Als in der Tageszeitung «Le Temps» ein Stelleninserat erschien, wonach bei der Migros Genf ein Posten als Marketingassistent zu besetzen sei, landeten 124 Bewerbungsdossiers auf dem Pult von Jean-Charles Bruttomesso. «Ein durchschnittlicher Wert», sagt der leitende Personalchef in seinem Büro im schmucklosen Genfer Vorort Carouge - bei besonders begehrten Jobs würden sich jeweils über 300 Interessenten melden. Mit 3800 Angestellten ist der orange Riese der grösste Genfer Arbeitgeber. Die kantonale Arbeitslosenquote ist mit gut sieben Prozent unschweizerisch hoch, und in gewissen Gemeinden besitzen über 40 Prozent der Bevölkerung keinen Schweizer Pass.

«Jede Firma glaubt von sich, dass sie niemanden diskriminiert. Wir wollten es genauer wissen und testeten die anonyme Bewerbung», sagt Bruttomesso, während er sich von seiner Assistentin ein paar Kandidatendossiers bringen lässt. Auf den kopierten Lebensläufen fehlen alle Angaben zur Person: Name, Alter, Geschlecht, Zivilstand, Religion, Nationalität, Wohnort - selbst die Fotos der Kandidatinnen und Kandidaten wurden vor dem Kopieren abgedeckt. Übrig blieben nur die «harten, technischen Fakten», erklärt Bruttomesso, «Ausbildung und Berufserfahrung». Mit Nummern versehen, wurden die Kopien und die Originale getrennt; Letztere kamen in den abschliessbaren Schrank der Sekretärin. Erst danach machte sich das Rekrutierungsteam ans Werk.

Der Versuch war Teil eines Pilotprojekts, welches das Integrationsbüro des Kantons Genf unlängst durchführte. Drei Unternehmen wurden motiviert, zwischen März und Juni bei allen Stellenbesetzungen die Lebensläufe der Bewerber zu anonymisieren. Neben der Migros wollten auch die Industriellen Betriebe der Stadt Genf und die Gemeindeverwaltung von Vernier das für die Schweiz neuartige System testen.

In Frankreich wurde diesen Frühling beschlossen, die anonyme Bewerbung im Gesetz zur Chancengleichheit zu verankern: Firmen mit über 50 Angestellten sollen verpflichtet werden, Jobkandidaten ohne Angaben zur Person zu rekrutieren. Konzerne wie Axa oder Peugeot-Citroën besetzen ihre Stellen bereits teilweise nach diesem System. Das Ziel: gleiche Chancen für alle - ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, Franzose oder Ausländer.

Die Ausländer haben es schwerer
In der Schweiz sieht die Realität aber oft anders aus: Eine Studie des Nationalen Forschungsprogramms (NFP) kommt zum Schluss, dass in der Deutschschweiz 59 Prozent der Kosovo-Albaner und gut ein Drittel der Türken bei der Arbeitssuche kürzere Spiesse haben als Schweizer - in der Romandie ist jeder vierte Türke benachteiligt. Die Forscher verschickten auf Stellenangebote hin fiktive Bewerbungen und verglichen die Rückmeldungen. Das Ergebnis: Wurde der Kandidat als Schweizer angepriesen, kam es deutlich häufiger zu einem Gespräch als bei einer ausländischen Herkunft - obwohl die Qualifikationen identisch waren.

Vom Modell mit anonymen Bewerbungen dürfe man aber keine Wunder erwarten, sagt Studienleiter Etienne Piguet. Es gehe vielmehr darum, bei Personalchefs «einen Bewusstseinswandel einzuleiten». Für den Neuenburger Professor steht fest: «Die meisten Diskriminierungen laufen unbewusst ab, und viele Arbeitgeber sind sich der Problematik gar nicht bewusst.»

Aus diesem Grund lanciert der Kanton Zürich einen weiteren Versuch: Für seine 600 Lehrstellen soll auf Lehrbeginn 2008 die anonyme Bewerbung eingeführt werden, um die Chancen der ausländischen Jugendlichen auf dem angespannten Lehrstellenmarkt zu erhöhen.

Jean-Charles Bruttomesso holt die Zwischenbilanz hervor, die er nach Ablauf des Versuchs erstellt hat: In den drei Testmonaten schrieb die Migros Genf sechs Jobs aus. Total 706 Interessenten meldeten sich, 34 wurden zu einem Gespräch eingeladen. Vier der sechs Stellen konnten zügig besetzt werden, für zwei Kaderposten zog sich das Verfahren in die Länge. Bruttomesso: «Wir haben zwei Männer und zwei Frauen engagiert, davon sind drei Personen aus Frankreich und eine aus der Schweiz. Das Alter dieser vier Leute beträgt im Schnitt 26 Jahre.»

Hier zeigen sich denn auch die Schwächen des Versuchs. Erstens war die Anzahl der ausgeschriebenen Stellen so gering, dass kaum repräsentative Resultate möglich sind. Zweitens war den Bewerbern nicht bewusst, dass sie an einem Test mitmachten - sie erfuhren es aus dem Antwortbrief. Wer sein Dossier aber wirklich anonymisieren will, müsste je nach Nationalität auch die Muttersprache verschleiern. Drittens hält sich das Alter hartnäckig als Diskriminierungsfaktor. Bei der Migros Genf liegt der Altersdurchschnitt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei 40 Jahren - tendenziell werden also junge Kräfte bevorzugt. Die anonymen Verfahren haben daran nichts geändert: Fast jeder zehnte der 706 Bewerber war über 50 Jahre alt, aber kein einziger wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Echte Chancengleichheit gibts nicht
«Das Verfahren läuft menschlich kälter und strenger ab», meint Jean-Charles Bruttomesso. Zweimal machte der Personalverantwortliche der Migros Genf die Probe aufs Exempel: Aus den Bewerbungen für den Marketingjob nahm er 40 anonyme Dossiers - vier davon hielt er für interessant. Er gab das Bündel seiner Kollegin, die exakt dieselben vier Bewerbungen zur Seite legte. Der zweite Test ergab das Gegenteil: Ein Mitarbeiter von Bruttomesso schaute 50 Dossiers durch und behielt im anonymisierten Durchlauf kein einziges, im normalen Verfahren aber deren drei.

Fazit des Personaldirektors: «Wir werden mit den anonymen Bewerbungen vermutlich nicht weiterfahren, wollen die Erfahrungen aber in die Praxis integrieren.» Konkret: Die Personalabteilung wird geschult, wie sich Diskriminierungen künftig vermeiden lassen. Zudem macht der Grossverteiler eine Befragung innerhalb der Belegschaft, die ans Licht bringen soll, ob und wo sich Mitarbeitende ungleich behandelt fühlen. Die Studie wird eine junge schwarze Frau durchführen.

Anita Schlatter (Name geändert) hatte sich auf die Stelle als Marketingassistentin bei der Migros Genf gemeldet und schied nach dem ersten Gespräch aus. «Mein Dossier war fachlich absolut in Ordnung, sonst hätte mich die Personalabteilung nicht eingeladen», sagt die 48-Jährige. Dass dann eine jüngere Person das Rennen gemacht habe, zeige, dass es unter dem Strich kaum echte Chancengleichheit gebe, sagt die Genferin enttäuscht. «Spätestens wenn man zum Gespräch erscheint, ist es mit der Anonymität ohnehin vorbei.»

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