Zwei kleine Bauernhöfe mit weit heruntergezogenen Dächern ducken sich an den grünen Hang. Dahinter steigen Weiden zum Waldrand an; davor steigt Anwalt Biedermann aus seinem Wagen und geht zum Hof. Auf dem Vorplatz steht ein Hüne: breitbeinig, mit verschränkten Armen. Sein Hinterkopf berührt beinahe die Regenrinne. «Das ist er», sagt Anwalt Biedermann.

Das ist er. Roger Herrmann, der Schmuddelbauer. Der Tierquäler. Vor zwei Monaten hat die Fachstelle des Berner Tierschutzes auf seinem Hof 50 Tiere beschlagnahmt. Einige waren schmutzig, standen tief im eigenen Dreck. Herrmann wurde in eine Nervenklinik eingewiesen, sein Vieh verkauft und ein Teil bald darauf geschlachtet. Dass darunter auch trächtige Kühe waren, sorgte für Aufruhr unter Berner Bauern. Landwirtschaftliche Organisationen und Verbände bezeichneten das Vorgehen als unprofessionell, willkürlich und unverhältnismässig. Und weil es im vergangenen Winter zu einer Häufung von Fällen mit vernachlässigten Tieren gekommen war, hegen viele Bauern den Verdacht, dass der Tierschutz in Wyssbach ein Exempel statuierte.

Der «Schmuddelbauer» von nebenan

Wenn dem so ist, traf es mit Herrmann den Falschen - auch wenn gegen die Bezeichnung «Schmuddelbauer» auf den ersten Blick nicht viel einzuwenden ist. Ein gepflegter Hof sieht anders aus. Der Garten neben dem Haus ist verwildert, Gras und kletterfreudige Ranken machen sich über vergessene Gerätschaften her. Auf dem Vorplatz liegen Eimer, Säcke und Blachen herum. Mittendrin steht Bauer Herrmann: gross, schwer und kräftig. Seine Pranke zu schütteln bedarf gewissen Muts, aber sie entlässt die Hand des Besuchers unbeschadet. «Wollen wir reingehen?», fragt Biedermann. Er ist Anwalt aus Langenthal. Nachbarn haben dafür gesorgt, dass er Herrmanns Interessen vertritt.

Die Luft in der Wohnung ist stickig, die Stube etwas düster. Und leer, genau wie die Küche. Jemand hat aufgeräumt.

Was am 27. Februar auf seinem Hof geschah, kann Herrmann nur bruchstückhaft wiedergeben. «Ich war nicht dabei.» Der Mann spricht wenig - und wenn, dann laut. «Ich war ja oben», sagt er und schüttelt den Kopf. Die haben ihn ja während mehr als einer Stunde in seiner Scheune festgehalten. Die, das sind die Leute, die an jenem Mittwoch hinter seinem Traktor herfuhren, bis auf den Hof. Die ihm sagten, dass er in seinem Stall nichts mehr verloren habe und dass seine Tiere fortkämen. Die von ihm verlangten, dass er in ein Auto steigt, ohne zu sagen, wo es hinfuhr.

Ein Hüne fällt tief

Die Leute, die das taten, waren Berns Tierschutzbeauftragter Benjamin Hofstetter, zwei Experten seiner Fachstelle, mehrere Polizisten und die Fahrer der aufgebotenen Tiertransporter.

Der behördlichen Macht, die plötzlich auf seinem Hof wütete, hatte Herrmann nichts entgegenzusetzen. Es gab nichts, wogegen er sich mit seinem Gewicht hätte stemmen können. Natürlich, gegen die Männer auf seinem Hof - «ha dänkt, tüe gschyder nid».

Mit Worten erreichte er immerhin, dass er seinen Bruder anrufen konnte, der in der Nähe am Holzen war. Dann wurde er weggefahren. Es sollte vier Wochen dauern, bis er seinen Hof wiedersah.

Dass es in seinem Stall in jenen Tagen nicht zum Besten stand, bestreitet der 32-Jährige nicht. Auch nicht, dass ihm diesen Winter alles ein bisschen zu viel wurde. Im Herbst kam das Vieh zurück, das er auf der Alp gesömmert hatte, wodurch sich der Tierbestand auf dem Hof fast verdoppelte. 50 Tiere sind viel für einen allein. Vor fünf Jahren starb der Vater an Krebs. «Man meint ja, die Alten machen nicht mehr viel, aber wenn sie weg sind...»

