Einen Punkt hatte man der Delegation von Staatssekretär Heinrich Ursprung besonders eingeschärft: Visitenkarten übergibt man in Japan immer mit beiden Händen und macht eine leichte Verbeugung. Dieses Zeremoniell müsse unbedingt eingehalten werden. «Am Flughafen witzelten wir über die für uns unverständlichen Zeichen auf unseren speziell in Japanisch gedruckten Karten», erinnert sich das Delegationsmitglied Xavier Comtesse.

Europa schaute nach Japan, damals in den frühen neunziger Jahren. Trotz vergleichbaren Strukturen wuchs die asiatische Wirtschaft viel schneller als ihre europäischen Konkurrenten. Was machte das Land der aufgehenden Sonne besser?

Die Schweizer Fact-Finding-Mission im September 1993 dauerte rund zwei Wochen. Ursprungs Team sprach mit Nobelpreisträgern und besuchte Universitäten. Im Flugzeug von Tokio zurück nach Kloten war die Stimmung euphorisch. «Wir waren erfüllt vom Gedanken: ‹Was die Japaner können, das schaffen wir auch›», so Comtesse.

Hand in Hand mit der Wirtschaft

Was die Delegation so beeindruckt hatte: 60 Kilometer nördlich von Tokio, in Tsukuba, hatten die Japaner eine Stadt der Wissenschaft gebaut. Zwei Universitäten, dazu über 50 staatliche und private Forschungsinstitute sowie eine Vielzahl von Hightechunternehmen. Der Plan folgte dabei nur einer Logik: Wissenschaft und Wirtschaft müssen Hand in Hand arbeiten.

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17 Jahre später, im Technopark in Zürich. Im boomenden Stadtteil von Zürich-West bietet der schmucklose Industriebau tatendurstigen Hochschulabsolventen einen Hort für ihre Unternehmerträume. Wer es hier hineinschafft, hat gute Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft. Davon zeugen allein schon die Neuigkeiten der letzten zwei Monate: «Pearltec und Nanotion gewinnen Preise der De-Vigier-Stiftung», «LiberoVision ist Finalist des Swiss Economic Award», «Blueshift Pharma gewinnt mit intelligenten UV-Filtern den Venture 2010». Die Firmen vom Technopark sammeln reihenweise Preise ein.

«Wir prüfen jede Firma auf ihr Potential. Und wenn die Betreiber einen Mietvertrag erhalten, kommt sie in ein umfangreiches Coachingprogramm», sagt Henning Grossmann, Chef der Stiftung Technopark. Er und der Leiter von Technopark Immobilien, Heinz Specker, sind die ersten Ansprechpersonen für die Jungunternehmer. Sie bieten praktische Hilfe, zeigen, wie man Ideen rechtlich schützen muss, damit diese nicht von der Konkurrenz geklaut werden. Und wenn einen Jung-Entrepreneur die Existenzangst packt, erhält er Zuspruch und Trost. Ein Beratungsausschuss, zusammengesetzt mehrheitlich aus erfolgreichen Geschäftsführern, beurteilt und hilft fortlaufend bei der Verbesserung des Businessplans. Die Bilanz des Technoparks kann sich sehen lassen. Seit der Eröffnung 1993 sind hier mehr als 1800 hochqualifizierte Arbeitsplätze entstanden. Nicht schlecht für ein Projekt, das ohne Subventionen auskommt und von den privaten Unternehmen Swiss Life, Axa Winterthur und der ZKB getragen wird.

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In den letzten Jahren hat sich in der Schweiz eine eigentliche Gründerszene etabliert. Brutstätten dieser Szene sind die Technologie- und Start-up-Zentren. Dem Technopark sind in der ganzen Schweiz mittlerweile über 30 Zentren oder Parks gefolgt. Das Konzept ist meist dasselbe: Eine offene und günstige Infrastruktur, je nach Bedarf verfügbare Beratungs- und Bürodienstleistungen sowie eine Mischung aus etablierten Betrieben und Start-ups beflügeln das Unternehmertum.

An den meisten Hochschulen wurden Technologietransferstellen eingerichtet. Sie heissen Polygon wie an der Universität Freiburg oder Unitectra wie in Bern und fördern die Zusammenarbeit mit der Industrie, helfen, den kommerziellen Nutzen von Erfindungen abzuschätzen, und unterstützen deren Schöpfer bei der Anmeldung von Patenten und bei der Vergabe von Lizenzen.

