Als das erste Kind kam, kündigte Claudia Scherrer aus Brugg ihren Sekretariatsjob. «Ich hatte niemanden, der auf meinen Sohn aufgepasst hätte», erzählt die 39-Jährige. Als der frühere Arbeitgeber sie bat, weiterhin einige Arbeiten für ihn zu erledigen, sagte sie sofort zu. «Ich nahm mein Baby jeweils mit ins Büro, das ging ganz gut.» Auch als sich das zweite Kind ankündigte, wollte der Chef nicht auf seine Mitarbeiterin verzichten.

Als sie dann aber erstmals mit beiden Kleinkindern zu einer Sitzung hetzen musste, war für Claudia Scherrer klar: «So kann es nicht weitergehen.» Sie beschloss, sich selbstständig zu machen, «und zwar in einem Metier, das ich gut beherrsche».

Büroarbeiten gingen Claudia Scherrer immer leicht von der Hand. Die ehemalige Biologiestudentin schmiss das Sekretariat ihres Arbeitgebers nicht nur gern, sondern auch mit links: Sie wusste sich in Briefen auszudrücken, zudem entging ihr kein Rechtschreibfehler. Also gründete sie vor sechs Jahren die Firma Tipptopp, ein Büro für Korrektur- und Sekretariatsarbeiten. Zudem erteilt sie Kurse in «moderner Korrespondenz». «Es gibt Zeiten, in denen ich zu 130 Prozent ausgelastet bin», sagt Scherrer. Auf die Arbeit zu verzichten käme ihr aber nicht in den Sinn. «Haushalt und Kinder allein würden mich nicht befriedigen.» Dennoch ist sie für die Kinder jederzeit da, weil sie zu Hause arbeitet.

Aus familiären Gründen selbstständig

Die Gründe, weshalb sich Frauen selbstständig machen, unterscheiden sich kaum von jenen der Männer – auch wenn von den rund 586'000 Unternehmern in der Schweiz nur gerade ein Drittel Frauen sind. Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und die Durchsetzung eigener Ideen sind die Hauptmotive für Männer und Frauen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Dies ergab eine Studie von Rolf Meyer und Najib Harabi, Volkswirtschafter und Dozenten an der Fachhochschule Solothurn.

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Besonders wichtig sind für die Frauen die Möglichkeit einer «flexiblen Zeiteinteilung» und «ein Arbeitsplatz an geeigneter Lage». Am besten gelinge dies, so die Autoren, wenn zu Hause gearbeitet werde und somit Beruf und Kindererziehung kombiniert werden könnten. Zudem zeigte die Studie, dass ein Grossteil der selbstständig arbeitenden Frauen allein erziehend ist: «Familiäre Gründe sind bei Frauen deutlich öfter der Anlass für eine Selbstständigkeit als bei Männern.»

Frauen machen sich meist früher selbstständig als Männer: Diese absolvieren in der Regel zuerst eine typische Angestelltenkarriere, bevor sie eine eigene Firma gründen. Während sich Männer auf Baugewerbe, Handel oder Informatik spezialisieren, konzentrieren sich Frauen mit (oft kleineren) Unternehmen auf Dienstleistungen: Sie gründen Korrektur- und Übersetzungsbüros, Coiffeurgeschäfte oder engagieren sich in der Berufs- und Lebensberatung.

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Barbara Hirt, 48, Unternehmensberaterin in Mönchaltorf, gründete ihre Firma Intuition Management vor fünf Jahren. «Ich hatte dank glücklicher Umstände einen hervorragenden Start», erzählt sie. Sie konnte Projekte, die sie als ABB-Managerin initiiert hatte, als Freelancerin weiter betreuen. Sie steht Führungskräften als Coach zur Verfügung, hält Referate und bietet Personalführungsseminare an.

