Nach Karl Marx ist der Kapitalismus eine Klassengesellschaft: Oben sitzen die Zigarre rauchenden Kapitalisten im Nadelstreifenanzug, die fette Tantiemen einstreichen und mit einem Federstrich Mitarbeiter entlassen. Unten schuften die Taglöhner, die zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben haben. Bloss ein Klischee?

Die Verwaltungsräte jedenfalls scheinen das Bild zu bestätigen: Sie kontrollieren Firmen und deren Management, setzen Dividenden fest, beschliessen Fusionen und Arbeitsplatzabbau – und das erst noch im Nebenamt. Dieser Kreis von «Kapitalisten» umfasst in der Schweiz 210'000 Verwaltungsräte (VR), die 160'000 Firmen dirigieren: Sie bilden die Creme der Wirtschaft – sozusagen den Gegenpol zur Unterschicht von 500'000 Billiglohnarbeitern.

Honorare sind tabu Die «Oberen» verdienen viel, reden aber ungern darüber: Auskünfte über Löhne gehören in der Schweiz zum Tabubereich. Viele Firmen verstecken zudem die genaue Honorarsumme ihrer Vorstandsmitglieder hinter einem komplizierten System von Barentschädigungen, Spesen, Boni, Aktien und Optionen, deren Wert nicht auf Anhieb beziffert werden kann. Dank kritischen Wirtschaftsmedien sind die Verwaltungsratshonorare der grossen Firmen heute allerdings bekannt.

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Ebner kassiert 20 Millionen An der Spitze der Grossverdiener steht der Bankier Martin Ebner. Er kassiert als VR-Präsident von BK Vision, Stillhalter Vision, Pharma Vision und Gas Vision ein Honorar von fast 20 Millionen Franken jährlich. Hinter ihm folgen die UBS-Verwaltungsräte mit je 300'000 Franken. Deutlich mehr erhält UBS-VR-Präsident Alex Krauer, der ein Vollamt ausübt. «Doch darüber machen wir keine Angaben», sagt UBS-Sprecher Michael Willi.

In ihrem neusten Rating führt die «Handels-Zeitung» 19 Schweizer Topfirmen auf, deren Verwaltungsräte über 100'000 Franken Honorar erzielen. Generell liegt der Durchschnitt der VR-Entschädigungen von Grossfirmen bei 33'300 Franken im Jahr. Das macht bei durchschnittlich 6,3 Sitzungen im Jahr 5290 Franken pro Arbeitstag. Mit anderen Worten: Die Tagespauschale eines Verwaltungsrats einer Grossfirma ist höher als der durchschnittliche Monatslohn aller Erwerbstätigen in der Schweiz (5096 Franken brutto)! Doch auch die Aufsichtsgremien von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sind gut gebettet, wie die Visura Treuhandgesellschaft errechnete. Kleinfirmen (bis zehn Mitarbeiter) bezahlen ihren Verwaltungsräten 8500 Franken im Jahr – oder 1440 Franken pro Sitzungstag (5,9 Sitzungen). Mittlere Unternehmen (250 bis 500 Mitarbeiter) sind bereits grosszügiger: Sie zahlen pro VR-Mitglied 23'600 Franken jährlich – oder 4370 Franken pro Sitzungstag (5,4 Sitzungen).

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Verwaltungsräte leisten keine Schwerarbeit – im Gegensatz zu den ihnen unterstellten Managern, die sie je nach Geschäftsgang anheuern oder feuern. Das zeigt der bescheidene jährliche Arbeitsaufwand: Ein VR tritt im Schnitt alle zwei Monate zu einer Sitzung zusammen. Und für diesen meist halbtägigen Anlass werden die älteren Herren nebst dem üppigen Tageshonorar mit einem feinen Essen entschädigt.

Verwaltungsrat ist laut der «Neuen Zürcher Zeitung» ein «Amt für ältere Männer mit Beziehungen». Das zeigt ein Blick auf den Altersdurchschnitt der Verwaltungsräte. Er liegt bei Grossfirmen zwischen 53 (SAir Group, Kuoni) und 64 Jahren (Ems-Chemie). Bei den Vorstandsmitgliedern handelt es sich um Männer, die für hektische Managerjobs zu alt und für die Pensionierung zu jung sind.

Kaum Frauen an der Spitze Der Verwaltungsrat ist in aller Regel ein kleines Gremium. Vor allem bei grösseren Firmen sind die Vorstände in den letzten zwei Jahren geschrumpft. Heute sitzen nur in ganz wenigen Firmen mehr als zehn Mitglieder im Vorstand. In mittleren Unternehmen umfasst der Verwaltungsrat in der Regel gar nur drei bis sieben Mitglieder.

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Frauen sind in den Aufsichtsorganen von Topfirmen nur rar vertreten. Bei der UBS (acht Personen) etwa sitzt keine Frau am Tisch.

Bei der SAir Group sieht sich die Zürcher FDP-Ständerätin Vreni Spoerry insgesamt neun Herren gegenüber. Und bei den Sitzungen der Nestle AG erblickt sie – ebenfalls als einzige Dame – zwölf Herren um sich herum.

Etwas besser schneiden die kleinen und mittleren Familienunternehmen ab. Dort macht der Frauenanteil im Verwaltungsrat 12,9 Prozent aus. Es sind vor allem die Ehefrauen von Firmeninhabern. Bei den Nicht-Familienunternehmen ist das weibliche Geschlecht nur gerade mit vier Prozent vertreten. Bei Banken und Gewerbebetrieben liegt der weibliche Anteil etwas über, in Industrie- und Handelsfirmen etwas unter dem Durchschnitt.

Ausländer stark vertreten Grösser als die Zahl von Frauen ist jene von Ausländern in den Verwaltungsräten von Spitzenfirmen. So haben etwa im schwedisch-schweizerischen Maschinenkonzern ABB nur gerade zwei von elf VR-Mitgliedern einen Schweizer Pass. Auch bei Alusuisse und Ciba-Spezialitätenchemie sitzen zur Hälfte Ausländer.

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In Klein- und Mittelunternehmen werden manche Verwaltungsräte zu Sesselklebern: Sie üben ihr Amt mehr als zehn Jahre aus. Anders bei Grossfirmen: Dort wechselt ein VR-Mitglied im Durchschnitt alle sieben Jahre seinen wohldotierten Sitz.

So ist wenigstens garantiert, dass in der Creme de la creme nicht immer die gleichen Nutzniesser ihre Pfründen pflegen dürfen. Das immerhin hatte Marx nicht vorausgesehen.