Beobachter: Vom Sportartikelverkäufer zum Schriftsteller – ist das nicht ein etwas ungewöhnlicher Weg?
Roger Graf: Was weiss der Mensch mit 16 schon, was er die nächsten 50 Jahre tun oder lassen sollte? Den Beruf des Schriftstellers mit Lehre oder Studium gibt es nicht, und vom Buchhändler riet mir mein Berufsberater ab, weil es keine Aufstiegschancen gebe; zudem wollten damals alle, die gerne Bücher lasen, Buchhändler oder Terrorist werden, was auch kein anständiger Beruf ist. Mir wurde während der Lehre klar, dass das so nicht geht. In dieser Zeit begann ich ernsthaft zu schreiben und mich mit dem Gedanken anzufreunden, eines Tages davon leben zu können. Glücklicherweise ahnte ich nicht, wie weit der Weg sein würde.

Beobachter: Warum ging es denn nicht?
Graf: Ich habe die Lehre brav abgeschlossen und danach gedacht, so, jetzt hast du einen Beruf erlernt, jetzt möchtest du auch noch etwas über dich selbst lernen. Was bekanntlich schwieriger ist und auch nicht benotet wird.

Beobachter: Haben Sie bereut, den Umweg über die Verkaufslehre gegangen zu sein?
Graf: Umwege führen manchmal an Staus vorbei, sie sind oft etwas gefährlicher, und man weiss nicht genau, ob man nicht doch in einer Sackgasse landet. Wer aber nur ein GPS benutzt, um damit durchs Leben zu wandern, verpasst all die interessanten Nebenwege.

Beobachter: Viele Jugendliche bangen, ihren Traumjob nie zu bekommen.
Graf: Man muss nicht alles hinschmeissen, es geht auch in kleinen Schritten. Wer Mut hat und Ausdauer, kann auf das Glück hoffen und mal drauflosmarschieren. Wenn du jung bist, denkst du, wenn ich es jetzt nicht mache, dann ist es bald zu spät, dann kriege ich Kinder oder einen Virus, oder die Welt erstickt am ganzen Dreck. Es gibt aber mehr als einen Weg ans Ziel. Wenn da etwas ist, was umgesetzt werden will, dann ist da auch diese Stimme, die dich begleitet und dir immer wieder sagt: «He, wolltest du wirklich bis hierher kommen und nicht weiter?»

Beobachter: Sie sind weit gekommen, haben das Hobby zum Beruf gemacht. Ist das jetzt rundum eine Erfolgsgeschichte, oder haben Sie auch etwas verloren?
Graf: Man verpasst immer etwas. Egal, was man tut oder lässt. Das ist wie Fernsehen. Man kann wie verrückt zappen und verpasst so alles. Oder man kann sich für etwas entscheiden. Wichtig ist, dass man sich vom Leben immer wieder überraschen lässt, dann verliert man nicht nur, man gewinnt auch immer wieder etwas dazu.

Anzeige