«Die Chance zu studieren ist bei den untersten sozialen Schichten 15-mal kleiner als bei den obersten», kritisiert Nils Heuberger, Kopräsident der Sozialkommission des Verbands Schweizer Studentenschaften. Diese Ungleichheit dürfte sich künftig noch verschärfen: Mit gerade noch 24 Millionen Franken will der Bund ab 2007 die Stipendien subventionieren das sind 60 Millionen weniger als 2002.

Betroffen von den Kürzungen sind Stipendien für Ausbildungen an Gymnasien oder Berufsmittelschulen, der so genannten Sekundarstufe II. Ohne Förderung auf dieser Stufe bleibt vielen der Weg an die Unis verschlossen. Kinder aus finanziell schwächeren Familien, insbesondere auch von Immigranten, werden ohne finanzielle Unterstützung von höherer Bildung ausgeschlossen.

Bereits heute ist der Anteil der Stipendienempfänger in der Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr klein: Er beträgt lediglich zehn Prozent. «Die Schweiz kann gewiss nicht als Land betrachtet werden, das finanzielle Mittel einsetzt, um soziale Ungleichheiten zu beheben», heisst es in einem kürzlich erschienenen OECD-Bericht unverblümt.

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Vor allem auf der Sekundarstufe II ist die Chancenungleichheit markant: Während der Anteil der Ausländerkinder in der Volksschule gut 20 Prozent beträgt, sind es bei den Maturanden laut OECD-Bericht nur noch knapp sieben Prozent. «Es zeichnet sich eine dramatische Situation ab», warnt Charles Stirnimann, Präsident der Interkantonalen Stipendienkonferenz. «Es besteht die Gefahr, dass durch die Stipendienkürzungen die Chancengleichheit bei der Bildung zur Farce wird.»

Subventionierte der Bund früher die Stipendien der Kantone mit bis zu 48 Prozent, so sollen es im Rahmen des Neuen Finanzausgleichs (NFA) nur noch 16 Prozent sein. Für den Kanton Bern etwa heisst das, dass er statt 20 nur noch drei Millionen Franken erhält. Zwar wird von den Kantonen erwartet, dass sie diese Ausfälle kompensieren, weil sie in andern Bereichen entlastet werden. Doch der heutige Spardruck verführt dazu, keine Eigeninitiative zu ergreifen. «Der Kanton Bern ist beim neuen Stipendiengesetz mit schlechtem Beispiel vorangegangen und hat gezeigt, dass er nicht gewillt ist, die Kürzungen des Bundes zu kompensieren», sagt Nils Heuberger. Statt 44 will Bern ab 2005 nur noch 31 Millionen für Stipendien ausgeben. Auch andere Kantone werden auf die Sparbremse drücken, glaubt Stirnimann.

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Damit dürfte sich auch der Trend, Stipendien vermehrt durch rückzahlbare Darlehen zu ersetzen, noch verstärken. «Wir lehnen das kategorisch ab», sagt Studentenvertreter Nils Heuberger. «Denn rückzahlbare Darlehen sind eine Hypothek beim Start ins Berufsleben, womit die soziale Ungleichheit fortgesetzt wird.»

Charles Stirnimann will in den kommenden Monaten bei den kantonalen Bildungsdirektoren gegen den Stipendienabbau lobbyieren. Gelinge es nicht, interkantonal gültige Standards bei den Stipendien zu setzen, werde der Abbau Realität, warnt Stirnimann. «Dann würden Errungenschaften der letzten 30 Jahre zunichte gemacht.» Den Ernst der Lage erkannt hat auch der Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz, Hans Ulrich Stöckling: «Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Kantone diese Ausfälle kompensieren und im Rahmen des NFA auch die nötigen Mittel dafür erhalten.»

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