«Es war wie in einem tiefen, schwarzen Loch.» Uscha Wening erinnert sich ungern an die Zeit ihrer Arbeitslosigkeit. «Es gab Wochen, da verbrachte ich die Tage im abgedunkelten Zimmer. Ich war unfähig, mich zu bewegen, geschweige denn etwas zu tun.» Volle zwei Jahre war die 55-jährige kaufmännische Angestellte ohne bezahlte Arbeit. Sie hatte sich in dieser Zeit um mehr als 400 Stellen beworben. Mageres Resultat: Nur zweimal durfte sie sich persönlich vorstellen.

Sie sei für die Stelle überqualifiziert, bekam sie immer wieder zu hören. «Doch das war meistens vorgeschoben», ist sich Uscha Wening sicher. «Den Personalverantwortlichen genügte ein Blick auf meinen Jahrgang, um die Bewerbung auszuscheiden – Qualifikationen hin oder her.» Ähnliche Erfahrungen machte Hanspeter Brechbühler, 54, der vor gut einem Jahr seine Stelle als Verkaufsleiter verlor. Zwar sei ihm nie gesagt worden, dass er aus Altersgründen nicht in Betracht käme. «Aber man konnte es herausspüren.» So sei er einmal mit nur einem Mitbewerber in der Endrunde gewesen. «Der andere bekam den Job. Er war zehn Jahre jünger als ich.»

Derart wählerische Personalchefs sehen künftig härteren Zeiten entgegen. Seit zwei Jahren nimmt nämlich die Zahl der Stellensuchenden stetig ab. Waren 1998 im Schnitt noch 217'000 Menschen auf Jobsuche, so waren es 1999 nur noch 171'000. Und dieser Trend wird sich laut der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich auch dieses Jahr fortsetzen. «Wir rechnen damit, dass die Zahl der Stellensuchenden auf etwa 140'000 absinken wird», sagt der Konjunkturexperte Willy Roth.

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Die Wirtschaft wächst wieder
Die Zeichen stehen auf Aufschwung. Nach acht Jahren Krise mit bis zu 250'000 Stellensuchenden geht es mit der Schweizer Wirtschaft wieder bergauf. Dieses Jahr werde sich die Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent auf etwa zwei Prozent verringern, prognostizieren die ETH-Konjunkturexperten. Gleichzeitig rechnen sie mit einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent. Und: Dieser Aufwärtstrend werde sich in den nächsten Jahren fortsetzen. ¬ Es fehlen Experten Das freut auch die Arbeiterin und den Angestellten, denn nach den Krisenjahren mit Firmenschliessungen und Massenentlassungen ist die «Ware» Arbeitskraft heute wieder gefragt. Das bestätigen auch professionelle Jobvermittler. «Der Arbeitsmarkt ist bezüglich qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits am Austrocknen», sagt beispielsweise Thomas Niedermann, Leiter Region Zürich beim Stellenvermittler Manpower. «Einem Elektromonteur könnte ich viele Jobs per sofort anbieten. Auch das Know-how in den Bereichen Marketing, Finanzen und Aussendienst ist wieder sehr gefragt.» Auch viele Grossfirmen suchen nach Jahren des Personalabbaus wieder nach qualifizierten Arbeitskräften. «Wir haben bereits seit letztem Jahr Mühe, geeignete Elektro- und Maschineningenieure sowie Projektmanager zu finden», sagt ABB-Schweiz-Pressesprecher Kurt Lötscher. Und bei Novartis sind «neben Informatikern vor allem Naturwissenschaftler, Betriebswirtschafter und Marketingexperten gefragt», erklärt Walter Ritter, Leiter Human Resources.

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Die Gunst der Stunde hat auch Uscha Wening und Hanspeter Brechbühler geholfen. Beide haben inzwischen eine befriedigende Arbeit gefunden.

