Die Verlockung dürfte oft gross sein: Der Abgabetermin für die Semesterarbeit rückt unerbittlich näher, Zeit hat man keine, und eigentlich wäre im Internet alles zu finden. Warum nicht einfach einen Text oder einen Abschnitt kopieren und als Eigenleistung ausgeben? Plagiate, also Text- oder Ideenklau, mehren sich an den Schweizer Universitäten. Christian Schwarzenegger, Vorsitzender des Disziplinarausschusses der Uni Zürich: «So viele Fälle wie jetzt gab es noch nie.» Sechs allein in diesem Jahr - und Schwarzenegger vermutet darin nur die Spitze des Eisbergs.

Gründe für das Phänomen sieht Erwin Murer, Vizedirektor der Uni Freiburg, im zunehmenden Leistungsdruck und der heutigen Internetgeneration. «Die Studenten sind mit dem Internet aufgewachsen», so Murer. Sie wüssten, wo im Netz Informationen zu finden sind. Damit sei der Anreiz zum Abkupfern gross. Adrian Joss, Präsident der Studierendenvertretung der Juristen an der Uni Zürich, hat noch weitere Erklärungen: «Die Arbeiten müssen immer umfangreicher sein. Und unter den Studenten wächst die Konkurrenz.» Nicht nur Murer, auch Joss ist das fehlende Unrechtsbewusstsein der Studenten aufgefallen. Hier müsse unbedingt eine Sensibilisierung stattfinden.

Die Universitäten wollen dem Textklau nicht länger zusehen und rüsten auf. An der Uni St. Gallen, wo schon seit letztem Winter eine Software im Einsatz ist, die Plagiate erkennt, wird die Kontrolle noch verschärft. Prüft man heute Texte nur bei Verdacht, sollen in Zukunft alle Bachelor- und Magisterarbeiten kontrolliert werden. Wird die Arbeit eines Studenten eingespeist, vergleicht das Programm den Text mit jenen einer Datenbank, in der weltweit wissenschaftliche Texte gespeichert werden. Pech, wenn die Software eine Übereinstimmung findet. Auch die Politologen der Uni Zürich verwenden inzwischen ein entsprechendes Programm.

Wer auffliegt, wird streng bestraft

Die Uni Zürich hat zudem einen Massnahmenkatalog gegen Abkupfern erstellt. So sollen die Studenten besser darüber informiert werden, welche Konsequenzen Plagiate haben. Die Disziplinarordnung wird gestrafft, damit schneller entschieden werden kann, ob jemand für drei oder sechs Semester vom Studium ausgeschlossen wird, und die Fakultäten arbeiten Merkblätter zur Problematik aus. Texte dürfen nur noch elektronisch abgegeben werden, und jeder Student muss per Unterschrift bezeugen, dass er der Autor ist.

Auch an den Universitäten in Luzern, Freiburg und Bern geht man gegen die Ideenklauer vor. Eine flächendeckende Überprüfung der Arbeiten gilt hier aber als übertrieben. Bei solchen Methoden leide das Vertrauensverhältnis zwischen Studierenden und Professoren, meinen Winand Emons, Professor für Wirtschaftstheorie in Bern, und Jörg Schmid, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät in Luzern.

In einem Punkt sind sich die Universitätsvertreter einig: Den Studierenden muss klar gemacht werden, dass Abschreiben verboten ist und ernste Konsequenzen nach sich zieht. Diese reichen vom Nichtbestehen der Prüfung über den zeitweisen oder vollständigen Ausschluss vom Studium bis hin zur Aberkennung des Titels.

Einem Politologie-Studenten in Zürich drohen bereits Sanktionen - er ist zweimal beim Abkupfern aufgeflogen und soll für vier Semester von der Universität ausgeschlossen werden.

Quelle: Agentur Gettyimages
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