LohngerechtigkeitWie viel Lohn für welche Leistung?

«Ich befürchte, es lebt die erste Generation, der es nicht besser gehen wird als ihren Eltern»: Theo Wehner Bild: Christian Schnur

Arbeitspsychologe Theo Wehner über Ungerechtigkeit und Frust im Job - und warum es zu Initiativen wie 1:12 kommt.

von Tanja Polli

Theo Wehner spricht, bevor man ihm eine Frage stellt. «Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass in der Schweiz immer mehr Leute mit der Arbeits­welt unzufrieden sind», sagt er. «Schauen Sie sich das an: Abzockerinitiative, Mindestlohn, 1:12, bedingungsloses Grundeinkommen. Das ist vehemente Kritik an der Arbeitsgesellschaft. Egal, wie man zu diesen Vorstössen steht: Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen, das nach Korrektur schreit.»

Beobachter: Was hat zu diesem «Aufschrei» geführt?
Theo Wehner: Das Gefühl zunehmender Ungerechtigkeit. Und der Sinnverlust. Wir sind darauf angewiesen, in unserem Tun persönlichen Sinn zu schaffen. Gelingt das nicht, bedroht uns das existentiell. Laut einer Umfrage würde über die Hälfte der Schweizer für eine sinnvollere Tätigkeit Lohneinbussen in Kauf nehmen. Das kommt daher, dass immer mehr sich am Arbeitsplatz in einem engen Korsett bewegen, ohne Bezug zu einem sinnvollen Grös­seren. Das sieht man im Alltag sehr schön.

Beobachter: Wo denn?
Wehner: Schauen Sie sich den täglichen Einkauf an. Ich kaufe am liebsten auf dem Markt ein oder in kleinen Geschäften. Da ist Zeit für einen Schwatz, ich werde beraten, bedient, und zum Schluss tauschen wir Geld gegen Ware. Ein abgeschlossener Prozess, der für beide Seiten Sinn schafft. Aber was passiert an der Kasse eines Grossverteilers? Die Verkäuferin ist angehalten, meine Produkte so schnell wie möglich durch den Scanner zu ziehen und mir dabei mit aufgezwun­genem Lächeln die Standardfragen nach meinen Kärtchen zu stellen und jedem Kunden den gleichen schönen Tag zu wünschen. Das ist Sinnfinsternis.

Beobachter: Mag sein, aber was hat das mit all den Initiativen zu den Löhnen zu tun?
Wehner: Die Forscher sind sich einig: Genauso wichtig wie das Gefühl, etwas Wertvolles zu leisten, sind Anerkennung und ver­trauensvolle Bindungen. Zur Firma, zu den Kollegen, den Vorgesetzten. Hier schliesst sich der Kreis: Verdient der Chef in der Minute so viel wie ich in zwei Tagen, be­einträchtigt das unser Vertrauen in die Gerechtigkeitsprinzipien der Gesellschaft.

Beobachter: Trotzdem wird es die 1:12-Initiative an der Urne schwer haben. Weshalb?
Wehner: Da zeigt sich ein tragischer Teufelskreis: Je mehr Angst und Druck die Leute ver­spüren, desto weniger trauen sie sich, Gerechtigkeit einzufordern – in Krisenzeiten steigt die Arbeitszufriedenheit! Von Existenzängsten getrieben, handeln wir selbst­zerstörerisch. Wir setzen uns noch mehr unter Druck und entwickeln Furcht vor der Freiheit.

Beobachter: Warum kann ich nicht mit meinen 5000 Franken zufrieden sein, egal, was der Chef verdient? Regiert da nicht einfach der Neid?
Wehner: Emotionen sind durchaus im Spiel, aber eher Empörung als Sozialneid. Viele Leute sagen, sie würden weder den Job des CEO noch sein Geld haben wollen. Trotzdem empfinden sie Lohnexzesse als ungerecht. Der Lohn ist eben immer auch ein Teil der Anerkennung und Bewertung für eine persönlich erbrachte Leistung. Aber kein Mensch kann 200-mal mehr leisten als ein anderer.

Beobachter: Umso spannender, dass wir bald über ein bedingungsloses Grundeinkommen abstimmen werden, das Lohn und Leistung entkoppelt.
Wehner: Eine wirklich revolutionäre Idee! Obwohl ich nicht zu jenen gehöre, die im bedingungslosen Grundeinkommen die Lösung all unserer Probleme sehen. Es wird im Gegenteil auch neue schaffen. Aber es ist ein phantastisches Denkangebot für jede Bürgerin und jeden Bürger und eine Herausforderung für die Arbeitswissenschaft, die wir dringend nutzen sollten.

