Sie hat es geschafft und das getan, wovon sie jahrelang träumte. Als absehbar wurde, dass nach Tochter Lea auch Sohn Ralf ausziehen würde, gab Eva Hauser, 53, dem Professor, bei dem sie 25 Jahre zuvor ihr Studium abgeschlossen hatte, ein Rauchzeichen. «Bei Kaffee und Kuchen liess ich ihn mit Nachdruck wissen, jede Arbeit zu übernehmen, solange ich am Institut wieder ein Plätzchen erhalten würde.»

In den Jahren zuvor hatten die Kinder im Zentrum gestanden. Eva Hauser war bereit gewesen, ihren Job als Assistentin aufzugeben, nachdem ihr Mann an seiner Vollzeitstelle als Berufsschullehrer nichts hatte ändern wollen. Bis zu Ralfs zweitem Lebensjahr widmete sie sich ganz den Kindern, doch die Arbeit ausser Haus fehlte ihr. Sie fand eine flexible Teilzeitstelle in einer Buchhandlung und half daneben immer wieder aus, wenn bei ihrem früheren Professor Notstand herrschte: «Das reichte von Kopieren bis zur Schmalspurmitarbeit an wissenschaftlichen Texten.» Heute ist sie froh, wenigstens die kleine Zehe im Assistentenbüro belassen zu haben. Seit dem Wintersemester ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an ihrem ehemaligen Institut. Dass manche sie mit «Grosi» betiteln, trägt sie mit Fassung.

Eva Hausers Berufsbiographie liegt im Trend. Die Erwerbsquote bei den über 50-Jährigen ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Laut der Schwei­zerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) arbeiteten 1991 erst 44 Prozent der Frauen zwischen 55 und 64 Jahren. Im letzten Jahr waren es über 61 Prozent. Und die Zahlen werden weiter ansteigen: Schon heute ist gut ein Viertel der Erwerbsbevölkerung ­älter als 50, und bis zum Jahr 2020 wird es rund ein Drittel sein. Gemäss Schätzungen des Bundesamts für Statistik werden die über 65-Jährigen in der Schweiz bis 2050 rund 43 Prozent gegenüber den 20- bis 64-Jährigen ausmachen.

Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es noch 25 Prozent. Und selbst wenn der Beschäftigungsgrad auf dem hohen Niveau des Jahres 2000 verbleiben sollte, wird die aktive Schweizer Bevölkerung ab 2020 abnehmen und eine markante Alterung einsetzen. Die über 50-Jährigen werden im Jahr 2020 geschätzte 31 Prozent der aktiven Bevölkerung ausmachen. Im Jahr 2000 waren es noch 25 Prozent.

«Nie, nie aufhören zu arbeiten»

Bei den berufstätigen Frauen über 50 habe in den letzten 20 Jahren ein «gewaltiger Wandel» stattgefunden, sagt François Höpflinger, Altersforscher und Soziologe an der Universität Zürich: Nur noch ein Drittel der Frauen mit Kindern höre heute ganz zu arbeiten auf, die meisten behielten Kontakt zur Berufswelt – häufig in stark reduzierter Form und nicht gradlinig, sondern aus mehreren Stellen zusammengesetzt. Das aber sei nicht das Entscheidende. «Wichtig ist, einen Weg zu wählen, der eine gewisse Kontinuität erlaubt. Denn Wissen und Kompetenzen sollten eine vernünftige Halbwertszeit haben.»

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In dieselbe Kerbe schlägt Monique R. Siegel, selbständige Unternehmerin und Wirtschaftsethikerin: «Frauen dürfen nie, nie aufhören zu arbeiten.» Die 70-Jährige arbeitet seit ihrem 17. Lebensjahr ohne Unterbruch – hat allerdings auch keine Kinder. Sie kann sich zwar vorstellen, wie sehr ein Kind zu vollständigem Erfülltsein führen kann: «Doch selbst wenn man am liebsten nur noch aufs nächste Lächeln der Kleinen wartet, muss man sich im Kopf eine Lücke für die Berufswelt freihalten. Ansonsten ist man out.» Komme dazu, dass bei einer Scheidungsrate von 50 Prozent nichts mehr sicher sei im Leben – auch «die Versorgungsanstalt» Ehe nicht. Damit Frauen in der Berufswelt wieder Fuss fassen können, müssen sie ihren Geist «geschmeidig» halten und vernetzt bleiben, glaubt Siegel.