Qualifizierte haben gute Chancen «Gute Fachleute finden relativ rasch wieder eine Stelle», sagt Michael Gerber, Leiter Kommunikation der Regionalen Arbeitsvermittlung des Kantons Bern. Dies trifft seit etwa einem Vierteljahr auch für ältere Semester zu. Mit dem sich abzeichnenden Arbeitskräftemangel hat sich nämlich laut Gerber auch das Vorurteil verflüchtigt, dass nur Junge die gewünschte Leistung erbringen.

Auch in Basel sind Frauen und Männer über 50 wieder vermittelbar. «Qualifizierte Leute sind gesucht», sagt Mathis Spreiter, Leiter Zentrale Dienste im Kiga Basel. «Die Arbeitgeber sind punkto Alter nicht mehr wählerisch.»

Wieder mehr Jobs Einzig in St. Gallen mag man noch nicht so recht an die positive Entwicklung glauben. «Für mich ist dieser Trend noch zu wenig ausgeprägt», sagt Johannes Rutz, Vorsteher des kantonalen Arbeitsamts. «Meiner Erfahrung nach haben es über 50-Jährige nach wie vor schwer, einen Job zu finden.» Sicher ist aber: Auch die Zahl der 50- bis 59-jährigen Arbeitslosen ist zurückgegangen. Waren nämlich im Dezember 1998 noch 18'676 Personen dieser Altersgruppe als arbeitslos registriert, waren es im Dezember 1999 lediglich noch 14'231 Personen.

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Ruedi Winkler, Direktor des Arbeitsamts Zürich, macht nicht nur den Arbeitskräftemangel für diese Trendwende verantwortlich. «Früher sah man ältere Mitarbeiter oft als Bremser an, die man deshalb loswerden wollte. Besonnenheit und Lebenserfahrung haben lange nichts mehr gegolten.» Das habe sich inzwischen geändert, sagt Winkler. «Zwar muss es immer noch rasant vorwärts gehen. Doch viele Firmen haben realisiert, dass die schnellen Entscheide nicht immer die besten sind.»

Das Wissen der Älteren fehlt Auch beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) gibt man sich zuversichtlich. «Der Aufschwung ist kaum zu bremsen», sagt SGB-Sekretär Serge Gaillard. «Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird sich auch für die über 50-Jährigen verbessern, vor allem wenn sie gut ausgebildet sind.» Firmen, die die älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Lauf der Krise hinausgedrängt hätten, würden bald eine negative Bilanz ziehen, glaubt Gaillard. «Die Erfahrung und das Know-how der Älteren fehlt ihnen heute. Die "Aufräummanager" der neunziger Jahre werden deshalb innovativ denkenden Unternehmern Platz machen müssen, die ihre Untergebenen zu schätzen wissen.»

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Wieder ein gefragter Mann ist der 57-jährige Hans Oberli, Kabelspleisser aus dem Emmental. «Ja, wenn Sie 30 Jahre jünger wären…», hatte er mehr als einmal bei Vorstellungsgesprächen hören müssen.

Heute, nachdem er endlich wieder einen neuen Job gefunden hat, würde ihn sogar sein früherer Arbeitgeber wieder einstellen. Sein ehemaliger Chef hatte nämlich erst nach der Entlassung gemerkt, dass niemand das Leitungsnetz der Stadt Bern so gut kennt wie Hans Oberli.

Konsumfreudige Ältere im Visier
«50 plus» hat Zukunft. Sogar die Werbewirtschaft entdeckt gegenwärtig die über 50-Jährigen als konsumfreudige und finanzstarke Altersgruppe. Untersuchungen belegen nämlich, dass die einst willkürlich gezogene Altersschwelle von Mitte 50 überholt ist.

