Als die 42-jährige Therese Schmid anfing, ihre Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen, nagten Zweifel an ihr: «Kann ich das überhaupt? Was, wenn ich immer nur Absagen bekomme?» Aber dann hatte sie schwarz auf weiss vor sich, was sie in ihrem Leben alles geleistet und erfahren hatte. «Ja, das bin ich», fand sie. Und als sie auf ihre Bewerbungen zwar nicht gleich eine Zusage, aber doch einige gute Rückmeldungen bekam, da kribbelte es in ihrem Bauch: «Das war schon ein gutes Gefühl!»

Heute sind die Kinder von Therese Schmid 11 und 14 Jahre alt. Für die kaufmännische Angestellte aus dem zürcherischen Niederhasli ist es inzwischen selbstverständlich, dass sie sich genauso sehr als Geschäftsfrau sieht wie als Mutter.

Das ist aber nicht immer so, wenn Frauen nach einer Familienpause den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt planen. Dabei ist ein selbstbewusstes Auftreten das Allerwichtigste, wenn der Wiedereinstieg gelingen soll. «Wenn ich mich nicht mehr als Berufsfrau sehe, wer soll mich dann anstellen?», fragt die Berufs- und Laufbahnberaterin Claire Barmettler vom S&B-Institut in Bülach.

Am Ball bleiben lohnt sich

Am besten ist es natürlich, die Berufsidentität während einer Baby- oder Kinderpause gar nicht erst zu verlieren. Die Rezepte dazu sind nicht so schwierig. Hier einige Tipps der Expertin:

  • Treten Sie nicht aus dem Berufsverband aus und lesen Sie regelmässig die Zeitschriften, die der Verband herausgibt. Dort wird über neue Techniken und Verordnungen sowie über Weiterbildungsangebote informiert. So bleiben Sie auf dem Laufenden.

  • Besuchen Sie die Gewerbe- oder Fachmessen Ihrer Branche. Wenn Sie von dort einen Katalog mitnehmen, haben Sie auch gleich sämtliche Adressen, wenn Sie sich später einmal bewerben wollen.

  • Gönnen Sie sich auch in der Familienphase pro Jahr einige Weiterbildungstage, die mit Ihrem Beruf zusammenhängen.

  • Überlegen Sie, welche Werkzeuge Sie brauchen, um à jour zu bleiben. Wenn in Ihrem Beruf der Computer wichtig ist und zum Beispiel ein neues «Office» auf den Markt kommt, besorgen Sie es sich für zu Hause und besuchen Sie eventuell einen Kurs. Den besten PC im Haus braucht nicht das Kind für seine Computerspiele, sondern die Mutter für ihre Weiterbildung! Ein gutes Weiterbildungsmittel im Computerbereich sind auch die Kurse «European Computer Driving Licence» (www.ecdl.ch). Diese Kursmodule sind gerade für Familienfrauen - und natürlich auch für Familienmänner - praktisch, weil sie zu Hause vorbereitet werden können. Nur die Prüfungen finden auswärts statt.

  • Aktualisieren Sie Ihren Lebenslauf jedes Jahr und tragen Sie alles ein, was Sie gemacht haben. Dadurch werden Sie nicht nur einen besseren Eindruck auf dem Arbeitsmarkt machen, sondern sie gewinnen auch mehr Selbstvertrauen.


Lust auf etwas Neues?

Anzeige

Laufbahnberaterin Claire Barmettler rät dazu, wenn möglich einen Fuss im Beruf zu behalten, und sei es nur mit einer Ferienablösung. Wer darauf spekuliert, nach der Geburt das Vollpensum auf ein Minimalpensum von vielleicht 20 Prozent zu reduzieren, sollte dies frühzeitig und ganz klar signalisieren. Sonst rechnet der Betrieb nicht damit und wird die Stelle neu besetzen. «Frauen sollten ruhig auch deutlich machen, was der Betrieb davon hat, wenn sie nicht ganz aussteigen - etwa bleibendes Know-how», betont die Expertin vom S&B-Institut.

Aber wenn eine Frau nach der Familienpause gar nicht mehr in ihren herkömmlichen Beruf zurück will? So wie Verena Ganz zum Beispiel (siehe Nebenartikel «Drei Bespiele: Wiedereinstieg geschafft»). Nach ein paar Jahren als Familienfrau spürte sie zwar das dringende Bedürfnis, «wieder eine Herausforderung für den Kopf» anzunehmen, doch an den Bankschalter zurückkehren wollte sie auf keinen Fall: «Ich suchte etwas mit mehr Sinn.» Was das hätte sein können, war ihr in diesem Moment allerdings nicht so klar. Erst in der Berufsberatung wurde deutlich: Das Einzige, was sie wirklich interessierte, war das Schreiben. Und so hat sie Schritt für Schritt und auf Umwegen zu ihrem heutigen Traumberuf gefunden.

Die Erfahrung von Berufsberaterin Claire Barmettler zeigt, dass die Gruppe der Frauen, die bei der Geburt ihres Kindes gerne aus ihrem Beruf flüchten, gar nicht so klein ist. In solchen Fällen fehlen später die Möglichkeiten zum Wiederandocken, und das berufliche Ziel muss von Grund auf neu gefunden werden. Eine persönliche Standortbestimmung in Form einer Beratung oder eines Wiedereinstiegskurses ist da sehr hilfreich. «Ich muss wissen, was mich interessiert, was ich kann und was es gibt, damit ich überhaupt neue Chancen ergreifen und Zufälle packen kann», so Barmettler.

Anzeige

Der Verhandlungspartner

Auch bei der Rückkehr in den bisherigen Beruf kann ein Wiedereinstiegskurs den nötigen Kick liefern, um die Schwellenangst vor dem Schritt hinaus zu überwinden. Nur schon, weil frau dort hört, wie andere auch zweifeln. In diesen Kursen können sich die Teilnehmerinnen gegenseitig stützen, zusammen lachen oder auch mal schnöden. Claire Barmettler empfiehlt den Verein Wefa, Weiterbildungen für den Arbeitsmarkt (www.wefa.ch). Dieser biete gute Kurse in der ganzen Schweiz an. Wenn sich jemand in Gruppen nicht so wohl fühlt, ist hingegen eher eine persönliche Beratung geeignet.

Und schliesslich: Zu einem gelungenen Wiedereinstieg gehört auch der Partner. Viele Paare vereinbaren vor der Geburt, wie sie Berufs- und Familienarbeit aufteilen wollen - und dann sprechen sie jahrelang nicht mehr darüber. Aber die Zeit vergeht sehr schnell, und plötzlich ist der Zug abgefahren. Expertin Barmettler rät deshalb, die Situation regelmässig neu zu beurteilen und mit dem Partner zu verhandeln: Wie hat sich der Markt entwickelt? Wie sieht es mit den Karrieren aus? Barmettler: «Vielleicht hat das Paar abgemacht, dass der Mann zuerst voll auf seine Karriere setzen darf. Aber irgendwann braucht auch die Frau wieder mehr Spielraum für ihren beruflichen Weg.»

Anzeige

Buchtipp

Reinhard Schmid und Claire Barmettler: «Familienfrau. Wie weiter?» Eine persönliche und berufliche Standortbestimmung; S&B-Institut, 2003, 34 CHF