Claire Barmettler, 48, ist Psychologin und seit 1993 Geschäftsführerin des S&B-Instituts für Berufs- und Lebensgestaltung in Bülach ZH (www.s-b-institut.ch). Sie ist seit 1986 als Berufsberaterin tätig.

Der Fall scheint klar: Wenn beispielsweise die Informatikbranche geradezu um Nachwuchs bettelt, sollten junge Leute einfach einen IT-Beruf wählen – so dürfte ein sicherer Job gewährleistet sein. Doch die Berufswahl rein vernunftmässig anzugehen führt kaum zum Erfolg, das weiss Claire Barmettler aus 23 Jahren Praxis als Berufsberaterin. «Der Mensch muss den Job ausfüllen wie ein Kleidungsstück, das ihm nicht zu gross und nicht zu klein ist», sagt sie.

Das will heissen: Ein Beruf muss den Fähigkeiten der jeweiligen Person entsprechen. Sein Inhalt soll Interesse wecken und einen positiven Reiz ausüben. Was die Expertin empfiehlt, damit der berufliche Nachwuchs am passenden Ort landet:

Berufswähler – mehr Träume!

In ihrer Tätigkeit als Berufsberaterin ermuntert Claire Barmettler die jungen Leute ausdrücklich, ihren Traumberuf zu nennen. Dann versucht sie, herauszufinden, was daran als besonders reizvoll empfunden wird. Dieses Verfahren führt in der Folge vielleicht nicht zum ursprünglichen Wunschjob, aber dafür zu anderen Arbeitsfeldern, in denen die Aspekte, die dem Berufswähler besonders wichtig sind, ebenfalls eine Rolle spielen. Barmettler ist allerdings etwas desillusioniert: «Sehr viele Jugendliche lassen gar keine beruflichen Träume mehr zu.»

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Eltern – mehr Zurückhaltung!

Oft hat der vorauseilende Realismus bei der Berufswahl mit den Eltern zu tun. Von ihnen wünscht sich die Berufsberaterin: «Haltet euch zurück mit euren Vorbehalten und eurem Sicherheitsdenken.» Für junge Leute sei es sehr demotivierend, wenn im Zusammenhang mit der Arbeit stets nur gewarnt, gemahnt und gejammert werde.

Schule – weniger Zurückhaltung!

Auch die Schule könne dazu beitragen, dass die Berufswahl mehr als Chance denn als Belastung wahrgenommen werde, findet Claire Barmettler. Heute werde das Thema stiefmütterlich behandelt: «Es geht doch um mehr als nur ums korrekte Schreiben einer Bewerbung.» Nämlich darum, dass die Jugendlichen die Methoden kennen, mit denen sie zum für sie richtigen Beruf kommen, und dass sie über das Wissen verfügen, wie sie sich darin weiterentwickeln können. Dafür müsste das Thema Berufswahlvorbereitung im Lehrplan einen festen Platz erhalten, mit den entsprechenden Instrumenten für die Lehrpersonen, fordert die Fachfrau.

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