Dazu könne auch Gratisarbeit verhelfen: sich im Quartier, in einem Verein oder einer Partei zu engagieren führe dazu, Verantwortung ausserhalb der eigenen vier Wände zu übernehmen, Beziehungen aufzubauen, sich zu organisieren, «alles unentbehrliche Dinge, wenn es darum geht, in der bezahlten Berufswelt wieder einen Platz zu finden».

«Sozialkompetenz genügt leider nicht»

Hinderlich dürfte sein, dass es für jede Bewerbung Papiere und Bescheinigungen von Aus- und Weiterbildungen braucht. «Ein gutes Herz und grosse Sozialkompetenzen genügen leider längst nicht mehr», sagt die auf Frauen- und Alltagsfragen spezialisierte Historikerin Heidi Witzig. Heutzutage müsse man sich für alles ausweisen können: «Ansonsten ist man chancenlos.» Niemand stelle heute eine Frau an, nur weil ihr familiärer und menschlicher Rucksack eindrücklich ist: «Das Argument, man habe fünf Kinder grossgezogen, erzeugt bei Arbeitgebern vielleicht Respekt, aber garantiert keine berufliche Qualifikation.»

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Doch wer es schafft, Familie und Beruf einen ähnlichen Stellenwert einzuräumen, kann sich unentbehrlich machen: Lebenserfahrung, Berufserfahrung, soziale Kompetenzen, organisatorisches Flair und Zuverlässigkeit sind gerngesehene Eigenschaften. Witzig spricht von «idealen» Arbeitnehmerinnen: «Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist die Mobilität grösser, die Frauen sind bereit, auch gewisse Lohneinbussen einzustecken, sie müssen keine Show mehr abziehen, in der Hackordnung nicht mehr mitmachen, und sie haben eine gewisse Gelassenheit entwickelt.»

Aus Sicht der Unternehmen scheinen allerdings andere Faktoren im Vordergrund zu stehen. Das zeigt eine breitangelegte Studie von Avenir Suisse aus dem Jahr 2006. Die Denkfabrik grosser Schweizer Unternehmen befragte die Personalverantwortlichen in mehr als 800 Firmen in der Schweiz. Es zeigte sich, dass jahrelange Betriebszugehörigkeit und Erfahrung nicht mehr so hoch bewertet werden wie Leistung. Vor allem dort, wo standardisiertes Wissen benötigt werde, verlören ältere Berufstätige leicht an «Wert». Die Autoren kamen aber zum Schluss: «Wenn Kompetenzen und Wissen mit einer Person ‹fusionieren›, wie es bei vielen statushohen Wissens- und Machtpositionen der Fall ist, können sich ältere Fachpersonen unentbehrlich machen.»

Voraussetzung dafür ist, dass sich Firmen überhaupt auf ältere Mitarbeitende einlassen – und damit neben vielen Vorteilen auch einige Nachteile auf sich nehmen. «Menschen über 50 lassen sich oft nicht mehr so leicht zu Anpassungen zwingen», sagt François Höpflinger. Zudem wollten viele Firmen Mitarbeiterinnen mit graumeliertem Haar oder der einen oder anderen Falte im Gesicht nicht mehr überall einsetzen: «Aufgrund körperlicher Attraktivitätsnormen kommen Ältere für gewisse Positionen häufig nicht mehr in Frage» – sei es am Empfang, am Schalter oder im Direktkontakt mit Kunden. «Da zählt eher jung und hübsch als erfahren.» Dabei würden vermutlich gerade ältere Kunden auch ältere Mitarbeitende durchaus schätzen, vor allem im Beratungssektor. Nicht nur in dieser Hinsicht spricht Höpflinger von «Altersdiskriminierung», sondern auch in Bezug auf die Situation arbeitsloser über 50-Jähriger im Vergleich zu Jüngeren. Die Quoten seien zwar ähnlich hoch, die Chancen der Jungen auf eine Stelle aber «um ein Vielfaches höher».