«Gute Aussichten auf Lebenserfolg»

Jahrelang hatte sich Barbara Hirt die Karriereleiter emporgearbeitet, bis sie an einem Punkt war, wo sie sich fragte: «Wiegt das die Einbussen im persönlichen Bereich auf?» Die mit der Selbstständigkeit erworbene Freiheit geht ihr über alles: «Dass die Lebensqualität inzwischen um ein Mehrfaches gestiegen ist, entschädigt für die teilweise erlittenen finanziellen Einbussen.»

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Ein weiteres Standbein von Barbara Hirt ist das Netzwerk der Einfrau-Unternehmerinnen (Nefu), bei dem sie für die Kommunikation zuständig ist. Nefu wurde vor zehn Jahren in Liestal gegründet; heute gehören gesamtschweizerisch rund 1500 Unternehmerinnen dazu. «Es ist motivierend, mich mit anderen Unternehmerinnen auszutauschen, Erfahrungen zu reflektieren und sich gegenseitig zu ermutigen – gerade in schwierigen Zeiten.»

Wie nötig und hilfreich solche Netzwerke sind, zeigen verschiedene Untersuchungen. Denn Frauen müssen auf dem Weg in die Selbstständigkeit weit mehr Stolpersteine überwinden als Männer – vor allem wenn sie Kinder haben und zwischenzeitlich nicht erwerbstätig waren:

  • Oft fehlt Frauen das Know-how in technischen und betriebswirtschaftlichen Bereichen (Marketing, Recht, Steuerfragen, Verhandlungserfahrung, Management- und Führungserfahrung).
  • Frauen verfügen generell über weniger Branchenkontakte als ihre männlichen Kollegen. Deshalb bleiben sie oft Einzelkämpferinnen in einer Nische.
  • Frauen nehmen weniger oft Förderkredite und Beratungsmöglichkeiten wahr.
  • In der Regel bleibt die Hauptlast der Familienarbeit bei den Frauen – weshalb viele zu wenig Zeit haben, die Selbstständigkeit zielgerichtet aufzubauen.

Trotzdem prophezeit Christian Lutz, ehemaliger Leiter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, in seinem Buch «Lebensunternehmerinnen» den privaten Dienstleistungsanbieterinnen beste Perspektiven. Nicht zuletzt dank ihrer «weichen Werte» hätten Frauen spätestens in 20 Jahren eindeutig «die besseren Voraussetzungen für den Lebenserfolg», meint der Zukunftsforscher. Dabei komme ihnen zugute, dass schon heute viele Frauen Beruf und Kinder unter einen Hut bringen müssten. Lutz: «Sie entwickeln oftmals eine fast unglaubliche Virtuosität im Jonglieren mit verschiedenen Aufgaben.»

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Sollte Lutz mit seiner Einschätzung richtig liegen, ist Katharina Zingg auf dem besten Weg. Vor drei Jahren machte sich die Orientteppich-Restauratorin in Zürich selbstständig. Die 44-Jährige arbeitete nach der Lehre zur Teppichkunststopferin im erlernten Beruf, allerdings unter schlechten Bedingungen: «Ich verdiente nur 2800 Franken im Monat.» Kurz vor dem Studienabschluss ihrer Tochter, die sie allein erzog, wagte Zingg den Schritt in die Selbstständigkeit.

Über mangelnde Aufträge kann sie sich derzeit nicht beklagen: «Wer sich einen Orientteppich leistet, möchte ihn gut erhalten.» Obwohl sie viel Energie aufwenden muss, um finanziell die Balance zu halten, würde Katharina Zingg nie mehr aufs eigene Atelier verzichten. «Ich kann meine Zeit so einteilen, wie ich will – das ist Luxus. Und meiner Kreativität werden keine Grenzen mehr gesetzt.»

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Buchtipps

Christian Lutz: «Lebensunternehmerinnen. Vom industriellen zum kulturellen Zeitalter. Ein Zukunftsentwicklungsroman.» Versus-Verlag, Zürich 2002, 48 Franken

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