Eine grosse, alte Industriehalle, in der Mitte ein riesiger Ofen, daneben eine mit Brettern abgedeckte Grube. Staub hängt in der Luft, Staub lässt die Fenster matt erscheinen. Es ist grobkörniger Staub, einer, der sich nach Arbeit anfühlt - nach Schaufeln, Schleifen, Schmirgeln.

Da ist sie, die Form. «Zunzgen 14», steht darüber an einem Querbalken, Form Nummer 14. In wenigen Stunden soll in ihr flüssige Bronze zu einer Glocke geformt werden, bestimmt für den Friedhof von Zunzgen, Baselland. Aufgehängt in einem pyramidenförmigen Glockenturm, der nebenan in der Schlosserei entsteht, soll sie im 3'000-Seelen-Ort einen alten Mangel beheben. Zunzgen hat keine Kirche, und so erklangen bisher bei Beerdigungen bloss drei kleine Glocken, die in der alten Gemeindeverwaltung, fernab vom Friedhof, aufgehängt sind. So weit weg, dass sie bei Nordwind am Grab nicht zu hören waren.

Die Zunzger Friedhofsglocke wird ein Unikat werden - so wie jede Glocke, die in der letzten Glockengiesserei der Schweiz, bei der H. Rüetschi AG in Aarau, hergestellt wird. «Zur Freiheit hat uns Christus befreit», wird darauf stehen, dazu «Gemeinde Zunzgen - 2007». Inschrift und Jahreszahl gehören zu einer Glocke, als eine Art Vermächtnis an die folgenden Generationen. Und das können viele sein: «Glocken halten viel zu lang», knurrt Vorarbeiter Roland Bolliger. Dabei schwingt mehr Berufsstolz als Verärgerung über ausbleibende Aufträge mit. Die älteste bekannte Glocke aus Aarau tut seit 640 Jahren ihren Dienst in der Freiburger Kathedrale: «fusa sum arow 1367», steht da drauf, «zu Aarau gegossen 1367».

Seither hat der Mensch Atomkerne gespalten, Raketen zum Mond geschickt. Er hat Maschinen erfunden, dank denen er beliebige Mengen eines Produkts mit ein paar wenigen Klicks an einem Computer ordern, herstellen und in die ganze Welt verschicken kann. Eine Glocke jedoch bedeutet Handarbeit, Einzigartigkeit, eine kleine Ahnung von Ewigkeit. Mag aus dem mittelalterlichen Giesser ein Giessereitechnologe geworden sein, das Handwerk und das Material sind gleich geblieben.

Der Kirchturm als Musikinstrument
Das Handwerk: Eine aus Backsteinen gemauerte grobe Form bildet den Kern, der dem hohlen Innenraum der künftigen Glocke entspricht. Darüber kommt die «falsche Glocke» aus Lehm. Über sie der Mantel, ebenfalls aus Lehm; ist dieser ausgehärtet, wird die «falsche Glocke» entfernt. Im Zwischenraum entsteht beim Guss das eigentliche Werk, die Glocke.

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1. Die Gussform
Sie wird aus Lehm hergestellt. 800 Kilogramm Sand sorgen für Halt.


Das Material: eine Lehmmischung, seit Jahrhunderten bewährt, dazu Ziegelmehl, Kreidemehl, eingeflochtene Hanffäden, eingekochtes Bier, dessen Stärke beim Austrocknen der Form Festigkeit verleiht. Seit Jahrhunderten die gleichen Handgriffe, seit Jahrhunderten das gleiche Material.

«Wir giessen nicht mehr viele Glocken, vielleicht 20 pro Jahr», erklärt René Spielmann, der die Firma von seinem Vater übernommen hat. Auch Kunstwerke und komplexe Formen für industrielle Zwecke werden in Aarau gegossen. Im Mittelpunkt stehen bei der Rüetschi AG aber Restaurierungen von alten Glocken und Glockenstühlen, Sanierungen und Neuinstallationen von ganzen Turmuhren. Dabei verwischen sich die Grenzen zwischen uraltem Handwerk und modernster Technik: Im EU-Forschungsprojekt «Pro Bell», bei dem die Firma dabei ist, wird mit modernsten wissenschaftlichen Methoden untersucht, wie sich historische Glocken erhalten lassen.

René Spielmann ist hörbar stolz, wenn er über die Beteiligung an «Pro Bell» spricht. Wenn er dann von Glocken und ganzen Kirchtürmen als Musikinstrument erzählt, kommt der ausgebildete Elektroingenieur endgültig ins Schwärmen. Er schleppt CDs an, um dem Besucher den Unterschied zwischen dem Geläut einer Kirche im Maggiatal und demjenigen einer russisch-orthodoxen Kirche zu erklären. Er führt das Glockenspiel vor, das früher jeweils vom Zürcher Opernhaus gemietet wurde, bis man dort beschloss, ein eigenes anzuschaffen. Er demonstriert - Stimmgabel in der einen, Anschlaghammer in der anderen Hand - Oberoktave, Prim und Unteroktave einer Glocke und den unterschiedlichen Klang von verschiedenen Klöppeln.

