WM-Aufgabe bereits: In 24 Stunden muss er eine Steuerungssoftware für ein Multimediagerät programmieren. «Das ist happig, aber ich freue mich darauf.» Eine Karriere im Beruf strebt er nicht an. Er hat sich ein kleines Studio eingerichtet, spielt Gitarre – alternativen Pop, Folk und Rock. Nach der Lehre will er zuerst auf Reisen gehen.

Nach der Fotosession wird motiviert. Der Ex-Eishockey-Nationaltrainer Simon Schenk tritt auf. Der Manager der ZSC Lions und SVP-Nationalrat ist Profiredner und hat die jungen Leute mit Binsenweisheiten sofort im Griff: «Das Wichtigste ist, bereit zu sein, wenn es darauf ankommt.»

In der hintersten Reihe sitzen die einzigen zwei Tessiner: Bruno Zanchi, Sanitärinstallateur aus Locarno, und Andrea Chippini, Schweisser aus Losone. Teamleiterin Jacqueline Mader sitzt zwischen den beiden und übersetzt Schenks Vortrag. Mader ist für das psychische und das physische Wohl des Teams zuständig. Die gebürtige Welschschweizerin lebt in Zürich und beherrscht die drei Sprachen fliessend.

Zanchi mit der modischen Gelfrisur ist der Clown des Teams. Obwohl er nur Italienisch spricht, kommt er mit allen gut aus, reisst Sprüche und Grimassen. Mit dem Beruf aber ist es ihm ernst: «Ich will den Deutschschweizern zeigen, dass wir Tessiner auch was können.» Er sei zu 1000 Prozent motiviert. Schenk hat leichtes Spiel im hochmotivierten Umfeld. Er spüre die gute Stimmung und schätze auch lustige Sprüche, sagt er und nickt Zanchi wohlwollend zu.

Der Sportmanager vergleicht den Wettkampf mit einem Windhunderennen: «Die Windhunde strengen sich nur an und rennen, wenn der Hase in einem gewissen Abstand vorherläuft. Ist er zu weit weg, dann halten sie an, dann ist die Motivation weg.» Schenks Folgerung: «Seid wie die Windhunde!» Das Ziel, eine Medaille zu holen, müsse immer vor Augen stehen. Um es zu erreichen, sei ein «diplomatischer, demokratischer, diktatorischer» Führungsstil nötig. Teamcoach Zünd nickt energisch.

Sport macht am meisten Spass
Nach dem kurzen Mittagessen gehts weiter mit dem mentalen Training. Teamleiterin Jacqueline Mader pflegt eher den «diplomatischen» Führungsstil. Sie spricht ruhig und sanft. Die ehemalige Sekundarlehrerin hatte 35 Jahre bei der Swissair gearbeitet, bevor sie sich als Kommunikationsfachfrau selbstständig machte. Ihr Spezialgebiet ist die Sophrologie, die «Lehre der Harmonie zwischen Körper, Geist und Psyche».

Im Hörsaal ists totenstill. Alle haben sich bequem hingesetzt, die Schuhe ausgezogen und die Augen geschlossen. Tiefes Ein- und Ausatmen ist zu hören. Mader redet von Zen und bewusster Wahrnehmung des Körpers: «Spürt euren Körper, er redet mit euch.» Einigen muss er das Signal «Müdigkeit» gegeben haben – sie dösen weg.

Ganz bei der Sache ist Koch Andreas Williner aus St. Niklaus bei Zermatt. «Ich will mindestens eine Medaille holen, am liebsten Gold», erzählt der 21-Jährige in der Kaffeepause. Die Schweizer Köche seien immer vorn dabei gewesen: Vor zwei Jahren gabs in Seoul Silber, vor vier Jahren in Montreal gar Gold. Weltmeister Rolf Fuchs machte seither eine steile Karriere und wurde letztes Jahr erstmals von Gault Millau benotet: Er holte gleich 14 Punkte. WM-Gold will auch der ehrgeizige Williner. Sein Steckenpferd ist die kalte Küche: «Da kann ich am kreativsten sein.»

Auf Einfallsreichtum setzt auch der Florist Philipp von Arx aus Olten. «Ich will meinen eigenen Stil zeigen.» Er bevorzugt Objektsträusse mit alten Ästen oder Gemüse. An der Schweizer Meisterschaft der Jungfloristen war er unter 30 Teilnehmerinnen der einzige Mann. An der WM wird er einen Brautstrauss, Hutschmuck und Gestecke präsentieren müssen. Von Arx ist sicher, dass die WM-Teilnahme «gerade für ihn als Mann» gut für die Karriere ist.

Inzwischen hat sich das Schweizer Team aufgeteilt. Die einen spielen Volleyball mit Teamchef Zünd, die andern bleiben bei Maders Entspannungsübungen. «Der Sport macht am meisten Spass», sagt Travis Beltrametti. «Nur schade, dass hier so wenig Frauen sind.»

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