«Was andere können, kann ich auch», sagte sich Barbara Grossenbacher (Bild), 42, aus Seedorf BE. Nach zehn Jahren Familienarbeit und Mitarbeit in gemeinnützigen Organisationen war es für die Mutter von drei Kindern (18, 12 und 11) Zeit, einer ausserhäuslichen Arbeit nachzugehen. Doch sie erlebte eine bittere Enttäuschung: «Nach zehn Jahren Familienarbeit ist frau auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt.» Nicht einmal zu Bewerbungsgesprächen wurde sie eingeladen. Nach diesem Rückschlag entschied sie sich, in einem Kurs Selbstvertrauen zu tanken.

Das Kurszentrum «Sonnhalde» in Worb BE bietet seit einigen Jahren Kurse zum Spannungsfeld «Familie – Beruf» an. Einer richtet sich an Frauen, die wieder ins Berufsleben einsteigen wollen. Der Kurs baut auf einem Fragenkatalog auf, der im neuen Beobachter-Ratgeber «Familienarbeit macht kompetent» zu finden ist.

Studie widerlegt Vorurteil

Dieser Fragenkatalog entstand nach einer von der «Sonnhalde» in Auftrag gegebenen Studie, in der Erwerbsarbeit mit Familien- und Hausarbeit verglichen wurde. Die Arbeitspsychologin Kerstin Koeltzsch befragte 84 Frauen und 16 Männer nach ihren Aufgaben, Anforderungen und Belastungen am Arbeitsplatz. Die Auswertung machte klar: Ein durchschnittlicher Familien- und Hausarbeitsplatz ist mindestens so anspruchsvoll und anstrengend wie der Arbeitsplatz einer Krankenschwester oder eines Bauingenieurs. Ein Viertel der Haushalte, dies ergab die Studie, ist hinsichtlich Anforderungsprofil und Belastung ebenso anspruchsvoll wie eine Kaderstelle.

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Die höchste Bewertung erhielt der Familien- und Hausarbeitsplatz einer 36-jährigen Frau mit drei Töchtern zwischen sieben und zwölf, die zu rund 50 Prozent als Sozialpädagogin erwerbstätig war und zudem in einem Verein sowie in der Schule ehrenamtlich arbeitete. Die tiefste Bewertung bekam der Hausarbeitsplatz einer 30-jährigen kinderlosen Studentin, die mit ihrem Partner zusammenlebte.

Die wissenschaftliche Untersuchung behauptet nicht, dass eine Familienfrau selbstredend eine gute Lehrerin wäre, ebenso wenig wie eine Polizistin eine gute Krankenschwester abgäbe. Vielmehr zeigt die Studie, dass in der Familien- und Kinderbetreuungsphase Fähigkeiten erworben werden, die im Berufsalltag gefragt sind: etwa Planung und Organisation, Teamarbeit und Konfliktbewältigung sowie Entscheidungsstärke, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit. Eigenschaften also, die in vielen Stelleninseraten als Schlüsselkompetenzen gefordert werden.

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Wer den Haushalt managt, qualifiziert sich für das Berufsleben – dies will Bernadette Kadishi, Organisationspsychologin und Herausgeberin des neuen Beobachter-Ratgebers, aufzeigen. «Kernpunkt des Ratgebers ist eine Selbsteinschätzung des eigenen Familien- und Hausarbeitsplatzes und der damit verbundene Nachweis der erworbenen Kompetenzen», erklärt sie. Der Beobachter-Ratgeber soll Frauen und Männer vor einem Wiedereinstieg ins Berufsleben Denkanstösse geben und dazu motivieren, selbst einen Kurs zu besuchen.

Das Kind ging dem Studium vor

Für Barbara Grossenbacher kam der Kurs der «Sonnhalde» genau zum richtigen Zeitpunkt. «Je grösser unsere Kinder waren, desto grösser wurde mein Frust. Der Kurs gab mir Selbstvertrauen – von da an wollte ich mich nicht mehr unter meinem Wert verkaufen.» Die gelernte Apothekenhelferin hat eine typische Frauenkarriere hinter sich: Ihren Ehemann lernte sie kennen, als beide die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nachholten. Als die Ehepartner den Abschluss in der Tasche hatten, absolvierte er ein Medizinstudium, wogegen Barbara Grossenbacher nach zwei Semestern und der Geburt ihres ersten Kindes das Jusstudium abbrach.

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Mit Hilfe des Fragenkatalogs und des Kurses fand Barbara Grossenbacher ihre persönlichen Schlüsselkompetenzen heraus, beispielsweise Kommunikations- und Motivationsfähigkeit. Mittlerweile hat sie eine 50-Prozent-Anstellung bei Swiss Post International und berät Privat- und Grosskunden am Telefon.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebenslauf, das Suchen und Benennen von Fähigkeiten und Fertigkeiten half auch Katrin Baviera, 46, aus Beggingen SH. Ihren heutigen «Traumjob» fand die zweifache Mutter auf Umwegen. «Ich habe Buchhändlerin gelernt – ohne jede Vorstellung vom Berufsalltag», erinnert sie sich. Ein Leben lang im Buchladen stehen – das war nichts für sie. Im Alter von 28 Jahren suchte sie einen Berufsberater auf. Dieser eröffnete ihr den Weg, sich zur Hauswirtschaftslehrerin auszubilden. Katrin Baviera unterrichtete in Zürich und Winterthur, nach der Geburt des zweiten Kindes legte sie eine einjährige Babypause ein.

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Mehr können, als Frau meint

Zurück im Berufsalltag, folgte bald die Ernüchterung: Das Unterrichtsfach Hauswirtschaft hatte nach Umstrukturierungen an Stellenwert verloren, die Zukunft ihres Berufsstands war ungewiss. Sie entschied sich, dem Schulbetrieb den Rücken zu kehren und etwas Neues zu wagen. Ihre Schlüsselkompetenzen sollten ihr dabei neue Berufswege aufzeigen. «Das Resultat war verblüffend», meint sie. Für die Ratgeber-Herausgeberin Bernadette Kadishi eine häufige Reaktion: «Wenn sich Frauen mit den Anforderungen der Familienarbeit auseinander setzen, stellen sie oft fest, dass sie mehr können, als ihnen bewusst ist.»

Zutage kamen bei Katrin Baviera beispielsweise die Schlüsselkompetenzen Effizienz und gutes Zeitmanagement. Bald fand sie eine Möglichkeit, wie sie ihr Wissen als Hauswirtschaftslehrerin nutzen konnte: Heute ist sie selbstständig, ihr Unternehmen Ergo-tax berechnet Haushaltsarbeiten, die Menschen nach einem unverschuldeten Unfall nicht mehr ausüben können, damit die Geschädigten eine angemessene Entschädigung zugesprochen bekommen. «Jahrelang habe ich mich für den Wert der Hausarbeit eingesetzt – heute bewerte ich jene Hausarbeiten, die nicht mehr geleistet werden können.» Katrin Bavieras Auftraggeber sind Rechtsanwälte, seltener auch Versicherungen. Die zweifache Mutter und Berufsfrau lacht: «Je mehr ich mich theoretisch mit Hausarbeit beschäftige, desto mehr beschäftigt sich mein Mann praktisch damit.»

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Kurse

Informationen zur Anerkennung ausserberuflich erworbener Kompetenzen:

Sonnhalde Worb

Vechigenstrasse 29

3076 Worb

Telefon 031 839 23 35