Und René Spielmann erzählt: vom Glockenspiel am Weg der Schweiz in Sisikon UR etwa, einem 37 Glocken starken Carillon, das am 12. September 2001 mit einem Werk des Jazzmusikers Frank Sikora eingeweiht wurde. Mit einer denkwürdigen Komposition: Wegen der Terroranschläge in New York schrieb Sikora das Stück über Nacht von Dur auf Moll um.

Derweil bereiten Roland Bolliger und sein Gehilfe Markus Müller in der Werkstatt die fertige Form für die Zunzger Glocke auf den Guss vor. Auf den Knien dichtet Müller mit Lehm und Hanfschnur selbst winzige Ritzen zwischen Kern und Mantel ab und verbindet dann die beiden Teile mit vier grossen Klammern. Auf dass kein Tropfen flüssigheisse Bronze austreten kann. Oben an der Glocke setzt Bolliger die Gussform für die Aufhängung auf, den Glockenkopf. Sorgfältig passt er die Form genau in die Mitte des Mantels ein und befestigt diesen mit Draht. Dann fixieren sie die fertige Form auf dem Sockel.

Nun legen die beiden einen weiten, hohen Eisenring um die Gussform. Sie beginnen zu schaufeln: 800 Kilo Sand, der schon unzählige Glocken beim Guss festgemauert in der Erde gehalten hat, wird um die Gussform gefüllt. Alle paar Minuten greift Müller zum Pressluftstampfer und verdichtet den Sand. Keinen Zehntelmillimeter soll die Form verrutschen, wenn die Glockenspeise hineingegossen wird, eine 1150 Grad heisse Bronzemasse.

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2. Das Giessen
Die Bronzemischung entsteht aus Barren, die eingeschmolzen und in die Form gegossen werden.


Noch lagert das Metall aber als Barren in einem kleinen Kellerraum hinter der Halle. Zwei Paletten, eine mit Bronze, die bereits einen Zinnanteil von zehn Prozent aufweist, die andere mit reinem Zinn. Daneben ein Kessel mit Scherben. Als am 3. Mai 2001 im Turm der reformierten Kirche von Thusis GR ein Brand ausbrach, stürzte eine der Glocken ab und zerschellte. Nun soll ein Teil von ihr in der Zunzger Friedhofsglocke wiederauferstehen.

In 33 Jahren keine einzige Panne
«Was meinst du, ist die Legierung noch gut?», fragt Philipp Rüfenacht. Roland Bolliger bückt sich, fährt mit dem Daumen über die Bruchstelle, nickt. «Ich würde so 60 Kilo davon nehmen.» Rüfenacht, gelernter Giessereitechnologe, rechnet. Gemäss den «Limburger Richtlinien» des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen sollte die Glockenbronze zu 20 bis 22 Prozent aus Zinn und zu 78 bis 80 Prozent aus Kupfer bestehen. In Aarau giesst man Glocken aus 21-prozentiger Bronze. Für die rund 190 Kilogramm «Glockenspeise» heisst das: 60 Kilo Thusner Scherben, 115 Kilo zehnprozentige Bronze und 15,7 Kilo Zinn.

Markus Müller fährt die Barren zum Ofen, kaum viel mehr als ein umrandetes Loch im Boden, mit einer direkten Leitung zum Öltank. Eine bläuliche Flamme züngelt über dem Ofen. Stück für Stück kommen nun Glockenscherben und Bronzebarren in den Tiegel, am Schluss das Zinn. «Wir giessen, wenns dünn ist», erklärt Roland Bolliger.

Der Ofen dröhnt, um halb vier Uhr soll «es» dünn sein. Aber schon eine Viertelstunde vorher verändert sich etwas in der Werkstatt. Statt zwei stehen plötzlich fünf Giesser da, tigern herum. Jeder bereitet sich auf seine Art vor. Einer blickt in den glühenden Schmelztiegel, einer legt Werkzeug bereit, Bolliger zieht feuerbeständige Gamaschen über die Schuhe. «Es ist schon immer ein besonderer Moment», sagt er. 33 Jahre arbeitet er hier und hat schon Hunderte von Glocken mitgegossen. Nein, sagt er, schiefgegangen sei eigentlich noch kein Glockenguss in dieser Zeit.

Die fünf Männer ziehen Schutzbrillen an, und plötzlich ist der Moment da. Mit einem an der Decke montierten Kran wird der Tiegel aus dem Ofen gehoben. Er glüht gelb und orange, es wird warm in der Werkstatt. Mit einer langen, beidhändig geführten Stange dirigiert Bolliger den Tiegel über das Einfüllloch im Glockenkopf. Dort wartet Müller, mit einer feuerfesten Schürze geschützt. In der Hand hält er die Birne, eine konisch geformte Stange, die er nun sorgfältig ins Loch steckt. Mit ihr kann er die Fliessgeschwindigkeit der Glockenspeise regulieren.

