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Zugvögel«Der fliegt zehnmal die Strecke zum Mond»

Nora Welti hat im Wallis mitgeholfen, 20'000 Zugvögel mit Netzen einzufangen. Und wurde neidisch auf Mauersegler.

«Wie finden die Vögel den Weg immer? Für mich ist das etwas Unglaubliches.» Nora Welti, 23, Studentin, Stäfa ZH
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Man klemmt den Hals des Vogels zwischen Zeige- und Mittelfinger, so ist er ruhig. Er liegt dann mit dem Rücken in der Hand, das ist ein schönes Gefühl: Der Vogel ist warm, sein Gefieder weich, man spürt das Herz im kleinen Körper pochen. Schwierig ist das vor allem am Anfang – wenn man ungeübt ist und sich nicht recht traut, weil man befürchtet, ihn zu zerquetschen. Der Vogel spürt diese Unsicherheit genau und beginnt sich zu wehren, «Mais» zu machen. Deshalb darf man ruhig etwas zudrücken. Das Tier kann trotzdem atmen.

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Die Vögel fallen in eine Art Tasche

Das haben uns die Leute von der Vogelwarte Sempach gezeigt, oben auf dem Col de Bretolet, im Unterwallis, gleich an der Grenze zu Frankreich. Die Vogelwarte führt dort seit den fünfziger Jahren eine Station zur Beringung von Vögeln – in zwei einfachen Berghütten auf 1927 Metern über Meer. Auf der Krete sind über mehrere hundert Meter Netze gespannt, vier bis fünf Meter hoch. Etwa 20'000 Klein­vögel, die den Pass auf ihrem Zug in den Süden überqueren, blieben heuer hängen: Buchfinken, Rotkehlchen, Ringdrosseln, Stare. Verletzen können sie sich nicht, sie fallen einfach in eine Art Tasche und werden dann von Helfern zur Station gebracht.

Wir Studenten liefen die Netze jede halbe Stunde ab und begleiteten die Freiwilligen, die die Vögel einsammelten. In der Station halfen wir den Forschern, Art und Geschlecht zu bestimmen und zu prüfen, in welcher Verfassung die Tiere sind. Vor allem: Wie viel Fettreserven sie haben.

Jeder Vogel wird mit einer Nummer beringt. So kann man die Reisen der Vögel verfolgen und beobachten, wie sich der herbstliche Zug verändert. Es gibt Vogelarten, die fliegen heute später los als noch vor ein paar Jahrzehnten. Andere fliegen weniger weit. Wieder andere überqueren die Alpen gar nicht mehr, weil sie im Winter auch bei uns Nahrung finden.

Die Station liegt an einer beliebten Flugroute. Kleinvögel, die nur wenige Meter über dem Boden fliegen, wählen gerne den Weg über den Pass. Wir Studenten waren weiter unten untergebracht, in einer Alphütte. Am schönsten fand ich es, die freiwilligen Helfer frühmorgens zu begleiten – manchmal ging ich schon um fünf Uhr los und stieg die halbe Stunde zum Pass hoch, während die Sonne aufging.

Nora Welti bei der Beringung: «Man spürt das Herz pochen.»
Quelle: Dan Cermak

Raubvögel lauern auf Beute

Die Vögel kommen zwar nicht in Schwärmen, aber in kurzen Abständen. Morgens und abends herrscht am meisten Flugverkehr. Wenn sie im Netz sind, darf man mit dem Einsammeln nicht zu lange warten. Es gibt nämlich Raubvögel, die begriffen haben, dass die Netze ihnen zu einer leicht verdienten Mahlzeit verhelfen können – die Drosseln und Rotkehlchen können ja nicht fliehen. Einmal verfing sich ein Sperber auf Raubzug im Netz: ein schönes Tier, gross, mit langen Krallen und kurzem, gekrümmtem Schnabel, mit wachen, gelben Augen. Ich hatte einen solch beeindruckenden Raubvogel noch nie von so nahe gesehen.

Vögel haben mich schon als Kind interessiert. Im Winter hängten wir diese Säckchen voller Körner auf, und ich beobachtete, wie Meisen und Finken daran pickten. Als ich im Biologiestudium ein Modul über Vogelflug und Vogelzug belegte, erwachte mein Interesse wieder. Es ist faszinierend, wie diese Tiere jedes Jahr aufbrechen und auf stets derselben Route Hunderte oder Tausende von Kilometern zurücklegen. Wie finden sie diesen Weg immer? Wie geben sie die Flugroute den jüngeren Tieren weiter? Für mich ist das irgendwie unglaublich.

Mauersegler sind ständig in der Luft

Vielleicht hat die Faszination, die Vögel auf mich ausüben, etwas mit dem alten Traum vom Fliegen zu tun. Diese Tiere haben uns einfach etwas voraus: Sie können es. Klar, wir können ins Flugzeug steigen, aber das ist nicht dasselbe. Vielleicht mache ich mal einen Tandemflug mit dem Gleitschirm. Aber auch das wird nicht dasselbe sein.

Ein Mauersegler zum Beispiel kann bis zu 21 Jahre alt werden. Er lebt fast ausschliesslich fliegend, er ist die meiste Zeit in der Luft, schläft sogar im Flug. Wenn er stirbt, hat er zehnmal die Strecke von der Erde zum Mond zurückgelegt. Wahnsinn!

Wobei: Das mit dem Gleitschirmfliegen muss ich mir nochmals über­legen. Sicher beginne ich im Januar beim Zürcher Vogelschutz einen Kurs in Feldornithologie, um Vögel besser bestimmen zu lernen. Auf der Beringungsstation gab es Leute, die konnten Vögel anhand von wenigen Silben ­ihres Gesangs erkennen. Daran muss ich noch etwas arbeiten.

Veröffentlicht am 25. November 2014