Beobachter: Worüber sollten wir dringend nachdenken?
Wehner: Interessant ist doch erst einmal die Frage, warum die meisten Leute die Idee des Grundeinkommens vehement ablehnen, noch bevor der Gedanke in der linken Hirnhälfte angekommen ist.

Beobachter: Als Arbeitspsychologe werden Sie dafür eine Erklärung haben.
Wehner: Diese Initiative rüttelt an den Grundfesten unserer Sozialisation. Unsere Erziehung, unsere Ausbildung, ja unser Leben sind geprägt von der Erwerbsarbeitslogik. Wenn wir plötzlich nicht mehr malochen gehen müssten, wären viele von uns heillos überfordert. Die Bedingungslosigkeit ist die radikalste Herausforderung für das Indivi­duum überhaupt; sie lässt keine Ausreden mehr zu. Wir sind nicht darauf vorbereitet, das zu tun, was uns wirklich fasziniert.

Beobachter: Die Gegner sagen, die meisten Menschen würden nur noch auf der faulen Haut liegen.
Wehner: Das ist der zweite wunderbare Effekt dieser Initiative: Sie bringt die kursierenden Menschenbilder und Vorurteile an die Ober­fläche. 80 Prozent der Gegner glauben, mit dem bedingungslosen Grundeinkommen würde niemand mehr arbeiten. Sie selbst natürlich schon. Fragt sich nur: Wer sind denn die 80 Prozent? Solche Aussagen höre ich übrigens von Senioren genauso wie von Jugendlichen.

Beobachter: Was befürchten die Senioren?
Wehner: Ich habe das Thema einmal in ein Seminar in der Seniorenuniversität eingebracht. Da waren alles Leute, die das eigentlich ge­lassen hätten angehen können. Menschen, die von Umwälzungen in der Arbeitswelt nicht mehr direkt betroffen wären. Denkste. Die sagten: Ich habe 40 Jahre gebuckelt, und jetzt kommen Leute mit so einer Scheissidee.

Beobachter: Und die Jugendlichen?
Wehner: Das war in einer Hauptschule in Deutschland. Also Jugendliche mit miserablen Berufsaussichten. Trotzdem sagten sie: Ich möchte kein Geld, ohne dafür eine Leistung erbracht zu haben.

Theo Wehner, 64, ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre und studierte auf dem zweiten Bildungsweg Psychologie.

Beobachter: Jugend ist ein gutes Stichwort. Viele Eltern stecken heute in einem Dilemma, wenn sie ihre Kinder in der Berufswahl coachen sollen: Berufung oder Karriere?
Wehner: Das ist eine grosse Frage. Die Berufswahlfreiheit war noch nie so gross wie heute. Das ist toll, aber auch eine unsägliche Verpflichtung. Es zwingt Jugendliche, etwas zu finden, das ihnen Spass machen muss. Das zu einem Zeitpunkt, wo sie selbst keine ­Erfahrung mit der Arbeitswelt haben und mitunter bei den Eltern sehen, dass deren Tätigkeiten nicht gerade spassverursachend sind. Ich habe viele Studentinnen und Studenten getroffen, die das eher blockiert als beflügelt hat.

Beobachter: Immer mehr Eltern sind selber so unter Druck, dass sie sich wünschen, ihre Kinder fänden einen anderen Weg.
Wehner: Eltern möchten, dass es ihren Kindern besser geht als ihnen selbst. Ich befürchte jedoch, dass gegenwärtig die erste Genera­tion lebt, die das Versprechen nicht ein­lösen kann. Es wird den heutigen Kindern in vielen Punkten eher schlechter gehen als ihren Eltern. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der angeblich jeder selbst seines Glückes Schmied ist. Das führt gesamtgesellschaftlich zur Entsolidarisierung und bei immer mehr Menschen zu dem, was wir «ein erschöpftes Selbst» nennen. Das sind keine rosigen Aussichten für den Lebensentwurf.

Beobachter: Wenn mir der Arbeitsplatz keine Befriedigung mehr verspricht, kann ich mich ja in der Freizeit um Ausgleich bemühen.
Wehner: Je mehr meine Work-Life-Balance aus dem Lot ist, desto mehr ist die Freizeit nur noch da, mich wieder arbeitsfähig zu machen. Freizeit wird zur verlängerten Werkbank, Smartphones und Laptops helfen dabei.

