Für Paul Rechsteiner, St. Galler SP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), wird der 1. Mai kein Ruhetag: In Bern, Chur und Sargans tritt er gleich dreimal als Hauptredner auf. Gegen die krisentreibende Finanzpolitik, Renten- und AHV-Kürzungen will er reden, für Lohngleichheit, soziale Gerechtigkeit und Internationalisierung. «Eine andere Welt ist möglich», ist Rechsteiner vom Sinn seines Einsatzes überzeugt.

Solche gewerkschaftlichen Visionen sind heute wieder gefragt anders als in den fetten achtziger und neunziger Jahren, als die Gewerkschaftsbewegung in eine veritable Krise schlitterte: Zwischen 1980 und 2000 schrumpfte der SGB von 460000 auf nur noch 386000 Mitglieder. Die wenig motivierten Beitragszahlenden nahmen ihre Interessenorganisationen oft als bürokratische Verbände wahr, die in regionalen Kartellen Parolen fassten, sonst aber kaum kämpferisches Bewusstsein verbreiteten. Der Abwärtstrend, glaubt Rechsteiner, «ist gebrochen». Angesichts des massiven Stellenabbaus kann schon die leichte Mitgliederzunahme im vergangenen Jahr als Erfolg gewertet werden (siehe Nebenartikel «Gewerkschaften: Abwärtstrend gestoppt»).

Möglich wurde dies allerdings nur, weil die Verbände der Sozialarbeiter, der Bühnenkünstler und des Kabinenpersonals mit 6000 Mitgliedern neu beitraten. Einzelne Gewerkschaften verzeichnen indes einen regelrechten Wachstumsboom.

Die junge, vor allem im Detailhandel und Gastgewerbe verankerte Unia, die ab 1. Juli Partner des Gastgewerbe-Gesamtarbeitsvertrags sein dürfte, legt seit ihrer Gründung 1996 zu. Stand Ende Dezember 2002: 17642 Mitglieder, davon 60 Prozent jünger als 40. Vergangenes Jahr gewann die Unia über 1000 Mitglieder dazu nicht zuletzt eine Folge der Erfolgskampagne «Keine Löhne unter 3000 Franken».

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Das Profil einer kämpferischen Organisation erlangt hat die Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI). Trotz Personalabbaus in der Branche verzeichnete sie letztes Jahr einen leichten Zuwachs auf 92000 Mitglieder.

Die Liste der Aktionen, Warnstreiks, Streiks und Grossdemonstrationen ist lang. Die rote GBI-Flagge ist auf den Schweizer Protestplätzen zum Symbol des wiedererwachten Kampfgeistes der Arbeitnehmer geworden. Imageprägend war der landesweite Streik von 15000 Bauarbeitern, der letzten Herbst zur Herabsetzung des Rentenalters auf 60 Jahre führte.

Medienwirksame Funktionäre

Kampfkraft bewies Ende Februar auch die 38000 Mitglieder starke Gewerkschaft Kommunikation, die 1999 aus der Fusion der sechs PTT-Hausverbände hervorging. Unter ihrer Ägide traten 300 bislang unorganisierte Angestellte des privaten Anbieters Orange an drei Standorten in der Westschweiz und in Zürich während zwölf Tagen in den Streik. Mit Erfolg: Orange willigte in einen vertretbaren Sozialplan ein. Laut Vizepräsident Giorgio Pardini spürt seine Gewerkschaft Aufwind: «Der Mitgliederschwund ist gestoppt, wir haben nachhaltiges Wachstumspotenzial.»

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Ein gewerkschaftliches Vakuum im Dienstleistungsbereich versucht auch die kleine Online-Gewerkschaft Syndikat zu schliessen. Sie peilt Fachleute aus dem Bereich der Informationstechnologien an. Vor einem Jahr gegründet, zählt sie heute 550 Mitglieder. Wachstumsrate: 20 bis 50 Neumitglieder pro Monat. Das Potenzial liegt laut Vorstandsmitglied Beat Ringger bei 15000 bis 20000 Mitgliedern; allein im Kanton Zürich sind über 1000 Informatikprofis arbeitslos.

