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LandwirtschaftAlpenföhn mit Turbolader

Im Unterland ist er der Traum eines jeden Hausmeisters. Nun erobert der Laubbläser auch die stotzigen Hänge im Alpenraum. Immer mehr Bergbauern gehen mit dem röhrenden Rucksack ins Heu - schliesslich ersetzt ein Bläser drei Mannen mit Rechen.

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Das Bauerndorf Sattel SZ liegt am Fuss von Chaiserstock, Hochstuckli und Morgarten. Dass es dort stotzige Hänge gibt, wissen wir seit dem Geschichtsunterricht. Die wackeren Eidgenossen gaben in der Schlacht am Morgarten den anrückenden Habsburgern eins auf den Deckel. Listig beschmissen sie die Invasoren von den Hügeln herab mit Steinen - deren Pferde scheuten und warfen die gepanzerten Reiter ab. Wie auf dem Rücken liegende Käfer sahen sie aus, und die Eidgenossen brauchten ihnen mit den Hellebarden nur noch den Rest zu geben.

Fast 700 Jahre sind seit dem Gemetzel verstrichen, die Schlachtrufe verhallt. Heute ersteigen die Nachfahren der siegreichen Bauern die Flanken des Morgartens nur noch, um zu heuen.

Im Handumdrehen saubergepustet
Das Einbringen des Viehfutters ist seit Jahrhunderten harte Handarbeit. Ist? Nein, war! Denn die Kulturtechnik des Heuens erlebt zurzeit eine technische Revolution. Immer mehr Bauern legen den Rechen zur Seite und schnallen sich einen «Rucksack» um - im Prinzip ein Laubbläser, allerdings einer mit Turbolader. Er soll ganze Heuwiesen sauberpusten können, angeblich sogar bergwärts. Adolf Lüönd, Landwirt in Sattel und Gemeindepräsident, war anfänglich skeptisch. Sehr skeptisch sogar. Bis er sich so ein Ding umschnallte. Nun ist er ein umso glühenderer Bewunderer. «Hervorragend», schwärmt er. Einen Hoger, an dem er früher zwei Stunden lang das Heu zusammenrechte, bearbeitet er mit dem Bläser in 45 Minuten.

Immer mehr Bergbauern schwören darauf. Lüönd schätzt, dass in Sattel schon jeder vierte Landwirt einen Bläser besitzt. Noch vor drei Jahren war er allenfalls ein Geheimtipp. Den lokalen Händler freuts, er verkauft pro Saison zehn Stück. Ein zufällig ausgewählter Kollege im Berner Oberland bestätigt den Trend: «Die Geräte gibts zwar schon länger, aber erst vor kurzem haben es die Bauern zum Heuen und Emden entdeckt.» Auch bei ihm steigt der Absatz solcher Geräte. Ein Bläser ersetze drei Bauern mit Rechen, behauptet er.

Die Inder werden staunen
Man mag es den schwitzenden Bauern gönnen. Wer möchte von ihnen verlangen, mit Werkzeug zu arbeiten, das aus der Steinzeit zu stammen scheint? Das tun nur zur Verklärung neigende Städter, die keinen Schimmer vom rauen Bergbauernalltag haben. Auch die Subventionen seien den Bauern gegönnt: Sie erhalten vom Bund jährlich 90 Millionen Franken für die Bewirtschaftung von steilen Hängen. Je steiler, desto mehr Staatshilfe gibts. Mit diesen Hangbeiträgen sollen «die Erschwernisse der Flächenbewirtschaftung in der Hügel- und Bergregion abgegolten» werden, wie es auf Amtsdeutsch heisst.

Sorgen sollten wir uns um die Touristen. Auch Inder, Chinesen und Japaner haben nämlich Ohren. Und was wollen die hören? Treichelklang natürlich. Stattdessen dröhnen die Heubläser. Bleibt nur zu hoffen, dass künftige Historiker nicht schreiben werden: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts vertrieben die Nachfahren der ruhmreichen Eidgenossen erfolgreich die letzten verbliebenen Touristen - nicht mit Steinen, sondern mit Dezibel.

Veröffentlicht am 30. Juli 2007