«Mit der jetzt in die Jahre gekommenen 68er Generation lässt sich das Stereotyp der "rigiden Älteren", die Neues nicht mehr an sich heranlassen, pauschal nicht mehr aufrechterhalten», sagt Kommunikationsforscher Michael Schenk. Sein Fazit: «Die ältere Generation wird immer jünger.» Untersuchungen hätten gezeigt, «dass der negative Zusammenhang zwischen Lebensalter und geistiger Leistungsfähigkeit überschätzt wird», glaubt auch Hans W. Brachinger, Statistikprofessor an der Universität Freiburg. «Mit zunehmendem Alter verschieben sich die Fähigkeiten in Richtung höherer Arbeits- und Berufserfahrung, Urteilsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und Ausgeglichenheit.» In seinen Studien kommt Brachinger zum Schluss, «dass sich die Personalpolitik langfristig auf eine alternde Belegschaft ausrichten muss». Der Grund: Es wird immer weniger Erwerbstätige geben, da die Gesamtbevölkerung in den nächsten 30 Jahren stetig abnehmen wird.

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Schöne Aussichten also: Nach dem Jugendlichkeitswahn der vergangenen Jahre scheint Älterwerden nicht mehr länger negativ zu Buche zu schlagen. Voraussetzung für intakte Chancen auf dem Arbeitsmarkt ist jedoch eine lebenslange Weiterbildung. Denn Zustände wie in der Hochkonjunktur, als auch Ungelernte problemlos Arbeit fanden, werden sich nicht mehr einstellen. «Wir werden auch in Zukunft temporäre Arbeitslose haben», sagt ETH-Konjunkturforscher Willy Roth.

Sichere Jobs gibts nicht mehr
Auch den Job auf Nummer Sicher wird es gemäss Edi Class, Generalsekretär des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes (SKV), nicht mehr geben. «Arbeitnehmer, die sich aber ein Leben lang gezielt und umfassend weiterbilden, werden immer gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben – unabhängig von der jeweiligen Konjunkturlage.» Aus diesem Grund fordert der SKV von den Unternehmen, dass sie die Arbeitsmarktfähigkeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gezielt mit Weiterbildungen fördern. Edi Class: «Unsere Fachhochschule hat den Auftrag, die verschiedenen Berufsbilder auf ihre künftige Entwicklung hin zu analysieren. Wir werden den Arbeitgebern dann klar mitteilen können, welche Weiterbildung angesagt ist.» ¬ Für die Gewerkschaften steht nun die Berufsbildungsreform im Vordergrund. SGB-Sekretär Serge Gaillard: «Wir dürfen bei der Ausbildung nicht knausern.» Stetige Weiterbildung müsse zu einem Schlüsselbegriff werden. «Vielleicht muss man für die Weiterbildung gar ein neues Wort erfinden, um deren Wichtigkeit zu signalisieren», sagt der Freiburger CSP-Nationalrat Hugo Fasel, der die Gewerkschaften CNG und Syna präsidiert. «Die Arbeitszeit verkürzen und einen Teil dieser Zeit in Fortbildung investieren» – so umreisst Fasel sein Modell, das er demnächst wieder aus den Gewerkschaftsschubladen ziehen will. Die Lancierung einer entsprechenden Initiative ist in Diskussion.

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Politiker machen Druck
Auch auf politischer Ebene bewegt sich etwas. Bis vor kurzem war Fasel Präsident einer Nationalratskommission, die Lösungen für die Probleme von älteren Arbeitslosen erarbeitete. Ausgesteuerte sollen nicht mehr von den arbeitsmarktlichen Massnahmen ausgeschlossen werden, so die Forderung der Kommission.

Konkret würde das bedeuten: Auch nach Ablauf der Bezugsdauer der Arbeitslosenunterstützung gibt es Einarbeitungszuschüsse, Lohnausgleich bei Zwischenverdienst sowie Weiterbildungsangebote – und natürlich soll auch die Stellenvermittlung aufrechterhalten bleiben.

Was aus diesen Ideen wird, ist noch unklar; die parlamentarischen Mühlen haben erst langsam zu mahlen begonnen.

Kabelspleisser Hans Oberli hat es auch ohne diese Unterstützung geschafft. Bei einem Aushilfsjob tauchte plötzlich der Chef auf der Baustelle auf, sah die gute Arbeit und engagierte Oberli vom Fleck weg. «Genau Sie muss ich haben!» – diese Worte des neuen Chefs vergisst Hans Oberli nach rund einem halben Jahr Arbeitslosigkeit so schnell nicht wieder.

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