Im Jahr 2005 starb auch noch Herrmanns Mutter, die die Buchhaltung besorgt hatte. Seitdem führte er, das drittjüngste von zehn Geschwistern, den Hof allein. Der Papierkram macht ihm Mühe; Herrmann ist Bauer, kein Unternehmer. Seine Schwester, die an Wochenenden bei ihm wohnte, konnte ihm nicht helfen. «Sie hatte früher Anfälle.» Sie kümmerte sich manchmal ein bisschen um die Kälber. Nach und nach gerieten seine Finanzen durcheinander. Als Herrmann Anfang des Jahres zwei Wochen lang krank war, kam er auch mit dem Misten nicht mehr nach.

Diesen Zustand trifft der Kontrolleur an, als er im Februar unangemeldet auf den Hof kommt. Herrmann ist nicht zu Hause. Der Kontrolleur meldet ihn bei der Fachstelle für Tierschutz.

Gewisse Tendenzen zur Verwahrlosung habe es schon gegeben, vor allem im Wohnteil, sagt Anwalt Biedermann, bevor er sich verabschiedet. Davon ist nichts mehr zu sehen. Während Herrmann in der Klinik war, wurde aufgeräumt; den Stall säuberten benachbarte Bauern. Wer die Wohnung geputzt hat, weiss er nicht. Auch das Zimmer im ersten Stock, in dem seine Schwester schlief, ist leer. Sie ist im Wohnheim. Er gehe nicht mehr hoch. Weil da alles ausgeräumt sei. Das sei schlimm.

Ende März wurde er nach fünf Wochen aus dem Freiheitsentzug entlassen. Mag sein, dass Herrmann mit den vielen Tieren überfordert war - der leere Hof machte ihm erst recht zu schaffen. «Das war gar nicht gut.» Er ging wieder zurück in die Klinik - freiwillig, für zwei Wochen. Eigentlich gehöre er ja gar nicht dorthin. Aber die Leute dort, an denen gebe es nichts auszusetzen, «gar nichts». Die haben ihn gut behandelt, ihm über Nacht seine Kleider gewaschen, als er verdreckt dort eingeliefert wurde. Dass er überhaupt eingewiesen wurde, findet Herrmann rückblickend nicht mehr so schlimm. Eben, eigentlich gehöre er da ja nicht hin, dort. Aber hätte er an jenem Abend auf dem Hof bleiben müssen, allein, ohne Tiere, «das wäre gar nicht gut gewesen». Und gut ist es immer noch nicht. «Im Momänt geits eifach nid wyter.»

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Tot statt dreckig

«Das Vorgehen war nötig. Ob es auch rechtens war, wird das laufende Verfahren bei der Volkswirtschaftsdirektion zeigen», sagt der Tierschutzbeauftragte Hofstetter. Dem Bauern Zeit einzuräumen sei angesichts der Verwahrlosung keine Möglichkeit gewesen. Hofstetter ist überzeugt, die richtigen Massstäbe angewandt zu haben. An diesen gemessen ist Herrmann nun ein Tierquäler. «We die das säge...» Er lächelt verlegen und mustert den leeren Stall. Krank waren seine Tiere nicht. Aus wirtschaftlichen Gründen mussten aber einige geschlachtet werden. Statt dreckig sind sie nun tot. «Das ist Tierschutz?» Herrmann schüttelt den Kopf.

Unterdessen hat die Volkswirtschaftsdirektion einen Antrag von Anwalt Biedermann gutgeheissen. Unter Auflagen darf Herrmann vorläufig wieder ein paar Rinder auf seinen Weiden halten. Er wird regelmässig kontrolliert. Herrmann blickt auf den Hang hinter dem Haus. Höchste Zeit. Zum Heuen ist die Wiese zu steil, und altes Gras fressen Kühe nicht.

Herrmann zwängt sich in die Kabine seines Traktors. Die Zugmaschine wirkt klein, wie eine Seifenkiste. Zugegeben, seine Grösse verwirrt das Augenmass. Da ist es offenbar nicht immer einfach, die richtigen Massstäbe anzuwenden.

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Quelle: Daniel Rihs