Schon wenn Erwachsene das erste Mal von Dornröschen erzählen, spürt die Jugend den Druck im Nacken. Ein unschuldiges Märchen mit fieser Moral. Königin sollte die Prinzessin werden. Die aber wollte es, verwunschen wie sie war, lieber mit dem Handwerk probieren. Spinnen statt regieren - ein lässiger Gedanke. Das Königspaar wollte das Beste fürs Töchterchen und hielt es von allen Spindeln fern. Es kam, wie es kommen musste: Ungehorsam war die Kleine - Stich, Blut und hundertjähriger Schlaf. Was lernen wir daraus? Folge den Ratschlägen anderer und nicht dir selbst, sonst geht das Projekt in die Hose.

Vergesst es, das gilt höchstens im Märchen! «Es ist ernüchternd, wenn man nicht wenigstens versucht, einen Traum zu leben», sagt Claudia Schellenberg. «Dann drückt einen immer das Gefühl, etwas verpasst zu haben.» Die wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich beschäftigt sich mit Laufbahnforschung. Was logisch klingt, ist doch ein Luxusgedanke in Zeiten, in denen nur die wenigsten eine Stelle im Traumberuf ergattern.

Bleibt der Traumjob bloss ein Traum?
Die Gefahr besteht natürlich, das bestreitet Schellenberg nicht. Trotzdem rät sie, die Wunschvorstellung nie aus den Augen zu verlieren. «Man kann auch neben der Ausbildung seine Leidenschaften ausleben und testen, ob der Traumjob traumhaft ist.»

Manchmal wird das Hobby dann sogar zum Hauptjob. So wie beispielsweise bei DJ Bobo: Der knetete während der Bäckerlehre nicht nur Teig, sondern verknotete sich nebenbei beim Electric Boogie. Wohin das geführt hat, ist bekannt: vom Konditor zum DJ, vom singenden Tänzer zum Star.

Auf sich selber vertrauen ist wichtig
«Keine Erfahrung ist unnütz.» So viel steht für Psychologin Schellenberg fest. «Es ist schwierig, mit 16 Jahren schon genau zu wissen, was man beruflich machen will.» Jeder Mensch trage viele Eigenschaften in sich. Mit jeder guten und schlechten Erfahrung zeichne sich klarer ab, was einem im Leben wichtig sei. «Unsere Persönlichkeit entfaltet sich ständig weiter.»

Mut, auf sich selber zu vertrauen, macht die Expertin all jenen, die Angst haben, durch eine falsche Lehrstellenwahl die Chance ihres Lebens zu verpassen. «Zwar lässt man sich vom sozialen Umfeld oder von der Arbeitsmarktlage beeinflussen», so Schellenberg, «seine Persönlichkeitseigenschaften ändert man aber nie grundlegend.» Und genau diese entscheiden massgeblich, wohin man sich beruflich entwickelt.

Dies belegt auch eine Langzeitstudie des Psychologischen Instituts. 400 Jugendliche wurden im Alter von 15 Jahren nach ihren beruflichen Interessen und Persönlichkeitsmerkmalen befragt. Vier Jahre später wurde erhoben, welchen Lehrberuf sie absolviert hatten. Nach weiteren 17 Jahren überprüften die Wissenschaftler schliesslich, in welchen Berufen die Testpersonen als Erwachsene, mit 36 Jahren, arbeiteten. Das Ergebnis: Die Mehrheit war am Ende tatsächlich in Berufsfeldern gelandet, die ihren Jugendleidenschaften entsprachen.

Warum also nicht auch der zweitbesten Lehrstelle wenigstens eine Chance geben? Laufbahnpsychologen wissen, dass es jede Menge von Berufen gibt, die «psychologisch» miteinander verwandt sind; sie gehören zum gleichen Berufsfeld.

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Es gibt auch Alternativ-Traumjobs
Im Klartext: Obwohl Berufe sehr unterschiedlich scheinen, sprechen sie ähnliche Eigenschaften an. Sie könnten also sozusagen potenzielle Alternativ-Traumjobs sein. Das muss man wissen - oder ausprobieren und Umwege in Kauf nehmen (siehe Nebenartikel «Der Weg ist das Ziel: Auf Umwegen zum Traumberuf»). Biologe und Fotograf zum Beispiel: Auf den ersten Blick völlig verschieden, doch beide Jobs erfordern Genauigkeit, Ausdauer und den Forscherblick.

Anderes Beispiel: Damenschneiderin und Physiotherapeutin. Kein Hauch von Verwandtschaft? Irrtum! Beide Berufe verlangen handwerkliches Geschick und ein Gespür für Menschen. Ob man aber die Glamourwelt der Mode mehr schätzt als medizinische Praxen, ist dann eine Frage der Gesamtpersönlichkeit.

«Wichtig ist, dass man auch auf seinen Bauch hört», rät Claudia Schellenberg. Wenn der eingeschlagene Weg gar nicht passe, melde sich der garantiert. Dann heisst es, raus aus dem Tiefschlaf und selber neue Wege wagen. Denn der Prinz küsst einen nur im Märchen wach.

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