Zur Begrüssung reicht er die linke Hand – die Finger der rechten sind schwarz von Schuhcreme. Hayrettin Coban, 55, aufgewachsen in Istanbul, ist Schuhmacher von Beruf und praktisch täglich als Schuhputzer im Zürcher Flughafen anzutreffen.

Er ist «Mister Shoe Care». So heisst seine kleine Firma, die er gemeinsam mit einem Partner seit fünf Jahren führt. Sie besteht aus einer Stellwand, einer Kiste und einem Hocker. In der Kiste befinden sich seine Utensilien; auf ihr sitzt er während der Arbeit. Sein Tag beginnt um vier Uhr – von seinem Wohnort Aarburg ist es mit Bus und Bahn ein weiter Weg bis Kloten.

Um halb sieben Uhr morgens steht er am Schuhputzstand bereit, ein paar Schritte hinter der Passkontrolle am Terminal A. Dann ist seine «rush hour» – die Stunde der Massanzüge und Aktenkoffer, der rahmengenähten Halbschuhe und goldenen Armbanduhren. Um diese Zeit steigen die Geschäftsleute in die Maschinen, die sie nach London, Frankfurt, München oder Genf fliegen. Die Zeit dieser Herren ist knapp, aber für viele reicht sie dennoch, um noch schnell auf dem Hocker von «Mister Shoe Care» Platz zu nehmen.

Drei bis vier Minuten dauert die Prozedur. Wenn die Zeit drängt, schafft es Coban auch in zwei, denn er ist flink, und jeder Handgriff sitzt. Als Erstes schiebt er die Sockenschoner in den Schuh. Dann bürstet er den Staub ab, trägt die Creme auf, bürstet sie ins Leder, huscht mit dem Imprägnierungsspray darüber und poliert mit einem Stück Stoff nach – so schnell, dass das Auge kaum folgen kann. Kostenpunkt: acht Franken. Coban bedankt sich freundlich und wünscht einen guten Flug.

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Im Schnitt 40 Kunden Pro Tag
Seine Arbeit betreibt er mit einer fast wissenschaftlichen Akribie. Die Bürsten sind originale Schuhputzerbürsten aus der Türkei – den hiesigen um ein Vielfaches überlegen, da weicher und grösser. Der Stoff, mit dem er den Schuh zum Glänzen bringt, ist Satin, strapazierfähiger als andere Textilien. Und es gibt kaum einen Schuh, vom Motorradstiefel bis zur Riemensandalette, dem er nicht schon seine Pflege hat angedeihen lassen.

Im Schnitt bedient Coban 40 Klienten täglich. Er hat rund 30 Stammkunden – Vielflieger, die zwei-, dreimal pro Woche aus geschäftlichen Gründen in die Luft gehen: Banker, Vermögensverwalter, Händler, Geschäftsführer internationaler Firmen. Männer aus der Teppichetage, deren Schuhe schon ungeputzt so aussehen, als ob sie selten mit Strassenschmutz in Berührung kämen.

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Die Stammkunden schätzen den freundlichen, bescheidenen Türken. Es entspinnt sich die eine oder andere kurze Plauderei. «Long time no see! Wie geht es Ihnen? Wann fahren Sie wieder nach Istanbul?» Er komme immer, wenn er Gelegenheit dazu finde, sagt ein Geschäftsmann. Erstens habe er so immer geputzte Schuhe, und zweitens sei Herr Coban ein sehr netter Mann. Zu seiner eigenen Person will er nicht viel sagen, denn «in unserer Branche ist Diskretion alles».

Kein Feilschen um den Preis
Auch Hayrettin Coban schätzt seine Kundschaft. Sie ist korrekt und freundlich, und auch das Trinkgeld stimmt meistens. Diese Klientel würde nie um den Preis feilschen oder ihn den sozialen Unterschied spüren lassen, wie es in anderen Ländern üblich ist, wo ein Schuhputzer ganz unten auf der gesellschaftlichen Stufenleiter steht. Der einzige Kunde, der ihn jemals von oben herab behandelte, war – ein Türke.

