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Frauenquote«Der Leidensdruck ist noch nicht gross genug»

Es brauche vertiefte Diskussionen über geschlechtsspezifische Rollenerwartungen, sagt die Expertin. «Noch immer ist es 'normal', dass die Frau zum Kind und der Mann ins Büro gehört.»

«Quoten können helfen, Frauen rascher als Vorbilder in der Chefetage zu etablieren», sagt Gudrun Sander, Professorin für Betriebswirtschaft im Interview. Nur mit Quoten sei es aber nicht getan.

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Zur Person

Gudrun Sander ist Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Die Mutter dreier Kinder forscht zu Diversity und Chancengleichheit und berät Unternehmen. Sie leitet den Diplomlehrgang «Women Back to Business» für Wieder­einsteigerinnen.

Beobachter: Sie beschäftigen sich seit langem mit dem Thema Frauen in der Wirtschaft. Wollen Unternehmen nicht mehr Chefinnen einstellen – oder können sie nicht?
Gudrun Sander: Es gibt meiner Ansicht nach beides. Bei vielen Unternehmen ist der Leidensdruck noch nicht gross genug. Sie finden nach wie vor genügend gut qualifizierte Männer – wenn nicht im In-, dann im Ausland. Sie ­sehen keinen Grund, als Arbeitgeber für Frauen attraktiver zu werden. Denn solche Massnahmen sind mit Aufwand und Kosten verbunden.

Beobachter: Und jene, die sagen, sie würden gern, aber könnten nicht?
Sander: Viele Firmen tun etwas – flexible ­Arbeitszeitmodelle, Lohngleichheit, Mentoringprogramme, Führungsweiterbildungen – und finden trotzdem nicht genügend Frauen. Das liegt mit daran, dass es in der Schweiz viele Berufe gibt, die als typisch weiblich oder männlich gelten. Etwa für technologieorientierte Industrieunternehmen ist es wirklich schwierig, weibliche Führungspersonen zu finden, die eine Ahnung vom Kerngeschäft haben. Klar ist: Wenn man mehr Frauen im Kader will, dann gehört das in die Strategie und folglich in die Zielvereinbarungen mit jenen Kaderangestellten, die rekrutieren und befördern. Wenn diese ihre Ziele nicht erreichen, muss das Konsequenzen haben. Konkrete Ziele für einen höheren Frauenanteil setzen sich wenige Unternehmen, die Formulierungen sind häufig allgemein gehalten.

Beobachter: Fällt das öffentlichen Verwaltungen leichter?
Sander: Dort ist der Entscheid ein politischer und oft konkret formuliert. Öffentliche Verwaltungen wollen häufig auch als Vorbild vorangehen.

«Das Interesse an Kaderstellen steigt, wenn Firmen auf die Wünsche der Frauen eingehen.»

Gudrun Sander

Beobachter: Immer wieder heisst es, Frauen wollten gar keine Chefposten.
Sander: Frauen überlegen sich genau, ob sie ­eine Führungsfunktion übernehmen wollen, vor allem, wenn sie Familie haben. Ausserdem ist es für sie gesellschaftlich akzeptierter als für Männer zu sagen: Ich höre auf zu arbeiten, meine Familie braucht mich. Aber es zeigt sich auch, dass das Interesse an Kaderstellen steigt, wenn Unternehmen auf die Wünsche von Frauen eingehen. Das heisst: Flexibilität in der Arbeitsgestaltung, keine Sitzungen vor 9 Uhr und keine nach 16 Uhr. Das heisst auch, junge Frauen mit Poten­zial coachen, ihnen wichtige Projekte übertragen. Ebenso Teilzeitstellen schaffen und Möglichkeiten, daheim arbeiten zu können.

Beobachter: In der Schweiz arbeiten die Frauen meist in Teilzeit. Ist das karriereförderlich?
Sander: Unsere Untersuchungen zeigen, dass Teilzeiter – Frauen wie Männer – tendenziell schlechtere Leistungs- und Potenzialbeurteilungen erhalten als Vollzeiter. Vielerorts zählt nach wie vor die Präsenz mehr als die effektive Leistung. Dass so viele Mütter weniger als 50 Prozent arbeiten, liegt aber auch an staatlichen Fehlanreizen. Arbeiten sie mehr, stehen sie Ende Monat finanziell schlechter da, weil die staatlichen Subventionen für die Krippe bei höheren Arbeitspensen und damit höherem Einkommen wegfallen.

Beobachter: Wird die nächste Generation mehr Chefinnen hervorbringen?
Sander: Nicht automatisch. Es braucht vertiefte Diskussionen über geschlechtsspezifische Rollenerwartungen. Wenn ich mit meinen Studierenden spreche, merke ich, wie tief verwurzelt das Bild ist: Die Mutter gehört zum Kind, besonders wenn es klein ist. Der Mann macht Karriere und sorgt für das Einkommen. Junge Frauen sind häufig ­gegen eine Quote, weil sie meinen, das alles Entscheidende in ihrer Karriere sei die eigene Leistung. Während der Ausbildung können sie da mit den männlichen Kollegen ja gut mithalten. Sie merken erst viel später, dass Netzwerke und der eigene Bekanntheitsgrad eine weit grössere Rolle spielen als die Leistung im engeren Sinn.

Beobachter: Wie stehen Sie zur Geschlechterquote?
Sander: Für Verwaltungsräte wäre sie umsetzbar, denke ich, in den Geschäftsleitungen wird es schwierig. Einerseits fände ich es ein Armutszeugnis, wenn es nur mit staatlichem Eingriff ginge. Anderseits glaube ich, dass mit einer Quote sehr schnell der «Seeing is believing»-Effekt eintreten würde. Sobald junge Frauen und Männer sehen, dass weibliche Führungskräfte keine Ausnahme sind, verändert sich ihre Einstellung.

Veröffentlicht am 26. Mai 2015