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Familienfreundlicher Betrieb«Es tut der ganzen Familie gut»

Er hat freiwillig Ernst gemacht mit der Familienfreundlichkeit: In Claude Werders Betrieb gibt es 20 Wochen Mutterschafts- und zwei Wochen Vaterschaftsurlaub.

Firmenpatron mit familienfreundlichem Arbeitsmodell: Claude Werder.
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Claude Werder redet sich in Fahrt. «Wenn in der Schweiz gespart wird, dann immer zuerst bei den Schulen und den Familien, das geht doch nicht», empört er sich, selber Vater von vier Kindern. Seine Wangen sind gerötet, er zupft an seinem weissen Bart. Der 56-jährige Patron der Samuel Werder AG, eines Feinwerktechnikbetriebs, steht in der gros­sen Produktionshalle inmitten seiner Maschinen. Es riecht nach Kühlemulsion, einem Wasser-Öl-Gemisch, das zur Metall­verarbeitung gebraucht wird. «Die Schulabschlussfeiern meiner Töchter waren ein Witz – da gab es aus Spargründen nicht mal einen richtigen Apéro.» So dürfe man die Kinder nicht behandeln, sie hätten eine echte Würdigung verdient. Insbesondere darum, weil Bildung das höchste Gut der Schweiz sei.

Werder führt seine Firma in zweiter Generation, sein Vater Samuel hatte sie 1957 gegründet. Er kennt alle 65 Angestellten beim Namen, man ist per du. «Wir sind ein Familienbetrieb und führen auch familiär», sagt er. Und das ist wörtlich zu verstehen.

Gutes Klima – weniger Kündigungen

Letztes Jahr wurde Werders AG mit dem Prädikat «Familie und Beruf» der Fachstelle UND ausgezeichnet – einem Qualitätslabel für Firmen mit fami­lienfreundlichen Anstellungs- und Arbeitsbedingungen. Wer das Prädikat will, muss den Betrieb auf Vereinbarkeit und Gleichstellung prüfen lassen und je nachdem Anpassungen vornehmen. Der Prozess dauert bis zu anderthalb Jahre. «Wir sind stolz, dass wir das Prädikat bekommen haben», sagt Werder. Als Technikbetrieb mit einer vorwiegend männlichen Belegschaft seien sie da eher eine Ausnahme. Werder engagiert sich nicht nur aus moralischen Gründen für familienfreund­liche Arbeitsmodelle, er will konkurrenzfähig sein und gute Fachleute an die Firma binden. «Ich sorge dafür, dass die Bedingungen für die Arbeitnehmer stimmen, und definiere sie ­individuell, weil jede Familie andere Bedürfnisse hat.» Das lohnt sich, da ist er sich sicher. So blieb ein Poly­mechaniker trotz einem höheren Lohnangebot der Konkurrenz «wegen des guten Klimas» lieber bei ihm. Um auch für Frauen attraktiver zu werden, führte Werder den 20-wöchigen Mutterschaftsurlaub ein – sechs Wochen länger, als das Gesetz vorschreibt.

«Viele KMU sagen, Vaterschaftsurlaub sei zu teuer. Das halte ich für eine Ausrede.»

Claude Werder, Chef der Samuel Werder AG

Am meisten zu reden aber gab in den regionalen Medien der zwei­wöchige Vaterschaftsurlaub, der jedem seiner Angestellten zusteht. Zudem dürfen alle im ersten Lebensjahr des Kindes zusätzlich zwei Wochen unbezahlten Urlaub nehmen. «Ich hatte als Vater selber nur je einen Tag frei für meine Babys – das ist viel zu wenig», sagt Werder. Er gönne allen Angestellten die Zeit mit ihren «Würmchen», dadurch werde die Beziehung zum Kind enger, und man sehe als Mann auch, was es heisse, den ganzen Tag für ein Kleinkind zu sorgen. «Viele KMU sagen, Vaterschaftsurlaub sei zu teuer. Das halte ich für eine Ausrede», sagt der gelernte Werkzeugmacher und fügt an, dass bei ihm im Schnitt ein bis zwei Männer pro Jahr davon profitieren. «Das ist ein Monatslohn pro Jahr, das ist doch kein Pro­blem», meint er dezidiert.

«Ich weiss, wie das ist»

Besonders schätzten seine An­gestellten, dass sie ihre Schicht­pläne frühzeitig bekämen und bei deren Gestaltung mitreden könnten. Er gehe wenn immer möglich auf Wünsche ein. So fange ein Familienvater um fünf Uhr an, damit er am Nachmittag daheim sein könne, wenn die Kinder von der Schule kämen, da seine Frau dann als Putzfrau arbeite.

«Ich weiss, wie das ist, wenn man wegen der Kinder zu einer bestimmten Zeit daheim sein muss», sagt Werder. Seine Frau nahm nach den Geburten ihre Arbeit als Krankenschwester früh wieder auf, und er musste dann freitags um 16.30 Uhr zu Hause sein. «Es ist doch für die ganze Familie gut, wenn die Eltern noch etwas anderes als den Haushalt haben, dann sind alle glücklicher.» Sagts und werkelt an ­einer Maschine. Claude Werder ist ­lieber in der Produktionshalle als im Büro. Und noch lieber daheim bei ­seiner Familie.

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Veröffentlicht am 29. September 2015

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3 Kommentare

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Demiri
Ich kann nur Positiv über Samuel Werder Firma Berichten! Es gibt selten so Familien freundliche Firma wie diese! Mein Vater ging sehr gerne zur Arbeit! Ich wünsche der Firma und alle Arbeiter alles Gute!
Verena
Schade gibt es nicht mehr mit dieser Gesinnung. Da geht man doch bei ihm wirklich jeden Tag mit Freude zur Arbeit.
Samuel
In der heutigen Zeit, wo überall gespart und outgesourct - finde ich die Einstellung dieses Patrons super! Hut ab!