Einen Braten soll man im eigenen Saft schmoren. Nur so bleiben die Aromastoffe erhalten. Ähnliches sagt man über Behördenvertreter: Stallgeruch gilt als wichtige Qualifikation. Immer mehr Gemeinden bekunden indes Mühe, ihre Ämter selbst zu besetzen. Vielen, vor allem kleinen Landgemeinden, mangelt es an geeignetem politischem Nachwuchs. Zugleich werden die Dossiers komplexer. Und wer mag sich schon als Milizionär an heiklen Themen die Finger verbrennen? Da lässt man doch lieber den Profi ran.

Wie etwa im thurgauischen Kreuzlingen. Im letzten November war der Posten des Stadtammanns neu zu besetzen, nachdem endlich auch der amtierende Vorsteher Josef Bieri, der seit 1989 waltete, eingesehen hatte, dass die Stadt dringend einen Neuanfang brauchte. Die Erkenntnis war so konsensfähig, dass ein überparteiliches Wahlkomitee den Posten per Inserat landesweit ausschrieb. Die Stadt suchte einen unverbrauchten Kandidaten. Einen, dem nicht schon die übliche ausgedehnte Ochsentour jeden Elan genommen hat. Kreuzlingen wollte eine echte Auswahl.

42 Bewerbungen gingen daraufhin bei der Stadtverwaltung ein. Elf Kandidaten kamen in die engere Wahl und mussten sich einem Assessmentcenter stellen, einem für Topkader üblichen Ausleseverfahren, in dem Wissen, politische Gesinnung und Persönlichkeit geprüft werden. Sieben bestanden die Evaluation, fünf zogen in den Wahlkampf.

Die Stimme des Volkes überhört

Als jedoch die FDP den einzigen übriggebliebenen externen Kandidaten - einen grünliberalen Politprofi aus dem Kanton Schaffhausen - nicht stützte, sondern einen eigenen Mann portierte, zog sich der ortsfremde Hoffnungsträger zurück. Der Parteienklüngel obsiegte - das ganze Verfahren war für die Katz gewesen.
Der Aufruhr in der Bevölkerung war gross. So gross, dass sich die Parteien noch einmal zusammenrauften und einen zweiten Externen suchten - und bei Andreas Netzle, dem in Salenstein wohnhaften Chefredaktor der «Thurgauer Zeitung», fündig wurden. Netzle, der am Assessment nicht teilgenommen hatte, stach alle Mitbewerber aus und wurde im ersten Wahlgang mit viermal mehr Stimmen als der Zweitplatzierte gewählt. Er wird sein Amt am 1. Juni antreten. Assessment hin oder her: Eine Volkswahl bleibt eine Volkswahl.

Nach Ansicht von Stadtschreiber Silvano Castioni hat nicht das Assessment versagt, sondern die Parteien, die die Stimmung im Volk nicht richtig gedeutet haben. Die Bürger hätten einen neuen Stadtammann von aussen gewollt. Aber die Parteien, allen voran die Bürgerlichen, hätten nicht über ihren Schatten springen können, um den einzigen Auswärtigen zu unterstützen, der das Assessment erfolgreich durchlaufen hatte. Die Stadt habe nach Jahren des Stillstands einen Neuanfang gebraucht. «Das hätten alle wissen müssen, die erlebt haben, was alles nicht gelaufen ist in all den Jahren», so Castioni. «Auch wenn man ein Verfahren wie das Assessment durchführt, darf man die Bevölkerung nicht vergessen», mahnt er.

Ein Missgriff per Inserat

Dass Gemeinden ihre Spitzenämter per Inserat besetzen, ist ein immer weiter verbreitetes Phänomen, derzeit allerdings noch vor allem in der Ostschweiz. Gemäss Reto Steiner vom Kompetenzzentrum für Public Management (KPM) der Universität Bern hängt das damit zusammen, dass der Gemeindepräsident in der Ostschweiz oft ein Vollamt bekleidet. Doch die Problemstellung ist eine nationale: «Zwei von drei Gemeinden haben Mühe, ihre Behördenämter zu besetzen», sagt Steiner. Die Erfahrungen mit Stelleninseraten indes sind sehr unterschiedlich.