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Um die Chancen des Wiedereinstiegs zu erhöhen, kann die Unterstützung einer Laufbahnberatung hilfreich sein. Dieter Hauser, Leiter des Zentrums für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung am Institut für angewandte Psychologie in Zürich, hilft nicht nur beim Nachdenken über die berufliche Situation und beim Erarbeiten von Grundlagen für eine Neuorientierung, sondern unterstützt auch im Aktualisieren von Bewerbungsunterlagen und beim konkreten Vorgehen. Er beobachtet, dass gerade Wiedereinsteigerinnen über 50 häufig Hilfe brauchen, um mit mehr Selbstvertrauen und mit der nötigen Ausdauer den Wiedereinstieg zu verfolgen.

Ein solcher Schritt braucht Zeit, und das Aushalten negativer Rückmeldungen braucht Kraft. Hauser: «Da sind die Jüngeren häufig viel aktueller und verfügen über einen längeren Atem.» Auch Hauser sieht in seinem beruflichen Alltag immer weniger die typische Wiedereinsteigerin, sondern viele Menschen, die sich gerade auch in dieser Phase ihres Berufslebens verändern wollen.

Dieser Entwicklung tragen auch immer mehr Firmen Rechnung. Etwa die Zürcher Kantonalbank. Sie geht davon aus, dass das Durchschnittsalter ihrer Mitarbeitenden bis zum Jahr 2020 von derzeit knapp 39 Jahren auf 41,4 Jahre ansteigen dürfte. Das rückt die Zielgruppe der über 45-Jährigen ins Zentrum. Vor diesem Hintergrund hat die Personalabteilung drei altersspezifische Weiterbildungsangebote ins Leben gerufen: Den 45-Jährigen wird eine mehrtägige Standortbestimmung angeboten, in der ihre Situation unter die Lupe genommen wird und allfällige Veränderungs- und Entwicklungsmöglichkeiten erarbeitet werden; der Gruppe 50 plus werden in Seminaren altersbedingte Veränderungen und deren Konsequenzen aufgezeigt mit dem Ziel, ihre Kräfte zu stärken; und die Gruppe 55 plus wird in mehreren Seminaren bis zur Pensionierung begleitet.

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So vorbildlich wie die ZKB sind noch nicht viele Unternehmen. Laut François Höpflinger vor allem deshalb nicht, weil es ihnen an Wertschätzung gegenüber den über 50-Jährigen fehlt. Momentan befänden wir uns in einer «Zwischenperiode», sagt der Soziologe: Zwar sei vielen klar, dass es ohne das Nebeneinander von Jung und Alt nicht gehe, dass dies gegenseitig bereichernd und auch wirtschaftlich gesehen sinnvoll sei. «Doch der nötige Respekt ist noch nicht überall durchgesickert.» Grundsätzlich sei die Wertschätzung umso grösser, «je weniger ungleich die Älteren gegenüber ihren jüngeren Arbeitskollegen behandelt werden».

Fragen zur Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist auch Avenir Suisse nachgegangen. Gesundheitlich betrachtet seien heute immer mehr Ältere in der Lage, auch im höheren Alter aktiv und produktiv zu sein, halten die Studienautoren fest: «Altersarbeit stösst immer weniger auf rein gesundheitliche Grenzen.» Dabei dürfe aber nicht übersehen werden, dass eine beachtliche Zahl von Menschen im Alter 50 plus starken beruflichen Belastungen unterworfen sei, die die physische und auch die psychische Gesundheit negativ beeinflussen könnten. Ein Viertel der über 50-Jährigen ist laut Avenir Suisse mit körperlich anstrengenden Tätigkeiten konfrontiert. Weitere Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit. Eine im Jahr 2000 veröffentlichte Studie aus dem Kanton Genf hat etwa nachgewiesen, dass der Unterschied in der mittleren Lebenserwartung eines Akademikers und eines un- oder angelernten Arbeiters rund viereinhalb Jahre beträgt.

Umso dankbarer ist Eva Hauser, sich «topfit» zu fühlen. In ihrer Phantasie sieht sie sich mühelos noch 10, 20, vielleicht auch 25 Jahre hinter Büchern und am Computer. Sollte sie dann noch immer im Büro E 21 anzutreffen sein, wäre sie wohl eines der ältesten Semester unter den wissenschaftlichen Mitarbeitenden. Und vielleicht würde sie dann auch nicht mehr mit «Grosi» angesprochen, sondern mit «Urgrosi».

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