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MutterschaftDie Chefs sehen Mütter noch immer als Störfaktor

Bild: Thinkstock Kollektion

Die Mutterschaftsversicherung sollte die Position der Mütter in der Arbeitswelt stärken. Doch Kündigungen häufen sich – zum Beispiel wegen «hormoneller Umstellung».

von Rita Torcasso

«Für die Frauen, für die Wirtschaft, für uns alle»: So warb im Abstimmungskampf ein Slogan für die Mutterschaftsversicherung, die schliesslich im Juli 2005 in Kraft trat. Weil die Betriebe bei Mutterschaftsurlauben finanziell besser abgesichert sind, werden Angestellte, die ein Kind erwarten, weniger benachteiligt – so der Plan. Eine Win-win-Situation?

Knapp sieben Jahre später ist von dieser Illusion nicht viel übrig geblieben. Ein Anzeichen dafür ist das Ausmass, in dem über Benachteiligungen rund um die Mutterschaft gestritten wird. Es zeigt sich: Die diesbezüglichen Klagen bei Schlichtungsstellen und Gerichten nehmen deutlich zu.

Seit Einführung des Gleichstellungs­gesetzes vor 15 Jahren wurden auf der Internetplattform www.gleichstellungs­gesetz.ch 70 Klagen mit Bezug zur Mutterschaft bekannt. Allein 24 davon entfielen auf die Jahre 2009 und 2010 – Tendenz steigend, wie auch Anwältin Susy Stauber bestätigt, die im Kanton Zürich die Schlichtungsstelle nach Gleichstellungsgesetz leitet. Ihr Fazit ist so nüchtern wie ernüchtert: «Die Mutterschaftsversicherung hat den erhofften Durchbruch für eine Gleich­behandlung der Mütter nicht gebracht.»

Mütter werden unter Druck gesetzt

Hinzu kommt, dass die Dunkelziffer der Streitfälle beträchtlich sein dürfte. Denn eine Analyse der erfassten Klagen zeigt: Sie stammen grösstenteils von gut qualifizierten Frauen – es liegt auf der Hand, dass vor allem diese sich trauen, sich gegen diskriminierende Kündigungen zu wehren. Beispiele: In Basel erhält eine wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschung die Kündigung – drei Tage nachdem sie den Mutterschaftsurlaub beendet hat. In Zürich wird einer Personalleiterin, die das zweite Kind erwartet, aber wie bisher weiterarbeiten möchte, kurz vor der Geburt ein Aufhebungsvertrag vorgelegt, der sie per sofort freigestellt hätte. Als sie nicht unterschreibt, wird sie nach Ablauf der 16 Wochen Kündigungsschutz entlassen.

Derlei Druckversuche sind nicht selten. So sollte eine Zürcher Verkaufsverantwortliche nach dem Urlaub statt wie bisher 80 Prozent mit einem Vollpensum weiterarbeiten oder aber die Führungsposition mit einer Lohnkürzung von 20 Prozent abgeben. Auch sie verliert, als sie auf dem bisherigen Vertrag beharrt, die Stelle. Am Schluss musste ihr der Betrieb 41'000 Franken Entschädigung zahlen.

Drei von vielen Beispielen, die zeigen, dass Mutterschaft in Firmen ein «Störfaktor» geblieben ist – obwohl die Mutterschaftsversicherung die Kosten für den Ausfall während des Mutterschaftsurlaubs übernimmt. Ruth Derrer, zuständig für Arbeitsrecht beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, ortet ein hausgemachtes Problem: «Viele Arbeitgeber stellen trotz dem Versicherungsgeld keine Stellvertretung ein.» Es ist naheliegend, dass dies nicht ohne Auswirkungen aufs Betriebs­klima bleibt und den Mutterschaftsurlaub zum Reizthema macht.

Weshalb bereitet die Thematik den Betrieben derart Mühe? Ruth Derrer sieht die Ursache bei Vorgesetzten, die ihre private Familiensituation als Leitbild nehmen und den geänderten Lebensformen mit Vor­urteilen begegnen. Wie nicht konforme ­Familienmodelle ausgehebelt werden, erzählt eine Bauführerin im Thurgau. Als sie nach 15 Jahren in der Firma Zwillinge erwartet, ist geplant, dass die Kinder nach ihrem Urlaub vom Vater betreut werden. Trotzdem wird sie entlassen: Mit zwei ­Kindern sei eine Vollzeitarbeit nicht möglich, «auch wegen der hormonellen Umstellung», so das Argument des Geschäftsführers. Ihr Nachfolger im Betrieb war kurz zuvor Vater geworden.