Die Stadt Arbon TG muss in dieser Sache wohl als Vorreiterin gelten, vor allem wegen der Negativschlagzeilen, die die vorletzte Stadtammannwahl ausgelöst hat. Wie in Kreuzlingen hatte ein überparteiliches Komitee eine öffentliche Ausschreibung des Amts per Stellenanzeiger forciert. Nach parteipolitischen Querelen ging die damals 44-jährige Basler Stadtplanerin Lydia Buchmüller, ein parteiloses politisches Greenhorn, als Siegerin aus den Wahlen hervor. Da die Ergebnisse des Assessments aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht publik gemacht werden durften, wussten die Stimmbürger nur, dass Buchmüller die Evaluation bestanden hatte, nicht aber, wie gut. Die Praxis brachte rasch Klärung: Kaum eineinhalb Jahre im Amt, liess sich die persönlich wie sachlich überforderte neue Frau Stadtammann krankschreiben und ging auf Tauchstation. Nach und nach wurden ihr sämtliche Kompetenzen entzogen, bis letztlich ihr Vize interimistisch die Amtsgeschäfte übernahm.

Der Missgriff per Inserat hielt Arbon aber nicht davon ab, die neuerliche Vakanz nach demselben Verfahren zu besetzen. Und siehe da: Der seit einem Jahr amtierende Martin Klöti, ein aus Rapperswil SG zugezogener Freisinniger, reüssiert. Er sei überaus kommunikativ und habe innert kürzester Zeit ein Netzwerk aufgebaut, berichtet Stadtschreiberin Andrea Schnyder in breitem Walliser Dialekt - offenbar findet Arbon seine Verantwortungsträger nur noch anderswo. «Es spricht nichts gegen das Inserat. Am Schluss kommt es auf die Persönlichkeit an», so Schnyder.

Ein Stelleninserat garantiere eben noch nicht, dass die beste Kandidatin, der beste Kandidat gefunden werde, sagt Reto Steiner vom KPM, der die Entwicklung sehr aufmerksam verfolgt. Grundsätzlich sei es ein interessanter Ansatz, dass man nicht mehr jahrzehntelang in einer Gemeinde wohnen müsse, um ein wichtiges Kommunalamt zu erfüllen, findet er. Das Einzugsgebiet werde grösser, die Führungsfähigkeiten der Aspiranten könnten objektiver geprüft werden, und man komme endlich weg von der Vorstellung, dass Politiker als Politiker geboren würden.

Über einen reichen Erfahrungsschatz bei der Vermittlung von Spitzenpolitikern und Verwaltungskadern verfügt das internationale Beratungsunternehmen Mercuri Urval. Es hat schon vor Jahren den Kompetenzbereich «Public Authorities» geschaffen und als Marktleader in diesem Segment die Assessments in Arbon und Kreuzlingen durchgeführt. «Immer mehr Gemeinden suchen externe Unterstützung zur Besetzung wichtiger politischer und Verwaltungsstellen», sagt Unternehmenssprecher René Rüthemann. «Public Authorities» sei ein Zukunftsmarkt. Doch bei genauer Nachfrage verstummt der Headhunter plötzlich. Nach intensiven Diskussionen habe die Geschäftsleitung entschieden, «zum jetzigen Zeitpunkt» nicht weiter über diesen Bereich zu informieren, richtet Rüthemann aus. Mit «Public» ist es in dem Fall noch nicht weit her. Ein Indiz dafür, wie sensibel das Thema ist.

Vorbilder aus der Wirtschaft

Reto Steiner weiss, warum: «Die Leitung einer Gemeinde bedarf einer starken politischen Legitimation», sagt er. Um ein solches Amt erfolgreich auszufüllen, brauche es neben Führungserfahrung auch eine lokale Verankerung. Inwiefern und wie schnell ein Externer dies bewerkstelligen könne, sei immer fraglich. «Für eine Gemeinde, die den Aufbruch sucht, kann ein Fremder eine Chance sein. Läuft es in einer Gemeinde aber gut, ist er ein Risiko», erklärt Steiner. Also je nach Situation ein anderes Anforderungsprofil für den Stadtvater, wie in der Privatwirtschaft?

Tatsächlich finden immer mehr Gemeinden ihre Funktionsprinzipien im einstigen Gegenmodell: in der Wirtschaft. Als Vorzeigebeispiel hierfür gilt Riehen BS. Wie kaum eine andere Gemeinde in der Schweiz hat Riehen die Trennung von operativem Geschäft und Strategie - eines der zentralen betriebswirtschaftlichen Prinzipien - verwirklicht. Der Gemeinderat ist zuständig für die Ausarbeitung der politischen Zielsetzungen, während die Verwaltung und deren Chef diese Vorgaben umsetzen und Entscheidungsgrundlagen erarbeiten. Dieses Modell muss als der Anfang vom Ende der Ochsentour gelten, bei der sich ein kommunaler Entscheidungsträger durch alle Ämter hocharbeiten muss.

