Beobachter: Wie schlimm wird diese Krise?
Monika Bütler
: Es wird wohl die grösste globale Krise seit 50 Jahren, sie wird schwierig und lang. Die Arbeitslosigkeit wird auch bei uns deutlich steigen. Der Arbeitsmarkt wird schwerfälliger: Wer einen Job hat, wird seltener wechseln, und Lehr- und Studienabgänger haben mehr Mühe mit dem Berufs­einstieg. Und die Löhne werden sinken.

Beobachter: Steht die Schweiz besser da als andere Länder?
Bütler: Ja, weil es hier «nur» eine Finanz- und Exportwirtschaftskrise ist und nicht auch noch eine Immobilien- und Schuldenkrise wie in den USA. Zudem sind wir im Ausland nicht verschuldet, haben einen flexiblen Arbeitsmarkt und eine gute soziale Absicherung.

Beobachter: Stichwort Absicherung: Haben Sie einen ­Goldbarren zu Hause?
Bütler
: Nein. Höchstens irgendwo noch ein Gold­vreneli von meiner Mutter.

Beobachter: Es gibt Leute, die jetzt Gold horten aus Angst, dass ihr Geld bald nichts mehr wert ist. ­Fürchten Sie sich nicht vor einer Inflation?
Bütler
: Nein. Zwar hat es im Moment rund doppelt so viel Geld in der Wirtschaft wie vor einem Jahr, weil praktisch alle Staaten den Märkten sehr viel Liquidität zur Verfügung stellen. Aber dieses Geld kann nur zur Inflation führen, wenn es auch im Umlauf ist. Im Moment horten die Banken das Geld aber teilweise, weil sie befürchten, sie bekämen es nicht mehr zurück, wenn sie Kredite vergeben.

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Beobachter: Das kann sich ändern – und dann kommt es doch zur Inflation.
Bütler
: Nicht unbedingt. Die Notenbanken stellen den Banken das Geld nur relativ kurzfristig zur Verfügung und können es schnell wieder zurückfordern. Eine allfällige Inflation kann so vermieden werden. Problematischer als eine Inflation ist zurzeit die Gefahr einer ­Deflation, also von sinkenden Preisen.

Beobachter: Wieso Gefahr? Sinkende Preise sind doch toll.
Bütler
: Wenn die Preise fallen, sinken die Löhne, später die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen, es gibt weniger Arbeitsplätze. Dann haben die Leute noch weniger Geld, die Nachfrage sinkt noch mehr – und so weiter. Das kann zu einem Teufelskreis mit schnell schrumpfender Wirtschaft führen. Daneben drohen auch Pensionskassen insolvent zu werden, weil bei sinkenden Löh­nen und Zinsen die Erträge geringer ausfallen, die Rentenpflicht der Kassen aber gleich bleibt. Für den Staat ist es sehr schwierig, ­eine Deflation zu bekämpfen, wenn die Abwärtsspirale einmal in Gang gekommen ist.

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Beobachter: Versuchen die Staaten, diese Abwärtsspirale zu verhindern, indem sie Banken retten und Konjunkturpakete schnüren?
Bütler
: Richtig. Bisher haben all die Milliarden jedoch wenig gefruchtet. Die Staaten müssen sich gut überlegen, wie die Banken gestützt werden sollen. Geld ohne Bedingungen in ein schlecht funktionierendes Finanzsystem zu pumpen kann keine Lösung sein.

Beobachter: Was ist denn die Alternative?
Bütler
: Falls die Banken noch mehr Kapital benötigen, wärs wohl besser, sie zu verstaatlichen.

Beobachter: Verstaatlichte Banken – kann das gutgehen?
Bütler
: Ja, Schweden hat das in den neunziger Jahren vorübergehend gemacht. Der Staat hat die Banken später mit Gewinn reprivatisiert.

Beobachter: Woher haben Staaten eigentlich all diese ­Milliarden? Drucken sie dieses Geld?
Bütler
: Nein. Pensionskassen, aufstrebende asiatische Länder wie China oder auch Privatpersonen kaufen Staatsanleihen, geben so den Staaten Darlehen und erhalten dafür einen Zins.

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Beobachter: Und was, wenn niemand mehr einem Staat in dieser Form unter die Arme greift?
Bütler: Dann passiert, was mit dem überschuldeten Island passiert ist: Der Staat ist praktisch in Konkurs und auf die Hilfe des Internatio­nalen Währungsfonds angewiesen. Oft versuchen Staaten, die kurz vor dem Bankrott stehen, durch Inflation oder eine Abwertung der Währung die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das hilft aber nur kurzfristig.

Beobachter: In der Schweiz musste ja die UBS gerettet werden: Die Nationalbank hat ihr unsichere Wertpapiere für 40 Milliarden Franken abgekauft. Wer zahlt, wenn aus diesen Ramschpapieren tatsächlich nichts mehr herauszuholen ist?
Bütler: Letztlich die Steuerzahler. Die Nationalbank könnte den Kantonen über Jahre weniger Über­schüsse ausschütten. Das müsste mit höheren Steuern kompensiert werden.

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Beobachter: Wieso hilft man eigentlich nur den Banken? Der Bürger will in einer Krise doch ebenfalls Hilfe.
Bütler: Das stimmt so natürlich nicht. Wären die Banken nicht gestützt worden, würden die Bürger noch mehr leiden, als sie es sonst schon tun. In der Krise muss der Staat nun primär den Arbeitslosen Unterstützung bieten – eine Kürzung der Bezugsdauer von ­Arbeitslosengeldern wäre ein völlig falsches Signal. Hilfestellungen braucht zudem der Mittelstand, vor allem die Familien. Eine Steuersenkung für diese Gruppen wäre wirksam und schnell umsetzbar.