Wie schwer es Frauen mit Kleinkindern dann auf dem Arbeitsmarkt haben, spiegeln die Klagen wegen Anstellungsdiskriminierung wider. Unverblümt begründen Personalleiter, mit der Doppelbelastung sei eine Mutter zu wenig flexibel: «Sobald Frauen Kinder haben, sind sie in der Regel 20 Prozent abwesend» – diese Pauschalannahme war in einem Fall Argument genug, eine Frau ins Abseits zu stellen. Es geht auch noch unverblümter: Der Geschäftsführer eines Modegeschäfts im Kanton Zürich entliess eine Angestellte, die er kurz zuvor befördert hatte. Zuvor sagte er ihr, dass sie sich mit dem Kind die Karriere ruiniere und sie sich besser überlegen solle, ob sie es wirklich behalten wolle.

Der Bundesrat will härter bestrafen

Angesichts solcher Fälle regt sich Widerstand. «Damit Mutterschaft nicht arbeitslos macht, versuchen wir politisch zu erreichen, dass Betriebe nach einer Kündigung wegen Schwangerschaft nicht nur ‹Schmerzensgeld› zahlen, sondern eine Wiederanstellung anbieten müssen», sagt Christine Michel, Gleichstellungsbeauftragte bei der Gewerkschaft Unia. Mütter erhalten nach einer ungerechtfertigten Kündigung meist eine Entschädigung zwischen ein und drei, selten vier Monatslöhnen; möglich wären sechs. Von den 24 Klagen der Jahre 2009/10 endeten 19 mit einem Vergleich oder einem Gerichtsurteil, bei den übrigen fünf liessen sich die Betriebe nicht auf eine Schlichtung ein. «Der Schutz bei missbräuchlicher oder ungerechtfertigter Kündigung müsste länger dauern, und die Sanktionen müssten höher sein, um wirklich abschreckend zu wirken», fordert Sabine Steiger-Sackmann, Winterthurer Anwältin und Hochschul­dozentin für Sozialrecht.

Der Bundesrat legte 2010 den Entwurf für eine Gesetzesänderung vor, die Entschädigungszahlungen von maximal sechs auf zwölf Monatslöhne erhöhen würde. Er begründete das damit, dass es schwierig sei, mit dem heute gültigen Höchstbetrag die strafende Funktion der Entschädigung zu gewährleisten. Ob die Änderung im Parlament durchkommt, ist fraglich.

Gewerbeverband pocht auf Vertragsfreiheit

Eine laufende Untersuchung des Bundesamts für Sozialversicherungen soll im Frühjahr mehr dazu aussagen, wie sich die Position der Mütter in der Arbeitswelt durch die Mutterschaftsversicherung verändert hat, ob insbesondere mehr Frauen mit Kindern im Erwerbsleben bleiben. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, hat dazu eine dezidierte Meinung: «Die Mutterschaftsversicherung ist eine Sozialversicherung und keine ‹Arbeitsplatzgarantie›.» Es gehe auch nicht um Diskriminierung, wenn ­junge Frauen in der Familienplanung oder Mütter mit Kleinkindern nicht angestellt werden, sondern um Vertragsfreiheit. Eine Nichtanstellung schmerzt Firmen wenig, da sie bei einer solchen Diskriminierung maximal drei Monatslöhne Entschädigung zahlen müssten, bei einem Vergleich meist aber nicht einmal mehr die Hälfte davon.

Die Erwerbsquote der Frauen ist zwar in der Schweiz in den letzten Jahren gestiegen, aber nur dank Teilzeitstellen. Gewerkschafterin Christine Michel betont: «Viele Frauen möchten eigentlich mehr arbeiten. Denn geringe Teilzeitpensen sind ein Abstellgleis.» Für sie ist deshalb eine Arbeitsverkürzung für alle dringlich, damit sich Eltern besser aufteilen können. Stattdessen erhöhen hierzulande die Männer nach der Familiengründung das Arbeitspensum um durchschnittlich drei Stunden.

Anders in Dänemark: Mit seinen 18 Wochen Mutterschaftsurlaub und 32 Wochen bezahlter Elternzeit, die sich Mütter und Väter teilen können, weist das Land mit 77 Prozent die höchste Erwerbsbeteiligung der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren aus; jene der Männer ist nur wenig höher. Das Besondere daran: Vier von fünf dänischen Müttern ändern ihr Arbeitspensum nach der Schwangerschaft nicht.

Ein Schweizer Modell für 24 Wochen Elternzeit wurde vor kurzem von der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit abgeschmettert.

Wurde Ihnen wegen der Schwangerschaft gekündigt?

Fallsammlung zu ungerechtfertigter Kündigung und Nichtanstellung wegen Schwangerschaft: www.gleichstellungsgesetz.ch

Weitere Infos

Rechtliche Informationen zur Mutterschaftsversicherung finden Sie auf der Beobachter-Beratungsplattform (nur für Mitglieder).

Veröffentlicht am 2012 M02 28