Beobachter: Asyl Suchende haben eine teure Lederjacke, ein Auto und eine Goldkette woher kommt dieses Klischee eigentlich?

Verena Müller Tobler: Natürlich gibt es Asyl Suchende, die tatsächlich Lederjacken und Goldketten tragen. Aber diese Dinge stammen nicht aus Fürsorgegeldern. Schliesslich sind nicht alle Leute, die hier Asyl suchen, mausarm sie kommen zum Teil hierher, weil sie in ihrem Land keine Erwerbsarbeit finden. Im Weiteren gibt es Asyl Suchende, die hier als billige Schwarzarbeiter angestellt werden und so zu etwas Geld kommen. Zu guter Letzt gibt es bekanntlich auch Kleinkriminelle und Drogendealer. Aber diese Gruppen sind nicht repräsentativ. Es ist unzulässig, mit derartigen Klischees Politik zu machen.

Beobachter: Viele Schweizer in unserem reichen Land fühlen sich benachteiligt, vergessen oder geprellt. Gibt es tiefer liegende Ursachen dafür?

Verena Müller Tobler: Viele Schweizerinnen und Schweizer haben Angst vor der Globalisierung. Diese Angst hat einen rationalen Kern. Unser Wohlfahrtsstaat beruht auf zweierlei: auf unserem Reichtum, den wir dank unserer Stellung auf dem Weltmarkt haben, und auf unserer überfamilialen Solidarität. Ich denke da an die Arbeitslosenversicherung, die AHV, die Krankenkasse oder die Renten. Diese Solidarität ist aber auf den nationalen Raum beschränkt. Und jetzt kommen plötzlich Asyl Suchende. Ich verstehe die Ängste, die dies auslösen kann.

Beobachter: Sind es denn wirklich die ärmeren Schweizerinnen und Schweizer, die am lautesten über die angeblich bevorteilten Asyl Suchenden klagen?

Verena Müller Tobler: Die Klagen kommen häufig von Gruppen, die durch die oben erwähnte Globalisierung am meisten zu verlieren glauben. Das sind zum Beispiel die Bauern. Häufig kommen auch Klagen von Kleingewerblern, die oft für einen sehr niedrigen Ertrag arbeiten. Schliesslich klagen die älteren Leute, die die nationalen Sozialnetze aufgebaut haben und die deren Leistungsfähigkeit von der Globalisierung bedroht sehen. Aber die Immigranten tragen die AHV genauso mit. Und sie sind natürlich gleichzeitig auf unsere Arbeitslosen- und Fürsorgegelder angewiesen. Die Globalisierung bringt gewaltige Widersprüche. Wir müssen lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.

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