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«Das unternehmerische Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Wir treffen sehr viele junge Leute mit ‹feu sacré›, die ihre Ideen umsetzen wollen. Das ist toll», sagt Urs Althaus, seit zehn Jahren Head Coach bei der KTI, der Förderagentur für Innovation des Bundes. Diese hat sich zu einem starken Motor für den Innovationsstandort Schweiz entwickelt. «Science to market», von der Erfindung zum Produkt, lautet die Formel, die aus technikorientierten Studenten smarte Unternehmer machen soll. 100 Millionen stehen ihr dafür zur Verfügung. Pro Jahr werden 90 bis 100 Jungfirmen in ein KTI-Coaching aufgenommen. «Hauptsächlich geht es darum, Vertrauen zu vermitteln», sagt Althaus. «Unsere Botschaft lautet: ‹Ihr könnt das, wir helfen euch dabei.›»

«Die Zeit der einsamen Tüftler ist vorbei»

Die Hilfe kommt an. «Wir haben den gesamten Coachingprozess der KTI durchlaufen. Die Betreuung war entscheidend für den Erfolg unserer Firma», sagt Stefan J. Meier, Mitgründer des Zürcher Spezialbeton-Start-ups Concretum (siehe Nebenartikel). Jean-Pierre Vuilleumier, Direktor der De-Vigier-Stiftung, sagt, dass immer öfter junge Unternehmer den direkten Weg zum Markt suchen. «Die Zeit der einsamen Tüftler ohne Geschäftssinn ist vorbei.»

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Also steht alles zum Besten in der besten aller Innovationswelten? Vieles spricht dafür. Die Schweizer Privatwirtschaft gibt im internationalen Vergleich mit 31 Milliarden Franken (Jahr 2008) einen sehr hohen Anteil am Bruttoinlandprodukt für Forschung und Entwicklung aus, davon die Hälfte in der Schweiz. Doch gut zwei Drittel (21,5 Milliarden Franken) der Gesamtsumme entfallen dabei auf die vier grössten Innovationstreiber Roche, Novartis, Nestlé und ABB. Beat Hotz-Hart, Professor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Uni Zürich, schätzt, dass ein innovationsaktives KMU jährlich lediglich 150'000 Franken zur Verfügung hat.

Patentanmeldungen: Die Schweiz ist führend

Anzahl Patente (pro Million Einwohner), die sowohl in Europa als auch in den USA und in Japan angemeldet sind

Infografik: Beobachter/MD;
Quelle: Europäische Kommission 2003

Quelle: Sonderegger / Cortis
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Jeder zweite Job an Ausländer

Kostenintensive Grundlagen- oder Pionierforschung, wie sie etwa der Gigant Google betreiben kann, liegt da gemäss Hotz-Hart für die meisten KMU nicht drin. Sie setzen auf marktnahe, experimentelle Entwicklung: Bereits bestehende Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen werden kundenorientiert perfektioniert.

Mit viel Erfolg. Zumindest in den Augen der Europäischen Kommission reicht bei der Innovationsleistung kein anderes europäisches Land an die Schweiz heran. Das European Innovation Scoreboard sieht die Schweiz, gestützt auf Kriterien wie Ausbildungsstand der Bevölkerung, Finanzierungsmöglichkeiten, Patentanmeldungen, noch vor den skandinavischen Ländern. Ebenfalls den ersten Platz erreicht unser Land im Ranking des International Institute for Management Development (IMD).

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Doch es gibt Probleme. Zu spüren bekommt sie bereits etwa Willy Michel, Verwaltungsratspräsident des Medizinaltechnik-Unternehmens Ypsomed in Burgdorf (siehe Nebenartikel): «Wir haben Mühe, genug Ingenieure zu finden. Zum Glück gibt es die Personenfreizügigkeit, wir besetzen jede zweite Stelle mit einem Ausländer.»

Aktuell fehlen in der Schweiz rund 3000 Ingenieure und Naturwissenschaftler, besagt eine Studie der Beratungsfirma Boston Consulting. Bis 2016 könnte sich diese Zahl im schlechtesten Fall verdoppeln. «Die Naturwissenschaften müssen in den Schulen mehr Platz erhalten. Zugleich muss das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung von Wissenschaft und Technologie gefördert werden», sagt Pia Tischhauser, Koautorin der Studie.

Mehr Risikofreude täte gut

Die Boston-Consulting-Studie offenbarte eine weitere Schwäche. Die Schweiz kämpft mit dem, was Experten als Innovationsparadox bezeichnen. Zwar ist unser Land führend bei den Patentanmeldungen, hat aber Mühe, diese in marktfähige Produkte umzusetzen. «Die Schweiz hat hier in den letzten Jahren zwar aufgeholt, landet aber immer noch bloss im Mittelfeld», sagt Tischhauser. Israel, Finnland oder Deutschland, von den USA ganz zu schweigen, stehen deutlich besser da. Investoren beklagen sich über den Mangel an spannenden Geschäftsmodellen. Warum ist das so? «Wir lieben das unternehmerische Risiko nicht», sagt Volkswirtschaftsprofessor Hotz-Hart.