Beobachter: Es bleibt die Familie.
Wehner: Die war lange Zeit eine wirkliche Res­source. In allen Gesellschaften. Genau wie Freundschaften, die Verwandtschaft, die Nachbarschaft. Auch hier ist vieles zur Illusion geworden: Die Scheidungsrate liegt bei fast 50 Prozent, die Verwandtschaft ist in alle Winde zerstreut, und die Nachbarn bleiben oft Fremde. Das ist der Preis der individuellen Freiheit.

Beobachter: Was raten Sie?
Wehner: «Vita activa»: Wenn man merkt, dass das eigene Leben aus der Balance gerät, muss man sich bewegen. Das Glück findet einen nicht einfach. Wenn man einen Job macht, in dem man keinen Sinn mehr sieht, muss man versuchen, ihn zu verändern. Mit oder ohne gewerkschaftliche oder kollegiale Hilfe. Gelingt das nicht, muss man gehen.

Beobachter: Sagen Sie das mal der Frau an der Migros-Kasse. Die muss doch einfach ihren Lebensunterhalt verdienen.
Wehner: Veränderungen sind Zumutungen. Sehr oft aber lassen wir uns von der Angst lähmen oder schieben vermeintliche Zwangslagen vor. Es lohnt sich, sich zu fragen: Muss ich wirklich so leben, wie ich lebe? Wo wäre der Gewinn, wenn ich auf etwas verzichte? Auf Geld oder Karriere? Wie könnte der Gewinn des Verzichts investiert werden?

Beobachter: Das sagt sich einfach, wenn man als Professor an der ETH arbeitet.
Wehner: Das stimmt, meine Arbeit ist ein Privileg. Aber ich kann guten Gewissens sagen, dass ich mir diesen Job nicht auf Kosten anderer erkämpft habe. Es hat sich so ergeben. Ich habe 1997 diese Professur auf eigenen Wunsch in einem Jobsharing angetreten. Das war Lohnverzicht. Heute arbeite ich zwar 100 Prozent, aber ich bin mir sicher, dass ich noch zufriedener wäre, wenn es mir gelungen wäre, das Modell mit meiner Kollegin aufrechtzuerhalten.

Beobachter: Viele Menschen wünschen sich, weniger zu arbeiten. Woran scheitern sie?
Wehner: An Karriere-, Wohlstands- und Konsumversprechen. Und daran, dass die Vorstellung einer Work-Musse-Balance fehlt. Wir sind geprägt von der Idee, wir müssten ständig weiterkommen, uns laufend verbessern, effizienter werden, um nicht unterzugehen. Davon müssen wir uns verabschieden. Die grosse Herausforderung der Zukunft wird sein, Gesellschaften zu stabilisieren, ohne dass sie wachsen. Wir müssen uns eingestehen, dass Wachstum längst nicht mehr das Glück vermehrt, sondern nur noch ein Versuch ist, das System aufrechtzuerhalten.

Beobachter: Das sehen nicht alle so.
Wehner: Ich weiss. Es scheint Sozialwissenschaftlern nicht zu gelingen, dieses Wissen zu transportieren. Es ist Tatsache, dass nicht die reichsten Gesellschaften die glücklichsten sind, sondern jene, in denen der Reichtum gerecht verteilt ist. Das ist kein volkswirtschaftliches Modell, kein Befund eines Simulationsspiels, das ist wissenschaftlich erhärtet. Unsere vermeintliche Wissens­gesellschaft ignoriert das erfolgreich.

Beobachter: Sie sind Wissenschaftler geworden, hätten aber das Lebensmittelgeschäft Ihrer Eltern übernehmen sollen. Warum taten Sie das nicht?
Wehner: Ich sage gern: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Ich habe zuerst Kaufmann gelernt. Mit 16 war ich mit der Lehre fertig, hängte ein Volontariat auf der Bank an. Befriedigt hat mich beides nicht. Nachdem ich in der Bundeswehr der 68er Jahre politisiert worden bin und zum Kriegsdienstverweigerer wurde, orientierte ich mich komplett um. Ich studierte auf dem zweiten Bildungsweg Psychologie und habe es nie bereut.

Beobachter: Ein weiteres Argument dafür, sich auf die Suche nach dem persönlichen Sinn zu machen?
Wehner: Auf jeden Fall. Das heisst nicht, dass ich als Kaufmann zutiefst unglücklich geworden wäre. Aber wenn es etwas gibt, das einen deutlich mehr interessiert als das Verfügbare, sollte man sich damit auseinandersetzen. Die Tatsache, dass heute mehr als zwei Drittel aller Arbeitnehmenden unter Stress leiden und immer mehr an Depressionen erkranken, sollte Grund genug sein, Fragen zu stellen. Als Individuum, unter Freunden, aber auch als Gesellschaft.

Veröffentlicht am 2013 M11 12