Das lateinische Wort «Flosculus» bedeutet «Blümchen». Das klingt freundlich und war auch einmal so gemeint. In der antiken Rhetorik bezeichnete man so einen brillanten Gedanken, einen Denkspruch, der sitzt. Erst später stand «Floskel» für eine formalisierte Redewendung: Jemand fand beim Formulieren von Schwierigem einen Dreh, der anderen gefiel. Also nutzten auch sie ihn – bis alle es taten. Das Blümchen welkte dahin.

«Die Floskel hat heute einen schlechten Beigeschmack», sagt der Linguist Harald Burger. Er grenzt sie ab von Formeln – ohne die das soziale Leben kaum funktionieren würde; man denke an Beileidsschreiben, Geburtstagswünsche oder Fe­rien­grüsse. «Seit es Schriftlichkeit gibt, verwenden wir formelhafte Elemente in Texten. Das ist in Ordnung, solange sie passen», meint Burger. Aber wenn sie funk­tions­los werden, verkommen sie zu Floskeln.

Überlegen, was der Empfänger denkt

Früher schrieb man «mit vorzüglicher Hochachtung» oder gar «mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung». Das wirkt heute anbiedernd – und steif wie ein gezwirbelter Schnauz. Oder ironisch, sagt Gabriela Baumgartner, Autorin des Beobachter-Ratgeberbuchs «Besser schreiben im Alltag». In offiziellen Schreiben heisse es «freundliche Grüsse». Im Privaten, wenn man jemanden näher kennt, mit «lieben» oder «herzlichen» Grüs­sen. «Herzlichst» hingegen wäre schon zu dick aufgetragen. Aufgesetzt wirke die Steigerungsform auch in Kondolenzschreiben. «Wir sind zutiefst betroffen» klinge kaum nach gefühlter Anteilnahme.

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Vor allem in Bewerbungen, Einladungen oder Offerten halten sich Floskeln hartnäckig. Manchmal empfinden die Adressaten Floskeln als Frechheit und als Geringschätzung, sagt Baumgartner – sie fühlen sich abgespeist mit ein paar Standardsätzen.

Heuchlerisch, ärgerlich, lächerlich

Doppelt ärgerlich für die Empfänger sei, wenn sie die Taktik durchschauen, sagt Andreas Eigenmann, Experte für Unternehmenskommunikation. Wenn sie merken, dass etwas Unliebsames kaschiert werden soll. Oder dass ein dürftiger Inhalt mit Leerformeln aufgebläht wurde.

Lächerlich sind auch Sätze wie «Für weitere Fragen stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung», sagt Daniel Perrin, Experte für Mediensprache: «Wer so schreibt, macht sich keinerlei Gedanken, wie das beim Adressaten ankommt.» Oder darf der Empfänger davon ausgehen, dass exklusiv für ihn jemand 24 Stunden lang am Draht hockt? Besser sei es, wenn man schreibt, wann und wo man erreichbar ist.

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Auch den Satz «Wir bitten um Ihr Verständnis» sollte man nur einsetzen, wo man wahrhaftig darum bittet. Ansonsten: weglassen, weil es unehrlich rüberkommt und es ohnehin keiner mehr hören kann. Warum nicht einfach um Entschuldigung bitten? Oder «Es tut uns leid» schreiben. «Floskeln wirken nie herzoffen, persönlich oder zugewandt», sagt Perrin. Dass wir sie dennoch verwenden, hat mit Bequemlichkeit zu tun. «Sie befreien uns vom Zwang der Kreativität und von der Verantwortung für eigenständiges Formulieren.»

Dabei, ist Beobachter-Autorin Gabriela Baumgartner überzeugt, verstünden wir uns ohne Floskeln besser. Die Texte wären prägnanter, die Schreibe entschlackter. Zur Inspiration lohne sich manchmal auch ein Blick in Blogs oder soziale Netzwerke.

Mit dem Lesen nimmt man automatisch zur Kenntnis. Das muss man nicht noch extra sagen – kommen Sie direkt zur Sache.

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Mit diesem Satz wurde noch vor einigen Jahren jeder Brief beendet. Heute kann man ihn getrost weglassen.

Sprechen Sie nicht in der dritten Person von sich selbst. Das wirkt befremdlich.

Doppelt schlimm. Dadurch, dass man es schreibt, versäumt man es ja gerade nicht. Und «interessant» ist ein nichtssagendes Allerweltswort. Machen Sie es konkret: «Danke für deinen Tipp, beim Faltblatt eine grössere Schrift und eine kräftigere Farbe zu verwenden.»

«Bemühungen» klingt so, als habe sich jemand vergeblich abgemüht. Besser: «Danke für die gute Zusammenarbeit.»

Umständlich und antiquiert. Besser: «Wir haben gestern wegen der Wohnungsbesichtigung telefoniert. Ich schlage Ihnen folgende Termine vor.»

Warum so zögerlich und kompliziert? Lassen Sie das weg. Sie müssen sich nicht entschuldigen, wenn Sie säumige Zahler mahnen.

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Zu überschwänglich. «Ich freue mich auf Ihre Antwort» reicht auch.

Lieber weglassen. Denn das heisst im Klartext: «Belästigen Sie mich bloss nicht mit Ihrem Kram.»

Die Formulierung riecht nach Verbliebenem aus den Amtsstuben des vorletzten Jahrhunderts.