Kein Lebenslauf, kein Bild des Autors, nur eine kurze freundliche Einführung. «Der Beobachter hat dem jungen Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, dessen Stücke in Zürich und Basel starke Beachtung gefunden haben und der zu grossen Hoffnungen berechtigt, den Auftrag gegeben, einen schweizerischen Kriminalroman zu schreiben.» Darunter begann das erste Kapitel des Krimis «Der Richter und sein Henker» vor exakt fünfzig Jahren, in der Ausgabe 23 des Jahres 1950.

Weil die erste Geschichte laut Beobachter bei den Leserinnen und Lesern «lebhaften Applaus ausgelöst» hatte, folgte 1951 mit «Der Verdacht» ein zweiter Kriminalroman mit dem unkonventionellen Kommissär Bärlach, der die Täter mit Instinkt und mit List in die Falle lockt.

Der Roman ging ihm nicht leicht von der Feder. «Hier die versprochenen Kapitel ich kam diese Woche wieder nicht recht zur Arbeit», klagte Friedrich Dürrenmatt 1951 in einem Begleitschreiben an den Beobachter (Friedrich Dürrenmatt: «Drei Begleitschreiben an den Beobachter», vom 20.5.1951, 8.7.1951 und 16.7.1951, Diogenes-Verlag, Zürich). «Die Krankheit meiner Frau, die überdies erwartet, zwang mich die Tätigkeit einer Hausfrau zu übernehmen, endlich ist Hilfe gekommen, und nun kann ich die Mord und Totschlag Geschichte weiter spinnen. Der im neuen Kapitel eingeführte jämmerliche Kerl von einem Schriftsteller wird ebenso jämmerlich ums Leben kommen.»

Die Zusammenarbeit mit Dürrenmatt war nicht einfach davon zeugen auch die Begleitbriefe des 30-jährigen Jungautors an den Beobachter, die erstmals öffentlich zugänglich sind. «Hier die ersten vier Kapitel des Romans, die medizinisch nun in Ordnung sind», schrieb Dürrenmatt zum Beispiel. Und fügt gleich bei: «Verzeihen Sie, dass es noch nicht korrigiert ist.»

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Pünktlich war Friedrich Dürrenmatt ebenfalls nicht. Die Krankheit seiner Frau, die Geburt der beiden Töchter und seine noch nicht erkannte Zuckerkrankheit lenkten ihn immer wieder ab. Vor allem beim ersten Roman rückte der Redaktionsschluss jeweils bedrohlich näher das nächste Kapitel aber lag noch nicht vor. Deshalb sei Kulturredaktor Hermann Schneider so wird erzählt mehr als einmal zu Friedrich Dürrenmatt an den Bielersee gefahren, um das Material gerade noch rechtzeitig zu bekommen. Schneider, selber Schriftsteller, soll sogar gedroht haben, die Fortsetzung nach eigenem Gutdünken zu schreiben.

Doch vom schwierigen Bündnis profitierten beide Seiten. Der Beobachter mehrte seinen damaligen Ruf als kulturelle Plattform. Friedrich Dürrenmatt seinerseits hatte zwar erste Erfolge als Theaterautor gefeiert, finanziell aber ging es der jungen Familie schlecht.

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Der Pfarrerssohn lebte von den Zuschüssen der Mutter. «Ich brauchte Geld und war froh um den Auftrag», sagte Friedrich Dürrenmatt später. 3000 Franken wurden ihm für «Der Richter und sein Henker» geboten. «Als er mit den 500 Franken Vorschuss nach Hause kam, glaubte Lotti Dürrenmatt, ihr Mann hätte das Geld gestohlen», weiss Dürrenmatt-Biograph Peter Rüedi.

Lanciert wurde das Projekt von Max Ras, dem Beobachter-Gründer, der das schriftstellerische Talent fördern wollte. Über Dürrenmatts Cousin Peter machte er den Vorschlag für eine Fortsetzungsgeschichte. «Aber», so Max Ras zu Peter Dürrenmatt, «es müsste ein Kriminalroman sein, einen solchen würde unsere Leserschaft goutieren.» Friedrich Dürrenmatt sagte sofort zu.

Dass ein ehrgeiziger Dramatiker einen Krimi schreibt, war nicht selbstverständlich. «Snobs mögen das als Abstieg verlästern», schrieb der «Tages-Anzeiger» 1952, nachdem die erste Bärlach-Geschichte als Buch erschienen war. Doch für Peter Rüedi sind die Krimis «im Hinblick auf Dürrenmatts Ästhetik geradezu Schlüsselwerke», wie er nach dem Tod des Autors in der «Weltwoche» schrieb «die scheinbare Trivialität als Trick».

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Mit den beiden Bärlach-Romanen war die publizistische Zusammenarbeit mit dem Beobachter zwar zu Ende. Doch Max Ras blieb ein Helfer und Förderer Dürrenmatts. Im Beobachter lancierte er die so genannte «Fünfliber-Aktion». Gesucht wurden Leserinnen und Leser, die drei Jahre lang einen fixen Betrag spenden konnten. Die Hilfsaktion sollte es Dürrenmatt laut seinem Cousin ermöglichen, «sein dramatisches Schaffen finanziell einigermassen gesichert zu erfüllen». Der Verlag ging mit dem guten Beispiel und monatlich 200 Franken voran.

«Der Erfolg war zunächst eher bescheiden, nahm dann aber zu», erinnerte sich Kassenwart Peter Dürrenmatt später. 170 Abonnenten öffneten schliesslich ihren Geldbeutel darunter etliche, die sich ihren Beitrag von fünf Franken pro Monat «regelrecht absparen mussten». 112 Zahlende blieben drei Jahre lang dabei, und Dürrenmatt erhielt 600 Franken im Monat. «Mit der Unterstützungsaktion war er finanziell sorgenfrei geworden», so der Cousin. Als Dank schickte Dürrenmatt jedem Spender ein signiertes Exemplar eines seiner Dramen allerdings erst «nach wiederholtem Drängen» von Vetter Peter.

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Mit geistreichem Witz merzte Friedrich Dürrenmatt jeweils derartige Versäumnisse aus. So auch in der Korrespondenz mit dem Beobachter. «Der Verdacht», sein zweiter Krimi, spielt über weite Strecken in Arztkreisen. «Bis spätestens am 1. Juli wird der Roman abgeschlossen sein als Enddatum», versprach der Autor am 20. Mai 1951. Daraus wurde nichts. Noch bis weit in den Juli hinein schickte Dürrenmatt einzelne Kapitel. Dafür munterte er Kulturredaktor Hermann Schneider mit einer Anekdote auf: «Materialien zu meiner Geschichte konnte ich vorige Woche an eigenem Leibe studieren, da ich nun, mit sechs Eisen am Hintern selber auf dem Schragen eines Chirurgen lag, wahrscheinlich schrieb diese Tortur die göttliche Weltregierung extra zu diesem Zweck vor.»

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