Keiner spricht. Wie nach einer uralten, längst verinnerlichten Choreographie weiss jeder exakt, was er zu tun hat. Hansueli Moll, der Älteste, am Kran, Raphaël Schmid, der Jüngste, am andern Ende der Stange, Philipp Rüfenacht, der in der Glockenspeise rührt, Bolliger, Müller. Nach fünf Minuten ist alles vorbei. Der leere Tiegel steht glühend neben dem Ofen, die Giesser wenden sich anderen Arbeiten zu.

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3. Das Entkleiden
Nach dem Erkalten wird der Lehmmantel vorsichtig abgetragen, bis schliesslich jedes Detail zutage tritt.

Ein paar Tage später, wenn die Bronze schliesslich ausgekühlt ist, wird Markus Müller mit Pickel und Presslufthammer die Sand- und Tonschichten abschlagen. Immer vorsichtiger, bis am Schluss die Glocke zum Vorschein kommt. Roh, unversehrt, perfekt. «Doch, es ist gutgegangen», wird er sagen.

Eine Woche danach, ein Stockwerk höher. Das matte Braun der Zunzger Glocke ist einem kräftig leuchtenden Bronzeton gewichen, geschliffen und poliert. Jetzt geht es an die Feinarbeit, den Klang. Dissertationen wurden darüber geschrieben, komplizierte mathematische Formeln aufgestellt. Wandstärke, Durchmesser, Material des Klöppels - alles spielt mit.

Mohammed Türkmen hat die Zunzger Glocke in eine grosse Drehbank eingespannt, ein Ungetüm aus der Maschinenfabrik Oerlikon, Jahrgang unbekannt. Auf einer Werkbank liegt ein Frequenzmessgerät mit Mikrophon, daneben eine Liste: eine Kolonne für «Soll», mehrere für «Messung», dazwischen immer eine mit dem Titel «Korrektur». Auf waagrechten Linien die Tonverhältnisse: Unteroktave, Prim, kleine Terz, Quint, Oberoktave. Messung für Messung liegt der Ton näher beim vorgegebenen Es, mit dem die Glocke schliesslich erklingen soll.

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4. Stimmen und Montage
Die Glocke wird stundenlang geschliffen, bis sie korrekt klingt. Auch das Aufhängen ist Präzisionsarbeit.


Bronzefarbene Späne fallen auf die Maschine, wenn Türkmen den auf einem Schlitten befestigten Schleifstahl Millimeterbruchteil für Millimeterbruchteil tiefer in die Bronze hineinfährt. Die Bewegungen seiner Hand mit dem mächtigen 24er-Schlüssel sind kaum sichtbar. Stundenlang schleift Türkmen, immer näher kommt er der Vorgabe. Es ist eine heikle Arbeit, das endgültige Gelingen der Glocke liegt ganz in Türkmens ruhiger Hand. Am Schluss wird die Glocke auf einen Sechzehntel-Halbton genau stimmen.

Das Codewort kommt per SMS
Es ist der 19. März, und es ist kalt in Zunzgen. Über den Friedhof bläst ein frischer Wind. «Stärker sollte der nicht mehr werden», sagt einer der Männer und blickt nach oben: «Sonst haben wir ein Problem.» Vier Meter über dem Boden schwebt die Spitze des Glockenturms an einem Kranhaken. Mittendrin, geschliffen, poliert und aufgehängt, die neue Friedhofsglocke.

Der Glockenturm: eine dreieckige Pyramide, ein Symbol für die Dreieinigkeit. Mit Scheiben verglast, weil die Einigkeit im Dorf gewahrt werden soll. Die ursprüngliche Idee, den Glockenstuhl mit Holzlamellen zu verkleiden, musste fallengelassen werden. Zu laut werde die Glocke klingen, befürchteten Anwohner. Ein Anliegen, das Glockenspezialist René Spielmann noch so gern aufnahm: «Ein Glockenturm ist ein ganzheitliches Musikinstrument, und das soll auch von nah schön tönen.» Nun ist die Friedhofsglocke leiser hör-, aber besser sichtbar, hinter einem Bibelspruch in drei Sprachen: «Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.»

Die Männer stellen die Füsse des Turms auf, grosse Eisenträger. Der Elektriker zieht Kabel ein. Sorgfältig senkt der Kranführer den Glockenstuhl ab, Schrauben werden eingedreht. Die Steuerung wird justiert, damit die Glocke genau im berechneten Winkel schwingt.

An einem Sonntag im Juni wollen die Zunzger ihre neue Glocke weihen. Wenn der Pfarrer die Glocke gesegnet hat, wird der Sigrist zum Handy greifen, per SMS ein Codewort an den Empfänger im Turm schicken, und die Zunzger Friedhofsglocke wird zum ersten Mal ertönen. Und vielleicht wird dann, beim ersten Schlag, für einen ganz kleinen Moment ein Stück Ewigkeit über den Friedhof klingen.

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Quelle: Ursula Meisser