Die Studierenden werden durch fachkundige Betreuung von Experten in eine schöne und geschützte Atmosphäre begleitet», heisst die Zürcher Gesundheitsschule Natura Medica GmbH die Schüler und Schülerinnen willkommen. Doch trotz «Atmosphärenschutz» kam es beim zweijährigen Lehrgang zum «Diplomierten Wellnesstherapeuten» (Kostenpunkt: 13750 Franken), der im Mai 2003 begann, zum Eklat. Ein erheblicher Teil der Klasse fühlte sich in die Irre geführt und um Leistungen geprellt. Fünf der elf Teilnehmer traten im Januar 2004 vom Vertrag zurück.

Das grösste Ärgernis war eine Fehlinformation der Schule, an der derzeit rund 100 Schülerinnen und Schüler eingeschrieben sind. Natura Medica hatte für das Diplom die Anerkennung durch das Erfahrungsmedizinische Register (EMR) in Aussicht gestellt. «Unsere Ausbildungen entsprechen den EMR-Anforderungen», hiess es im Willkommensschreiben. Erst später realisierten die angehenden Therapeuten, dass dies nicht der Fall ist. Aber erst die EMR-Anerkennung garantiert die Akzeptanz einer Therapie bei den Krankenkassen – ein wichtiger Punkt für die späteren beruflichen Möglichkeiten, der ausschlaggebend bei der Schulwahl ist.

Die Schulleiterin Eva Stucki widerspricht. Niemals habe in einem Prospekt gestanden, diese Ausbildung sei EMR-anerkannt. Doch die Nichtaufnahme ins EMR-Register vergiftete unter der Schülerschaft das Klima. Der Unmut und das Misstrauen in der Klasse wuchsen. Auch wenn Eva Stucki noch heute versucht, die Vorwürfe abzuschwächen. Wellnesstherapeuten, so Stucki, würden ohnehin eher in Hotels arbeiten, wo eine Anerkennung nicht erforderlich sei.

Eine verzweifelte «Rettungsaktion»


Im Dezember 2003, nach langen Diskussionen, bot die Schule eine «Rettungsaktion» an: den Wechsel in einen EMR-fähigen Farbtherapiekurs. Eine Ausbildung, die mit der ursprünglichen nichts mehr zu tun hatte, aber immerhin anerkannt war.

Es war die Anwaltskanzlei der Schule, die im Januar 2004 die Schüler zur Fortsetzung des Wellnesskurses oder zur Entscheidung für die Farbtherapie aufforderte.

Ein Teil der Schüler verzichtete dankend auf den Farbtherapeutenkurs und suchte Rechtshilfe. Die Anwaltskanzlei von Natura Medica lehnte die Rückerstattung der Kurskosten zwar ab, ein Vergleich wurde trotzdem geschlossen. Im Vertrag wurden die Abtrünnigen zur Geheimhaltung über die Vorfälle verpflichtet.

Keiner Schweigepflicht unterliegt Thomas Maron, Geschäftsmann aus Romanshorn. Er spricht für seine Frau Maria del Carmen Maron-Sutter, eine enttäuschte ehemalige Kursteilnehmerin. Maron nennt die Beschwerdeliste der Kursbesucher, die mehrfach – unbeantwortete – Briefe an die Schule schrieben. Es fehlten Dokumentationen zur Ausbildung, Literaturverzeichnis, Dozentenliste, Stundenplan und Lektionenübersicht. Dies alles ist bei Weiterbildungsangeboten eine Selbstverständlichkeit. Nicht so bei Eva Stucki, jedenfalls keine kostenlose: Bei ihr wäre dies ein «honorarpflichtiger Mehraufwand» gewesen.

Zudem waren kurz vor Kursbeginn überraschend zusätzliche 500 Franken für Unterrichtsmaterial fällig – das die Teilnehmer nie erhielten. Später kamen 1000 Franken Prüfungsgebühren dazu. Auch diese Mehrkosten fehlten im Vertrag.

Das will Schulleiterin Stucki so nicht auf sich sitzen lassen. Eine genaue Abrechnung sei gegen Ende des Kurses vorgesehen gewesen, zudem verrechne sie seit Ende 2003 keine Zusatzkosten mehr. In Bezug auf angeblich fehlende Unterlagen verweist sie auf Ordner mit Informationen zur Ausbildung, in die die Schüler jederzeit – in ihrem Büro – Einsicht hätten.

Diplome haben nur symbolischen Wert


Selbst Noten wurden den Schülern vorenthalten. Die Ergebnisse der Anatomieprüfung vom September 2003 haben die Schüler, die im Januar die Schule verliessen, nie gesehen. Christian Raimann, Naturheilpraktiker aus Rüti ZH und Ex-Dozent an der Schule, erinnert sich, dass er Prüfungen lediglich korrigieren durfte, aber nie Diplome oder Abschlussnoten zu sehen bekam. Raimann spürte schon beim Lehrantritt eine «Grundstimmung der Unzufriedenheit unter einem beachtlichen Teil der Schüler». Er verliess Natura Medica, «weil ich hier eine Lehrtätigkeit nicht mehr verantworten wollte». Der fachliche Unterricht sei manchmal zu kurz gekommen, immer wieder habe er Fragen zur Ausbildung beantworten müssen. Das aber wäre Sache der Schulleitung gewesen.

Ein Diplom von Natura Medica, so Raimann weiter, habe auf dem Arbeitsmarkt «eigentlich gar keinen oder nur symbolischen Wert». Vielen Schülern blieben statt neuer beruflicher Perspektiven nur Frust, finanzielle Einbussen und verlorene Zeit. Sie seien Opfer der Bildungsfreiheit, die hierzulande die Türen für Ausbildungen unterschiedlichster Niveaus öffnet.

Karin Leuthold, Präsidentin des Zentralverbands der Masseure und naturmedizinischen Therapeuten, beklagt dies und die mangelnden Kontrollmöglichkeiten seit Jahren. «Die Berufsbezeichnung Wellnesstherapeut gibt es gar nicht», klärt sie auf. Kantonal und auf Bundesebene sind die Berufsbilder im naturmedizinischen Bereich nicht geregelt. «Was da zum Teil angeboten wird, ist übel», erklärt sie und weist darauf hin, dass es keine Handhabe gegen Schulen wie Natura Medica gebe. Hier macht erst der Schaden klug.

Quelle: Nik Hunger