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Die Schweizer hingegen sind voller Anerkennung für den Schuhputzer. Die meisten bedauern, dass diese Dienstleistung hierzulande nicht häufiger angeboten wird. Sie ziehen den Vergleich zu anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten, wo Schuhreinigung an der Tagesordnung sei. Nein, der Beruf des Schuhputzers habe für sie keinen unangenehmen Beigeschmack. «Das ist keine minderwertige Arbeit», sagt einer. Ein anderer: «Alles, was man mit einer ehrlichen Tätigkeit verdient, ist doch gut.» Ein Banker meint: «Ich fühle mich kein bisschen besser als er.» Und, auf die entsprechende Frage: «Natürlich könnte ich mir vorstellen, als Schuhputzer zu arbeiten. Warum nicht?»

Hayrettin Coban ist sich bewusst, dass an seinem Stand zwei unterschiedliche Welten zusammenkommen. Aber obwohl seine Kunden ein Vielfaches seines Monatslohns verdienen, weckt das in ihm weder Neid, noch empfindet er es als Ungerechtigkeit – «schliesslich hat ein Bankdirektor sicherlich viele Jahre studiert, und ich bin in Istanbul nur in die Volksschule gegangen».

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Und ausserdem tragen solche Männer auch ihre Bürde. «Wissen Sie, meine Arbeit ist nicht so toll, wie es von aussen aussieht», sagt ein Geschäftsführer und führt die Nachteile auf: ständig auf Reisen sein und den Stress aushalten. Die Verantwortung für den Betrieb und die Angestellten zu tragen sei belastend, jetzt, wo nichts mehr krisensicher sei.

Wenn weniger geflogen wird, könnte das auch Hayrettin Coban empfindlich treffen. «Aber Krisen sind wie das Leben», sagt er, «es geht immer auf und ab.» Und mit Krisen hat er schon Erfahrung gesammelt. Schliesslich arbeitete er 15 Jahre als Schuhmacher bei Bally – bis zum bitteren Ende 1997, als die Schuhproduktion in Schönenwerd eingestellt wurde. Bally organisierte den Schuhputzstand am Flughafen als Starthilfe für die entlassenen Mitarbeiter. Mittlerweile ist «Mister Shoe Care» zur GmbH geworden und wird ab und zu auch von Banken, Hotels oder für Veranstaltungen engagiert. Das bessert die Firmenkasse ein bisschen auf.

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«Cobans Stundenlohn ist sicherlich nicht schlecht», mutmasst ein Banker. «Mit Schuhputzen kann man sogar reich werden. Schauen Sie nur mal in die USA.» Grund zu Neid hätte der Herr jedoch gewiss nicht, denn die Schuhe, die er trägt, dürften mehr wert sein, als der Tagesverdienst des Schuhputzers beträgt.

Doch Coban ist zufrieden: «Die Arbeit ist gut. Wir haben genug zum Leben.» Er geniesst es, seinen Tag ohne Vorarbeiter, ohne Akkorddruck, ohne Stress zu gestalten. Freilich, am Monatsende bleibt ihm nicht viel Geld übrig. Früher, als seine Frau ebenfalls bei Bally arbeitete, konnten sie etwas beiseite legen. Dann kamen die Lohnkürzungen. Und dann die chronische Erkrankung seiner Frau, die heute nicht mehr arbeiten kann.

Einmal jährlich in die Heimat
Die Cobans haben zwei erwachsene Kinder – die Tochter, allein erziehend mit zwei Kindern, ist arbeitslos, der Sohn arbeitet in einem Postzentrum, auch das eine unsichere Stelle. Von der Krise sind die Cobans wirklich nicht verschont geblieben.

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Immerhin reicht das Geld, um einmal im Jahr in die Türkei zu reisen. Zurück in die Heimat, die Hayrettin Coban vor 20 Jahren verlassen hat, weil er sich eine bessere Zukunft wünschte. In der Türkei lässt er sich gern die Schuhe reinigen. Dann gibt er ein fürstliches Trinkgeld und ist glücklich, wenn der Schuhputzer vor Freude und Überraschung strahlt.