Was sollen wir tun? Uns wehren? Dann verlieren wir die Stelle. Es gibt genug ‹armi Chaibe›, vor allem Ausländerinnen, die einspringen würden», schildert die 59-jährige Verkäuferin Bettina Anderhub (Name geändert) die Situation in der Branche. Eine Situation, die prekär ist: Löhne unter 3000 Franken netto sind auch nach über zehn Dienstjahren keine Seltenheit, und Zulagen für regelmässige Sonntagsarbeit gibt es nur auf freiwilliger Basis. Das wirkt sich auch auf die Alterssicherung aus. So ist Martina Büchi (Name geändert), die im Zürcher Shopville arbeitet, sicher, «dass meine Rente dereinst nicht reichen wird. Dabei habe ich ein Leben lang gearbeitet.»

«Die Kundschaft bleibt aus»


Büchi und Anderhub haben in ihrer Laufbahn als Verkäuferinnen schon viel erlebt, aber was jetzt droht, übertrifft alles: die totale Liberalisierung von Sonntagsverkäufen. Schon heute gelten zahlreiche Ausnahmen (siehe Artikel zum Thema «Spezialregelungen: Sonntags legal geöffnet»). Vor allem die Geschäfte in Bahnhöfen dürfen am Sonntag Waren für Reisende verkaufen. Das reicht von Lebensmitteln über Unterwäsche bis hin zu Toilettenartikeln. Doch dem FDP-Nationalrat Rolf Hegetschweiler genügt dies nicht. Er fordert mit einer parlamentarischen Initiative, dass man «in Zentren des öffentlichen Verkehrs» auch Möbel, Waschmaschinen oder Hochzeitskleider kaufen kann. Bahnhöfe und Flughäfen würden damit in gewöhnliche Einkaufszentren umfunktioniert.

Der Nationalrat hat dieser Änderung bereits zugestimmt und der Ständerat berät darüber am 9. Juni. Dann werden wohl erneut die «veränderten Konsumbedürfnisse» geltend gemacht werden. Doch dieses Argument hält einer näheren Betrachtung nicht stand: «Fragt man die Leute auf der Strasse, ob sie rund um die Uhr einkaufen wollen, sagen zwar viele spontan Ja. Werden sie aber über die Folgen informiert, ändert sich die Haltung», sagt Marie-France Perroud von der Dienstleistungsgewerkschaft Unia.

Die Resultate von 13 kantonalen Abstimmungen geben ihr Recht: Von Aarau über Basel-Stadt, Freiburg, Graubünden, St. Gallen, Solothurn, Uri und Tessin bis Zug sprach sich das Stimmvolk immer wieder gegen längere Ladenöffnungszeiten aus.

Im Kanton Schaffhausen könnten die Läden bis 23 Uhr offen haben, doch mangels Nachfrage machen sie schon viel früher dicht. Ähnlich in Baselland, wo das kantonale Ladenschlussgesetz abgeschafft wurde: «Die Kundschaft bleibt schlicht aus. Da lohnt es sich für die Geschäftsinhaber nicht, Leute für Randstunden anzustellen», wie Eva Pless vom Kantonalen Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) bestätigt. So schliesst mittlerweile auch Ikea Pratteln um 20 Uhr, statt die vom Arbeitsgesetz her erlaubte Zeit bis 23 Uhr zu nutzen.

«Das gewandelte Konsumbedürfnis ist eine Erfindung von Liberalisierungs-Ideologen und hat wenig mit der Realität zu tun», folgert Regula Rytz vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Die Gewerkschaft, die Detaillisten und das Verkaufspersonal drohen, bei einer Gesetzesänderung das Referendum zu ergreifen. Der Schweizerische Detaillistenverband hat sich bereits in einem Schreiben ans Parlament gewandt: «Die längeren Öffnungszeiten führen zu einer Verlagerung der Umsätze zum Vorteil der privilegierten Bahnhofgeschäfte.» Der Kunde, der sonntags eingekauft habe, werde montags nicht beim Händler in der Agglomeration oder im Quartier einkaufen. Das gefährde deren Existenz und damit Arbeitsplätze – wie unter anderem eine Studie des deutschen Instituts für Medienforschung und Urbanistik belegt.

Quelle: Comet Photoshopping