In der Unterhaltungselektronikbranche selbständig werden? Bei diesem mörderischen Preiskampf und der riesigen Konkurrenz? Der 26-jährige Urs Gartmann liess sich von Skeptikern nicht beirren: «Was Discounter können, schaffe ich auch.» Die ersten Hi-Fi-Geräte verkaufte der Kaufmann, Radio- und Fernsehelektriker in der elterlichen Garage. Heute steht er als Chef der Firma Soundgarden Gartmann GmbH in seinem neuen Laden im Zentrum von Lenzburg, handelt mit über sechzig Marken - und hat Erfolg. «In einem halben Jahr bin ich schuldenfrei.»

Ohne fremde Hilfe hätte Gartmann den Start nicht so leicht geschafft. Unterstützt wurde er von Eduard Gentsch. Der 65-Jährige ist einer von rund 250 Beratern von Adlatus, einer Vereinigung ehemaliger Führungskräfte aus verschiedensten Berufen und Branchen. Sie alle wollen im Alter nicht rasten und rosten. Stattdessen suchen sie eine neue Herausforderung. «Zudem lerne ich hier interessante Leute kennen und schaffe mir ein Beziehungsnetz», begründet Eduard Gentsch sein Engagement. Der Treuhänder arbeitet seit einem Jahr bei Adlatus (lateinisch für «Helfer»). Das Wort «pensioniert» mag er nicht hören: «Das Know-how zählt, nicht das Alter.» Der Routinier Gentsch gründete für Jungunternehmer Gartmann im Schnellzugstempo eine GmbH, erstellte die Statuten, richtete die Buchhaltung ein und erledigte die AHV- und Mehrwertsteuerformalitäten.

So speditiv läufts bei den zwischen 58 und 74 Jahre alten Adlaten allerdings nicht immer ab. Manchmal hapert es bei der Effizienz - trotz zentraler Geschäftsstelle. Sie fungiert nur als Telefon- und Abrechnungszentrale und verweist Ratsuchende an eine der elf Regionalstellen. Dort wird ein geeigneter Berater vermittelt. Da kommt es schon mal vor, dass ein Dossier von einer Hand zur anderen weitergereicht wird oder liegenbleibt. Doch ein erster Schritt zur Lösung dieser Probleme ist schon getan: Ratsuchende können Adlatus per E-Mail kontaktieren.

Solche Kommunikationsmittel sind bei Senexpert, der zweiten in der Schweiz aktiven Vereinigung ehemaliger Führungskräfte, noch Zukunftsmusik. Hier müssen Ratsuchende ihr Anliegen auf Band sprechen. «Dennoch ist bei uns innert 48 Stunden ein Berater vermittelt», sagt Senexpert-Präsident Jean-Pierre Lichti.

Ob der Kunde auf Anhieb beim richtigen Berater landet, ist eine andere Frage. Denn viele Unternehmer können ihr Problem gar nicht lokalisieren. Jean-Pierre Lichti: «Da gibt zum Beispiel jemand vor, ein Marketingproblem zu haben, dabei gehts um die Finanzen.»

Im Alter geistig beweglich bleiben und sich nützlich machen, sind die Hauptmotive der Senexpert-Berater. Die Beratungszeit sei allerdings beschränkt, findet Lichti: «In Branchen mit rasanter Entwicklung sind Pensionierte schnell weg vom Fenster.»

Adlatus und Senexpert decken mit ihren Fachspezialisten und Allroundern praktisch alle Bereiche der Unternehmensberatung ab. Ein Schwachpunkt ist noch der EDV-Bereich. So gibt es unter den 250 Adlaten nur drei Informatiker. Doch das Problem dürfte sich in den kommenden Jahren entschärfen, wenn sich Führungskräfte aus der Informatikgeneration Adlatus oder Senexpert anschliessen. Oft gebe es wenig zu beraten, stellt man bei beiden Organisationen fast enttäuscht fest. Vielen Unternehmern fehle schlicht das Kapital. Geldgeber können Adlatus und Senexpert jedoch nicht spielen. Bei Finanzproblemen lässt sich allenfalls vom Beziehungsnetz der Berater profitieren.

Dieses Glück hatte Constantin Moldovan aus Jegenstorf. Der Elektronikingenieur übernahm vor fünf Jahren eine Produktelinie seines Arbeitgebers und führt diese in Eigenregie weiter. Mit Entwicklung, Herstellung und Verkauf von Sensoren und Messsystemen konnte er bis heute aber kein Geld verdienen. «Es fehlten flüssige Mittel.» Nachdem er bei der Wirtschaftsförderung abgeblitzt war, half ihm ein Adlat, einen Businessplan zu erstellen und einen Kredit zu erhalten.

Während professionelle Unternehmensberater ihren Kunden pro Beratungsstunde schnell einmal 200 bis 300 Franken berechnen, sind die Tarife bei Adlatus und Senexpert äusserst bescheiden. Bei beiden wird das Honorar individuell zwischen Kunde und Berater ausgehandelt. Wer knapp bei Kasse ist, kommt vielleicht mit 60 Franken pro Stunde plus Spesen weg. Dagegen zahlt eine florierende Firma leicht das Doppelte oder Dreifache.

«Wir helfen Unternehmen, die wenig Geld besitzen», betont Adlat-Sprecher Günther Helsing, 73. Adlaten müssen 15 Prozent ihres Honorars dem Verband abgeben. Den Rest können sie als Nebenverdienst einstecken. «Wer es vermag, soll bezahlen», heisst es auch bei Senexpert. Hier begnügen sich die Experten mit einem Drittel des Honorars. Die Überschüsse fliessen der Pro Senectute zu. Damit keiner in Versuchung gerät, auf Kosten der Qualität zu viele Mandate an sich zu reissen, beschäftigen beide Organisationen nur Leute, die nicht auf Honorare angewiesen sind.

Davon profitieren vor allem kleine Firmen. «Wir hätten uns keinen Berater leisten können, der von den Einkünften leben muss», sagt Anna Wiesmann vom Goldschmiedatelier «Bijoux à la carte», das sie mit Franziska Schädelin in Bern führt. Da beide keine kaufmännische Ausbildung haben, bekamen sie Mühe mit der Buchhaltung. Senexpert-Berater Paul Rengel initiierte die Umwandlung von einer einfachen zur Kollektivgesellschaft, führte die Buchhaltung ein und kümmert sich seither um den Jahresabschluss und die Steuern.

Für die Goldschmiedinnen ist Paul Rengel zum ständigen Coach in unternehmerischen Fragen geworden. Ein Idealfall: Denn nur wenn die Chemie zwischen Berater und Auftraggeber stimmt, lassen sich Probleme im Teamwork lösen.

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