Beobachter: Schweizer Firmen klagen über die zunehmende Bürokratie. Wie schlimm ist es?
Thierry Volery: Das ist tatsächlich ein ernstes Problem. Bund, Kantone und Gemeinden mischen sich immer mehr ein. Ständig stellen die Behörden neue Regeln auf. Es liegt in der Natur der Verwaltung, dass sie versucht, ihr Aufgabengebiet ständig auszuweiten. Auch das Parlament ist natürlich mitschuldig.

Beobachter: Aber ist es denn nicht wichtig, dass zum Beispiel die Gesundheit der Arbeitnehmer durch Gesetze geschützt wird?
Volery: Doch, doch. Das ist ein gutes Beispiel. Das Problem ist: Die Kontrolltätigkeit ufert aus. Laut einer Umfrage ist es der grösste Wunsch der KMU, Gebote und Verbote abzubauen. Diesen ganzen Formularkrieg. Auch der Prozess der Baubewilligungen könnte vereinfacht und beschleunigt werden. Und die Mehrwertsteuer ist eindeutig zu kompliziert. Ständig gibt es da neue Regelungen und Ausnahmen. Die Firmen müssen eigens Berater dafür anstellen. Darüber beschweren sich die KMU zu Recht.

Beobachter: Ein Wirt ärgert sich über den Lebensmittelinspektor, der peinlich genau die Hygiene kontrolliert. Muss der Gast vor Mikroben geschützt werden?
Volery: Wichtiger in der Gastronomie ist, dass jeder ohne Wirtepatent eine Beiz aufmachen darf. Dafür braucht es aber in diesem Bereich Kontrollen. Denken Sie an die Folgen der Liberalisierung der Fleischmehlproduktion in Grossbritannien: Da wurde überhaupt nicht mehr kontrolliert. Das Ergebnis: die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.

Beobachter: Einem Salbenhersteller wurde verboten, «gegen juckende Haut» auf die Verpackung zu schreiben. Erlaubt ist hingegen «gegen beanspruchte Haut». Was sagen Sie dazu?
Volery: Das ist absurder Perfektionismus. Man sollte die EU-Normen übernehmen. Sonst muss der Unternehmer noch eine unterschiedliche Verpackung für den Export herstellen. Viele Normen in der Schweiz sind übrigens immer noch nicht vereinheitlicht. Denken Sie an das Bauwesen. Es gibt fast 20 verschiedene Arten in der Schweiz, die Höhe von Gebäuden zu messen. Ähnliches gilt für den Brandschutz.

Beobachter: Trotzdem: Im Ausland soll der administrative Aufwand noch viel grösser sein.
Volery: Das stimmt für Deutschland oder für Frankreich. Die Macht der französischen Behörde ist wahnsinnig. Jeder vierte Angestellte arbeitet für den Staat. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass es diesen zwei Ländern wirtschaftlich nicht so gut geht. Reformen haben es da sehr schwer. Die Bürokratie weiss sich zu wehren.

Beobachter: Worüber können sich hiesige Unternehmer nicht beklagen?
Volery: Über ihre Arbeitnehmer. Die arbeiten mehr als die 35 Stunden der Franzosen, sind motiviert, streiken kaum und sind sehr gut ausgebildet.

Beobachter: Ist die Jammerei der Unternehmer nun berechtigt oder nicht?
Volery: Bei der Mehrwertsteuer eindeutig ja, auch beim Normenwirrwarr. Aber das bedeutet nicht, dass man gleich alles abbauen muss: Konsumenten- und Arbeitnehmerschutz haben ihre Berechtigung. Uns geht es immer noch gut. Aber wenn wir an der Spitze bleiben möchten, müssen wir vereinfachen und abbauen.