Gehören Sie auch zu jenen, die so genannten Arbeitszeitdiebstahl begehen? Laut der Umfrage eines Personalvermittlers halten es 37 Prozent der Angestellten für gerechtfertigt, im Büro das Internet auch privat zu nutzen – gar 58 Prozent sind es im Finanzsektor. Diese Zahlen erstaunen nicht: Wer früher böse Blicke erntete, wenn er bei der Arbeit Zeitung las, macht dies heute diskret online. Und wer in Kauf nehmen musste, dass Kollegen mithörten, wenn er ausführlich Privates besprach, kann nun aufs E-Mail ausweichen. Das Internet erschwert die soziale Kontrolle am Arbeitsplatz.

Das wissen auch die Arbeitgeber – und setzen auf technische Mittel. Für unsere Titelstory (siehe Artikel zum Thema «Überwachung: Big Boss is watching you») befragten Thomas Angeli und Dominique Strebel Schweizer Unternehmen zur Überwachung ihrer Angestellten. Die Ergebnisse sind besorgniserregend: Zwei Drittel der Betriebe protokollieren die Internet- und die E-Mail-Nutzung und speichern die Daten bis zu 15 Jahre. Ein Drittel verrät, dass Mails der Mitarbeiter schon auf ihren Inhalt überprüft wurden. Auch sonst hat Kontrollieren Konjunktur: In Callcentern wird erfasst, wie oft jemand «Äh» sagt; in einem Elektronikmarkt wurden Angestellte auf dem Weg zur Toilette gefilmt. Die Überwachung im Job ist umfassender, als viele glauben, und sie hat Folgen – bis hin zur Kündigung. Dank der minuziösen Kontrolle sei die Leistung des Einzelnen besser messbar, argumentieren Arbeitgeber. Fragt sich nur, was da erhoben wird – der Wert einer telefonischen Auskunft hängt schliesslich nicht von der Zahl der «Ähs» ab.

Privates Surfen und Mailen hält der Arbeitgeberverband für tolerierbar, sofern die Leistung stimmt – das klingt vernünftig. Dann sollten sich die Vorgesetzten fragen, wie sehr die Leistung leidet, wenn kleinliche Kontrollen ein Klima des Misstrauens schaffen. Und Angestellte sollten sich bewusst machen, dass die Privatsphäre ein wertvolles Gut ist, das zu verteidigen sich lohnt. In Zeiten, wo «Big Brother» eher für harmlosen TV-Voyeurismus steht als für umfassenden Überwachungsterror à la George Orwell, ist das leider nicht selbstverständlich.