Andreas Schuppli wirkt seit sieben Jahren als Gemeindeverwalter von Riehen. Der ehemalige kantonale Departementssekretär wurde unter anderem wegen seiner Projekterfahrung ins Amt geholt; er hat den ganzen Reformprozess begleitet. Die Erfahrungen im Zusammenspiel von Gemeinderat - in Riehen die gewählte Exekutive - und Verwaltung seien sehr gut, «überraschend gut», sagt er. Die Politik habe viele Kompetenzen delegiert, die Arbeitsteilung sei klar und gut strukturiert. Da er als Ratssekretär im kommunalen Parlament sitze, komme ihm auch eine Botschafterrolle zu, die es ihm ermögliche, dem Einwohnerrat, der tendenziell gern ins Tagesgeschäft eingreifen wolle, die Vorgänge zu erklären. Riehens Erfolge können sich sehen lassen: Die Gemeinde hat in Sachen Kundenorientierung und Kostenbewusstsein grosse Fortschritte gemacht. Im Internationalen Speyerer Qualitätswettbewerb wurde Riehen 2005 für seine Gemeindereform ausgezeichnet. Gewürdigt wurde insbesondere die grundlegende und konsequente Erneuerung des Zusammenwirkens von Politik und Verwaltung.

Riehen steht für einen Trend. Die Ansprüche der Bevölkerung an die Behörden steigen, die Arbeit der Verwaltung wird professioneller. Auch das führt zu Spannungen: «Die Politik muss ein Spiegel der Gesellschaft sein. Sie muss in der Bevölkerung abgestützt sein und Kompromisse machen. Die moderne Verwaltung hingegen muss möglichst gute Leistungen erbringen», sagt Reto Steiner vom KPM. Viel mehr als die Privatwirtschaft müsse die Politik auf das Tagesgeschehen reagieren können. «Darum braucht die Politik starke Interventionsmöglichkeiten», betont Steiner. Die betriebswirtschaftlichen Prinzipien könnten nicht einfach übernommen, sondern müssten adaptiert werden.

Die Professionalisierung des Gemeindewesens indes schreitet unaufhaltsam voran. Was früher ein Finanzverwalter war, nennt sich heute Chief Financial Officer (CFO), der Gemeindeschreiber wird zum Chief Executive Officer (CEO) - immer mehr hält auch das Managervokabular Einzug in die einstmals verstaubten Amtsstuben. Und auch der Weiterbildungsmarkt für Verwaltungsangestellte wächst. Bereits an drei Universitäten können Master-Lehrgänge in öffentlicher Verwaltung gemacht werden, an mehreren Fachhochschulen werden Verwaltungsmanager auf Bachelorstufe ausgebildet. Ziel ist neben der Ausbildung professioneller Verwaltungskader eine grössere Durchlässigkeit zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst, um eben auch die Besten in die Verwaltung zu locken.

Von der Teppichetage ins Täferzimmer

Heute genüge es nicht mehr, eine juristisch korrekte Verwaltung zu betreiben, sagt Paul Bürkler, Dozent für Verwaltungsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft Luzern. Die verstärkte Kunden- und Dienstleistungsorientierung bringe viele betriebswirtschaftliche und ökonomische Aspekte mit sich, erklärt er. Allerdings sei die Professionalisierung des Gemeindewesens nicht unumstritten. «Es gibt Befürchtungen, dass künftig politische Entscheide von Verwaltungsmanagern getroffen werden.» Ein Vorbehalt, den Riehens Verwaltungschef Schuppli nicht gelten lassen will: «Die Verwaltung ist nicht dazu da, Politik zu machen, sondern die Entscheidungsgrundlagen für die Politik aufzubereiten und deren Zielvorgaben umzusetzen.»

Auf diesem Weg greifen die Verwaltungschefs aber sehr wohl in die strategische Planung ein. Mit dem Einzug des Controllings - ein weiteres privatwirtschaftliches Instrument - ins Gemeindewesen kommt dem Gemeinde-CEO eine zentrale Rolle zu: Er liefert die Informationen, die das Setzen von politischen Schwerpunkten überhaupt erst ermöglichen. Kein Wunder, ist man nicht überall begeistert ob der Transparenz, die das Controlling im Gemeindewesen schafft.

Um Schlussfolgerungen aus diesen Entwicklungen zu ziehen, sei es noch zu früh, sagt Reto Steiner. Aber Umfragen seines Instituts zeigten, dass die Führbarkeit von Behörden unter solchen Vorzeichen besser werde. Gut möglich, dass mit dem schicken Vokabular der Teppichetagen bald auch die entsprechenden Führungskräfte in die Täferzimmer der Gemeinden einziehen. Ochsentour und Stallgeruch kennen sie nur noch vom Hörensagen.