Würden Sie auch heute noch bei einer 37-Jährigen eine Silastikprothese zur Zehenkorrektur implantieren?» Auf diese Frage antwortet der orthopädische Chirurg Antonio Zanoni aus Freiburg mit einem klaren «Nein».


Diese späte Erkenntnis hilft der heute 53-jährigen Silvia Brülhart aus dem freiburgischen Ueberstorf wenig. «Mein Fuss ist ständig geschwollen. Ich habe Schmerzen, bin in der Beweglichkeit eingeschränkt und kann keine normalen Schuhe mehr tragen.»


1982 hatte sich Silvia Brülhart die Schulter gebrochen. Es drängte sich eine Operation unter Vollnarkose auf. Die Patientin bat ihren Chirurgen, gleichzeitig eine schmerzende Fehlstellung am linken grossen Zeh, einen Hallux, zu korrigieren.


Wegen der Schulter musste Silvia Brülhart später mehrmals zur Nachbehandlung in Zanonis Praxis. Das Halluxproblem hingegen schien behoben. Die Mutter zweier Kinder half weiter mit im Büro ihres Mannes und leitete Turngruppen.


Knochen war völlig durchlöchert

Mitte der neunziger Jahre stellte eine Fusspflegerin eine Verformung an Silvia Brülharts grossem Zeh fest. Bald darauf schwoll der Fuss an und schmerzte; schon das Kuppeln beim Autofahren trieb ihr das Wasser in die Augen. 1998 kam dann die verheerende Diagnose des Hausarzts: Der Knochen war völlig durchlöchert.

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«Ich geriet in Panik und dachte sofort an Knochenkrebs», erinnert sich Silvia Brülhart. Am Inselspital in Bern wurde ihr eröffnet, man müsse einen Teil des Knochens entfernen und den grossen Zeh versteifen. Auch habe sich die Silastikprothese zersetzt, deren Resten müssten sofort entfernt werden. Silvia Brülhart fiel aus allen Wolken: «Ich hatte keine Ahnung, dass mir Silikon eingesetzt worden war.»


Antonio Zanoni bestreitet dies. Er habe seine Patientin in Anwesenheit ihrer Tochter Nicole über den Eingriff informiert. Nicole Brülhart war damals 12-jährig. Als der Beobachter bei Zanoni nachfasst, wiegelt der Arzt ab: «Es ist heute schwierig zu rekapitulieren, was damals gesagt oder eben nicht gesagt wurde.»


Dabei hätte der Chirurg umfassend informieren und auf die Risiken hinweisen müssen, handelte es sich bei diesem Eingriff doch um ein völlig neues Verfahren. Zudem wäre eine regelmässige Nachkontrolle nötig gewesen. Denn es stellte sich bald heraus, dass Silastikprothesen im Fussbereich schon nach wenigen Jahren brechen.

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Doch Antonio Zanoni sieht das anders. Er appelliert an die Selbstverantwortung seiner Patienten: «Ich fordere sie auf, sich selber zur Nachkontrolle zu melden.»


Im Fall von derart heiklen Implantaten ist das allerdings zu wenig. «Silastikimplantate für eine Halluxkorrektur waren nie Standard», sagt Beat Hintermann, orthopädischer Chirurg am Kantonsspital Basel. «Sämtliche derartigen Verfahren blieben im experimentellen Stadium stecken.» Und Rainer Völksen, Leiter der Fachstelle Medizinprodukte beim Bundesamt für Gesundheitswesen, doppelt nach: «Ubermässige Fremdkörperreaktionen und Nekrosen im benachbarten Gewebe sind generell als Komplikationen von Implantaten aus Silikon und andern Materialien bekannt.»


Für Silvia Brülhart hatte das «Experiment» böse Folgen. Anfang 1999 wurden die Silikonresten in einer mehrstündigen Operation entfernt, Wucherungen beseitigt und das Gelenk mit einem drei Zentimeter langen Beckenspan verschraubt und versteift.

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Doch von Heilung kann keine Rede sein: Der Fuss ist noch immer geschwollen, und bei einer Nachkontrolle kam bereits wieder ein Bruch der Verschraubung zum Vorschein.


Silvia Brülhart überlegt sich nun, ob sie den Arzt wegen unterlassener Information einklagen soll. Dieser wiederum bedauert die «unglückliche Entwicklung ausserordentlich». Silvia Brülharts Dossier will er nun an seine Haftpflichtversicherung weiterreichen. Immerhin das.

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