Dass erfolgreiche Streiks und die wachsende Akzeptanz im Dienstleistungssektor den Gewerkschaften vermehrt das Profil einer glaubwürdigen und wirkungsvollen Interessenvertretung verleihen, kommt nicht von ungefähr: Sie haben die Mobilisierungskraft von Kampagnen und Streiks ebenso entdeckt wie deren medienwirksame Inszenierung.

An die Gewerkschaftsspitzen drängen immer häufiger aktionsbereite Exponenten, die mit der Kunst der Massenwirkung und den Kanälen, die zu Schlagzeilen führen, vertraut sind. Während die Arbeitgeber in behäbiger Amtsstubenmanier bürokratische Verlautbarungen komponieren, beherrschen Funktionäre wie Paul Rechsteiner, sein Vize Vasco Pedrina, die GBI-Frau Rita Schiavi oder die Novizen Christian Levrat (32, Präsident der Gewerkschaft Kommunikation) und der 35-jährige Waadtländer Smuv-Regionalsekretär und SP-Nationalrat Pierre-Yves Maillard die plakative Mediensprache.

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Zu den erfolgreichen Vorkämpfern zählt auch GBI-Zentralsekretär Hans-Ueli Scheidegger, 50, zuständig für den mächtigen Baubereich. Der Chemikant und Ökonom verfügt nicht nur über solides Sachwissen, sondern auch über Durchsetzungsvermögen. Politisiert wurde er in den siebziger Jahren im Kampf gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst. In der radikalen Anti-AKW-Fraktion Gagak hatte er «keine führende Rolle, aber ich machte dort meine ersten Erfahrungen im Organisieren».

Schneller zu Aktionen bereit

Das kam ihm später als GBI-Sekretär in Basel zugute, als er zahlreiche sach- und medienwirksame Aktionen aufzog. Ob eine couragierte Arbeitsniederlegung in der Rheinfelder Aare-Wäscherei oder ein erfolgreicher Lohnstreik in der Zentralwäscherei Basel immer war der entschlossene Linke an der Spitze dabei wie später auch als Hauptverantwortlicher des landesweiten Rentenstreiks der Bauarbeiter. Scheideggers Credo: «Wenn es sein muss, sind wir bereit, den Kampf zu führen und den vollen Einsatz zu leisten.»

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Dies bekam der Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterverbands bei den Verhandlungen ums vorgezogene Rentenalter zu spüren. Die GBI sei «eindeutig militanter» geworden, sagt Werner Messmer und glaubt auch zu wissen, weshalb: «Der Mitgliederschwund zwingt die GBI dazu, populär und volksverbunden aufzutreten, dass es chlöpft und tätscht.» Die Härte, so Messmer, werde aber «logischerweise» auch auf Arbeitgeberseite zunehmen. «Unnötiger Krieg» könnte vermieden werden, «wenn wir gegenseitig lernen, uns mit unseren Interessen zu akzeptieren».

Ob das den neu politisierten Angestellten reicht, ist fraglich. «Es gibt eine neue Streit- und Kampfkultur der Arbei-ter- und Gewerkschaftsbewegung in der Schweiz», sagt Hans-Ueli Scheidegger. Selbst in Betrieben ohne gewerkschaftliche Tradition seien «die Leute sehr schnell zu einer Aktion bereit, wenn sich die Gewerkschaft einschaltet».

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SGB-Boss Rechsteiner geht noch weiter: Neu entdeckt werde «die Kraft des Kollektiven» angesichts des hemmungslosen «Managerkapitalismus», der «am Schluss fast als kriminell zu bezeichnen ist». Pikant, dass die Gewerkschaften solchen Auswüchsen mit einem sonst bei den Bossen üblichen Schritt begegnen: Kommendes Jahr wollen die fünf Gewerkschaften GBI, Smuv, VHTL, Unia und Action zur neuen Unia fusionieren.

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