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FitnessanbieterGütesiegel mit Fragezeichen

Dann lieber ohne Diplom: Viele Anbieter gesundheitsfördernder Programme verzichten auf ein Qualitätszertifikat. Das Prozedere wurde teurer und komplizierter.

Plötzlich war das Zertifikat vier- bis sechsmal teurer: Tanzlehrerin Mariana Coviello

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Mariana Coviello liess sich mit ­ihrer Tanz- und Ballettschule von der Organisation Qualitop vor über zehn Jahren zertifizieren. «In all den Jahren ist nie jemand vorbeigekommen, um zu prüfen, ob ich auch die Qualitätskriterien einhalte», sagt sie. Sie musste für die Zertifizierung bloss ihr Diplom einsenden, Weiterbildungen bestätigen lassen und 80 Franken bezahlen. Nun gilt ein neues System: Eine Erstzertifizierung zur Anbieterin von «gesundheitswirksamen Lebensstil­interventionen» kostet 320 Franken übers Internet oder 480 Franken per Post.

Coviello verzichtet nun auf das Label und mit ihr etliche andere auch. Sie ärgern sich über die massiv erhöhten Gebühren und das aufwendige neue Verfahren. So müssen etwa selbständige Kursleiterinnen mit mindestens einer Angestellten einen Handelsregisterauszug einsenden, was viele gar nicht können. «Etliche unserer Mitglieder sind Kleinstunternehmerinnen, die nicht auf 100'000 Franken Umsatz kommen und nicht im Handelsregister eingetragen sind», sagt Cécile Anner, Geschäftsführerin des Berufsverbands für Gesundheit und Bewegung Schweiz (BGB Schweiz). Doch ohne Handelsregisterauszug kein Zertifikat – was ein Wettbewerbsnachteil ist. Denn die Krankenversicherer zahlen in der Regel nur bei zertifizierten Anbietern.

Qualitop, von mehreren Krankenversicherern getragen, erstellt Qualitätskriterien für Anbieter gesundheitsfördernder Massnahmen. Früher überprüfte Qualitop diese Normen auch, seit 2006 ist die von Qualitop unabhängige Organisa­tion Qualicert dafür zuständig. «Wir haben das im Sinne einer Gewaltentrennung gemacht», sagt Qualicert-Inhaber Paul Eigenmann. Früher war er Geschäftsführer bei Qualitop – heute übt er dort offiziell keine Funktion mehr aus. Aber so sauber ist die Trennung nicht: «Selbstverständlich bin ich Berater bei Qualitop», ergänzt er, «schliesslich gibt es weltweit wenige, die so gute Kenntnisse der Normierung von Fitnessstudios haben.»

Markus Ryffel ist einer der grössten Fitnessanbieter. Ihn stören ähnliche Dinge wie Cécile Anner vom Berufsverband. Ryffel Running und die bei ihm angestellten Fitnesstrainer sind Qualicert-zertifiziert, die von ihm ausgebildeten Kursleiterinnen und -leiter aber nicht mehr. «Viele erteilen nur einzelne Lektionen. Da lohnt sich eine Zertifizierung nicht», sagt Ryffel. Die hohen Kosten dafür müssten dann auf die Kursteilnehmer abgewälzt werden.

Die Gebührenerhöhung begründet Paul Eigenmann von Qualicert mit einem Systemwechsel. Neu würden die Anbieter auch inhaltlich überprüft. Aber auch künftig werden kleine Studios nur alle paar Jahre Besuch erhalten, kostet Qualicert ­eine Kontrolle doch rund 600 Fran­ken – je weniger Kontrollen, desto mehr Gewinn. Neben der einmaligen Zertifizierungsgebühr fallen neu Gebühren von vermutlich gegen 150 Franken pro Jahr für die Erneuerung der Zertifizierung an.

Das sorgt für weiteren Ärger beim BGB Schweiz, der sich überlegt, ob er aussteigen will. «Obwohl wir gleich viele Kunden betreuen wie die Fitnesscenter, hat unsere Stimme bei Qualitop wesentlich weniger Gewicht», sagt Cécile Anner. Der Verband wird mit den Krankenversicherern Ge­spräche über eine andere Form der Qualitätskontrolle führen. «Jetzt stimmt es für uns nicht mehr», fügt sie bei.

In der Qualicert-Datenbank sind 8000 Personen und Studios gelistet. Darauf lässt sich schon ein Geschäftsmodell aufbauen. Ob er mit den höheren Gebühren ein Geschäft macht, weiss nur Paul Eigenmann; ausser ihm hat niemand Einsicht in die Rechnung. Er beziehe «ein gutes Gehalt, aber bei weitem nicht so viel wie zwei ­Personen», lässt er den Beobachter wissen. Die Entwicklung des neuen Verfahrens ­habe ihm gar einen Verlust beschert.

Die Krankenversicherer, die Mitglied von Qualitop sind, gehen davon aus, dass sich das Niveau der Fitnessstudios dank der Zertifizierung gehoben hat oder mindestens hoch geblieben ist. Ob der gesundheitsfördernde Zweck erfüllt wird, lässt sich kaum sagen. Aber immerhin sind die Ausgaben von einigen hundert Franken an Fitness-Abos eine günstige Marketingmass­nahme, können die Krankenversicherer doch so gesunde Mitglieder in die rentierenden Zusatzversicherungen holen.

Veröffentlicht am 19. August 2011

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1 Kommentar

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Regula Hirsch
Dieser Systemwechsel bringt für die Kundschaft und für die Anbieter keinerlei Vorteile; einzig die Kosten und der administrative Aufwand erhöhen sich. Seit 1988 bin ich Inhaberin eines Fitnesscenters. Aus heutiger Sicht appeliere ich an mehr Eigenverantwortung. Ist der Kunde nicht gewillt, regelmäßig, konsequent und jahrelang in die Fitness zu investieren, bleibt die gesundheitsfördernde Wirkung aus.

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