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«Habt ihr euch das gut überlegt?»

Diese Erfahrung machten auch Moritz Lechner und Felix Mayer (siehe Nebenartikel). «Habt ihr euch das gut überlegt?» Und: «Was macht ihr, wenn es schiefgeht?» Das waren die häufigsten Fragen, die die beiden ETH-Doktoranden 1998 beantworten mussten. Einen Feuchtigkeitssensor hatten sie entwickelt, zehnmal kleiner als die Modelle, die auf dem Markt waren, und erst noch präziser. Die frischgebackenen Ingenieure glaubten an ihre Entwicklung. Ein solcher Sensor würde Autohersteller oder Gebäudetechniker begeistern. Mit ihm, so der Plan, liesse sich etwas machen.

Wer heute nach Stäfa ins Laubisrüti-Gebiet fährt, sieht, was daraus geworden ist, schon von der Strasse aus. Das grosse Sensirion-Gebäude ist zu klein geworden, Anfang des Jahres unterzeichneten Lechner und Mayer den Kaufvertrag für eine weitere Halle. Die Hightechfirma wächst jedes Jahr um mindestens 30 Prozent, alle Produktionsmaschinen laufen an der Leistungsgrenze. «Unsere Firma blüht. Es war ein weiter Weg bis hierher. Aber wir möchten alle angehenden Unternehmer ermuntern, diesen Weg zu gehen», sagt Lechner.

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Für Hightech-Start-ups wie Sensirion ist der Weg vom Prototyp zum marktfähigen Modell lang, weil das Produkt komplex ist. In dieser Zeit sind die Unternehmen auf risikofreudige Geldgeber angewiesen. Die Stäfner Firma hat das Problem gemeistert.

Entgegen der gängigen Meinung fehle es nicht an Risikokapital, sagt Pascal Sieber, Autor einer Avenir-Suisse-Studie. Zwar gebe es in der Frühphase von technologieorientierten Firmengründungen kritische Finanzierungsmomente. «Ein Mangel an Venture-Capital liegt aber nicht vor», sagt Sieber. Allerdings gebe es zu wenig spezielle Risikokapitalisten, und die wenigen seien noch nicht ausreichend vernetzt. «Auch in der Ausbildung kommt das Thema zu kurz. Lehrgänge über Risikokapital würden schon viel bewirken.»

In Lausanne ist Patrick Aebischer, der charismatische Präsident der ETH Lausanne (EPFL), daran, die Hürden zwischen Geschäftsidee und Kapital noch stärker abzubauen. Dem 56-jährigen Freiburger ist es gelungen, aus der einst «kleinen Schwester» einen weltweit beachteten Forschungscampus zu machen. So mancher ETH-Zürich-Forscher, so heisst es, blicke neidvoll ins Bassin lémanique. Aebischer forciert öffentlich-private Partnerschaften, seine Kontakte zur Wirtschaft sind exzellent. Grosse Konzerne wie Nestlé, Novartis oder Merck Serono beteiligen sich an der EPFL als Geldgeber, indem sie in konkrete Forschungsprojekte investieren.

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Die Multis machen mit

Auch bei seinem jüngsten Projekt, dem Quartier de l’Innovation, sucht Aebischer die Nähe der Industrie, und zwar wortwörtlich. Nicht nur wird der Parc Scientifique erweitert, wo seit 1993 Start-ups der EPFL und aus dem Grossraum Lausanne untergebracht sind. Darum herum baut die EPFL sieben weitere Gebäude mit insgesamt 42'000 Quadratmetern Fläche, die an grosse nationale und internationale Firmen vermietet werden. Diese richten auf dem Campus ab September 2010 ihre Forschungszentren ein. Mehrere Multis haben den Mietvertrag bereits unterschrieben, unter ihnen Alcan, Nokia und Logitech.

Wissenschaft und Wirtschaft müssen Hand in Hand arbeiten: Die Schweiz hat die Lektion aus Japan gelernt. Sie ist einen erfolgreichen Weg gegangen, seit die Gruppe Wissenschaft und Forschung mit Staatssekretär Heinrich Ursprung von ihrer Reise zurückkam, euphorisch, um viele Einsichten reicher und mit Visitenkarten ihrer japanischen Kollegen im Gepäck. Von einem Teil der japanischen Kultur hatten ihnen ihre Gastgeber allerdings zu viel zugemutet: dem Essen. Nach der Landung in Kloten steuerte die Delegation als Erstes ein amerikanisches Schnellrestaurant an und vertilgte einen Hamburger.

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