Die Kuh mit der Nummer 55 wartet vor dem Melkroboter, angelockt von einer Portion Kraftfutter. Ein Transponder am Halsband identifiziert das Tier und öffnet den Zugang. Kaum steckt Nummer 55 ihr Maul in den Trog, schiebt sich ein Melkarm unter ihr Euter. Jede Zitze wird zuerst automatisch gewaschen, dann tastet ein Laserstrahl die vier Zitzen ab, setzt die trichterförmigen Becher an, und der Roboter beginnt zu melken.

Im Nebenraum mit Glasfenster in den Laufstall sitzen Jörg Geiger, 45, und Niklaus Loher, 44, vor dem Computerbildschirm. «Leitfähigkeit und Zellzahl der Milch liegen im Rahmen», stellen sie fest. Diese Daten erscheinen laufend in einer Tabelle, während die Milch direkt in den Tank gepumpt wird. Und das von jeder Zitze, gesteuert durch einen separaten Pulsator. «Der Roboter melkt sanfter als ein herkömmlicher Apparat. Die Elektronik passt sich dem Milchfluss so an, dass keine Zitze überlastet und zu stark gereizt wird», erklärt Loher.

Es ist sehr ruhig im geräumigen Stall des «Auhofs» am Dorfrand von Kriessern SG. Einige der gut 80 Kühe fressen Raufutter, andere stehen draussen im leichten Herbstnebel. Mehrere Tiere liegen in Einstreuboxen oder stellen sich in die Reihe vor dem Melkroboter. Ins Bild passen die Spatzen im Tiefflug und eine grosse rotierende Bürste, von der sich die Kühe genüsslich rundum kratzen lassen. «Unsere Wellnessabteilung», lacht Geiger.

Was idyllisch wirkt, ist für die beiden Bauern ein unternehmerischer Entscheid mit allen Risiken: «Wir wollen wachsen oder müssen weichen.» Vor knapp zwei Jahren haben sie sich zur Betriebsgemeinschaft zusammengeschlossen und alles vertraglich geregelt. Jeder behält seinen Hof, investiert und abgerechnet wird aber gemeinsam. Während auf Lohers «Eschenhof» im sieben Kilometer entfernten Montlingen die Aufzucht konzentriert ist, wird im «Auhof» gemolken. Beide Inhaber teilen sich die Arbeit, Geigers Frau Doris erledigt die Buchhaltung.

Mit insgesamt 72 Hektaren zählt der Betrieb zu den 500 grössten der Schweiz. Gerade mal 4,6 Prozent der 61000 Landwirtschaftsbetriebe sind grösser als 50 Hektaren. Dort melken rund 150 Roboter – sie rechnen sich erst ab 300'000 bis 500'000 Kilo Milch pro Jahr.

Vorsichtig kalkuliert

Geiger und Loher haben weit über eine Million Franken in den neuen Laufstall investiert, der auf 120 Kühe ausgerichtet ist. Die zwei Melkroboter haben eine halbe Million gekostet. Doch so ersparen sie sich die Lohnkosten für eine qualifizierte Arbeitskraft. Die beiden züchten ihre Milchkühe selber, und das Raufutter kommt vom eigenen Boden. Also beste Voraussetzungen, um wirtschaftlich zu produzieren.

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Womit wir am Holztisch im Computerraum beim Thema sind, das die Milchbauern zurzeit in Wallungen versetzt: der Milchpreis (siehe nachfolgende Box «Der Milchsee breitet sich aus»). Das Rheintaler Duo hat vorsichtig kalkuliert, die staatlichen Direktzahlungen eingerechnet und für seinen Betrieb 60 Rappen pro Liter zugrunde gelegt. Aktuell erhalten sie für ihre Milch in etwa diesen Betrag. Wer höhere Betriebskosten hat, klagt über den zu tiefen Preis.

Jörg Geiger und Niklaus Loher wollen kein Öl ins Feuer giessen und wägen ihre Worte sorgsam ab: «In unserer Branche schaut jeder zuerst auf sich. Es wird mehr produziert, als der Schweizer Markt abnimmt. Daher sinken die Preise», sagt Loher. Trotz hoher eigener Produktivität sind sie dagegen, alles dem freien Markt zu überlassen. Es brauche eine verbindliche Steuerung der Milchmenge, doch sie machen sich keine Illusionen: «Es wird schwierig.» In diesem Jahr gab es Monate, wo der Weltmarktpreis für Milch bei 23 Rappen lag. Da überlebt kein Milchbauer in der Schweiz.

Jedes zweite Wochenende frei

Lieber reden die beiden über ihr Mehr an Lebensqualität. Seit sie zusammen wirtschaften, haben sie abwechslungsweise ein freies Wochenende und können auch mal länger Ferien machen. Die beiden ehemaligen Schulkollegen verstehen sich menschlich gut, ohne sich die persönlichen Freiräume einzuengen: «Sonst funktioniert es nicht. Wir rechnen uns auch nicht Viertelstunden vor, wenn einer mal mehr oder weniger lang arbeitet.»

So ruhig, wie sie wirken, so gehen sie auch mit ihren Tieren um: «Ein nervöser Bauer macht auch seine Kühe nervös.» Drei Monate lang haben sie sich Zeit gelassen, die beiden Herden aneinander, an den neuen Stall und die Melkroboter zu gewöhnen. Das System ist so programmiert, dass eine Kuh je nach Milchmenge alle acht Stunden gemolken werden kann. Tiere, die zu früh in den Roboter drängen, werden ohne Melken und ohne Kraftfutter durchgeschleust. Die Kühe lernen rasch, finden ihren Rhythmus. Da könne man fast die Uhr danach stellen, meint Niklaus Loher.

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Dank Computer und Laufstall fallen Veränderungen schnell auf. Ist eine Kuh am Melkstand überfällig, leuchten ihre Daten rot am Bildschirm. Ebenso, wenn Zellzahlen abweichen. Dann wird kontrolliert, ob dem Tier etwas fehlt. Sind Kühe «stierig» oder haben sie Klauenprobleme, zeigt sich dies hier viel rascher als im herkömmlichen Anbindestall. Vorausgesetzt, der Bauer passt auf: «Wer glaubt, Computer und Roboter machen die ganze Arbeit von alleine, der täuscht sich. Einer von uns ist immer präsent.»

Erst im Frühjahr wurde die Milchkontingentierung abgeschafft. Es hat 20'000 Milchkühe zu viel: 1,77 Millionen Tonnen Milch gabs im ersten Halbjahr 2009, 7,4 Prozent mehr als vor zwei Jahren. Das Überangebot senkt die Preise. Nun soll der Markt wieder reguliert und dies vom Bundesrat auf Anfang 2010 verbindlich erklärt werden. Darauf hat sich der Vorstand der Branchenorganisation Milch (BOM) geeinigt. Die neuerliche Planwirtschaft heisst «Mengenfüh­rung der Molkereimilch» und sieht ein dreistufiges Modell mit diversen Katego­rien sowie Richt- und Marktpreisen vor. Das ist eher eine Übergangslösung, wegen des vorgesehenen weltweiten Agrarfreihandels. BOM-Vorstandsmitglied und Milchbauer Roland Werner gibt denn auch freimütig zu: «Es geht um eine Schonfrist. Wir müssen uns auf den freien Milchmarkt einstellen.»