Wenn Leute wie der Filmer und Buchautor René Gardi von fremden Kulturen erzählten, hörte ich als Kind immer gebannt zu. Während des Ethnologiestudiums in Bern begann ich mich für die Dritte Welt zu engagieren. Als Assistent hatte ich später den Auftrag, eine Institutsabteilung in Madagaskar aufzubauen. Anfang der achtziger Jahre war ich deshalb einige Male auf der südostafrikanischen Insel, kam in Kontakt mit der Schweizer Entwicklungshilfe Deza und konnte ein neues Projekt betreuen: Es ging um den Schutz eines Waldgebiets in Morondava an der Westküste. So zügelte ich als gebürtiger Bündner 1987 nach Madagaskar.

Nach zehn Jahren bot mir ein ehemaliger Kommilitone eine neue Stelle beim Fastenopfer an: «Wir brauchen jemanden vor Ort, der sich nicht korrumpieren lässt.» Das Hilfswerk der katholischen Kirche schickte zuvor vor allem Geld in die Empfängerländer, ohne die Projekte wirklich begleiten zu können. Entsprechend hoch war der Anteil der Missbräuche.

Drohungen der Wucherer
Fürs Fastenopfer baue ich die Reisbanken auf, die wie eine Art Versicherung oder kollektive Ersparniskasse funktionieren: 15 bis 20 Bauernfamilien schliessen sich zusammen und liefern von jeder Ernte einen Teil ab, der in einer Vorratshütte gelagert wird. Gerät eine Bauernfamilie in Schwierigkeiten, kann sie zum Beispiel Reis aus der gemeinsamen Reserve beziehen. Nach der nächsten Ernte zahlt sie den Reis zurück, samt einem moderaten Zins in Form von Reis oder Geld. Eine Familie kann auch Geld ausleihen – sei es für den Kauf von Schulmaterial oder bei Krankheiten und Todesfällen.

So lässt sich das weit verbreitete System der Geldverleiher durchbrechen; diesen müsste die Bauernfamilie Wucherzinsen von bis zu 300 Prozent pro Monat bezahlen – ein sicherer Weg in die Schuldenspirale, in die zuvor die grosse Mehrheit der Bevölkerung geraten war. Die Wucherer bedrohen uns ab und zu, weil wir ihr Geschäft kaputtmachen; das zeigt, wie erfolgreich das Projekt ist.

In den letzten acht Jahren baute ich mit meinen madegassischen Mitarbeitern rund 3000 Reisbanken auf. Nur wenige gingen wieder ein: zum Beispiel nach einer lokalen Überschwemmung oder Trockenheit, wenn die Reserven der Reisbank nicht ausreichten, um alle Gruppenmitglieder über Wasser zu halten.

Wenn ich Gruppen besuche, werde ich meist gut aufgenommen. Die Leute sind erstaunt, dass jemand zu Fuss den weiten Weg in die Dörfer auf sich nimmt, um ihnen Lösungen für ihre Probleme aufzuzeigen. Das sind sie sich von den einheimischen Politikern nicht gewohnt.

Dass ich im Auftrag des Fastenopfers arbeite, heisst nicht, dass ich hier missioniere. Unsere Zielgruppe sind die Ärmsten der Armen, unabhängig von ihrer Religion. Historisch bedingt sind die Betroffenen mehrheitlich katholisch, und der Kardinal sowie einige Bischöfe zählen zu unseren grössten Fans.

Die Infrastruktur der Wasser- und der Stromversorgung ist zurzeit am Zusammenbrechen. Ende Juni war ich an einem Fastenopferkongress in der Schweiz, als wegen eines Stromunterbruchs ein paar Stunden lang keine Züge fuhren. Stromausfälle sind bei uns normal. Eine Katastrophe ist hingegen, dass regelmässig Wirbelstürme übers Land fegen. Ich war gerade zwei Jahre hier, als ein Zyklon mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde ganze Schulhausdächer bis zu 15 Meter wegblies.

Langsam spüre ich, wie die feuchte Hitze im Sommer meinen 56-jährigen Körper belastet. Das Gesundheitswesen ist in einem prekären Zustand; ich darf mir gar nicht ausmalen, was wäre, wenn es mir wirklich mal schlecht ginge. Die Malaria habe ich mittlerweile im Griff: Nachdem ich drei kräftige Schübe hatte, weiss ich, wie ich vorsorgen muss.

Bücher und CDs aus der Schweiz
Fast mehr zu schaffen macht mir, dass kulturell fast nichts geboten wird. Deshalb habe ich zahllose Bücher aus der Schweiz mitgenommen, zudem Jazz- und Blues-CDs. Einmal pro Jahr fliege ich für die Arbeit in die Schweiz, und jedes zweite Jahr besuche ich mit meiner einheimischen Partnerin Verwandte und Freunde im Bernbiet und im Bündnerland. Häufiger aber nicht, weil die Reisen jedes Mal einen störenden Unterbruch meines madegassischen Lebens bedeuten.

So werde ich wohl hier bleiben. Seit sechs Jahren lebe ich mit meiner Freundin und ihren zwei halbwüchsigen Kindern zusammen und fühle mich stark verankert. Wir haben uns am Stadtrand von Morondava ein Haus gebaut mit grossem Umschwung, wo sich Hunde, Katzen, Enten, Hühner und Schildkröten tummeln.

Als Ausgleich zu meiner Arbeit habe ich einen Handballklub aufgebaut. In der Schweiz betrieb ich früher Spitzensport als Leichtathlet – in Madagaskar war ich zwölf Jahre lang als Handballspieler, Trainer und Hauptsponsor aktiv. Immerhin schaffte ich es als 46-Jähriger noch in die Finalrunde der Landesmeisterschaft. Und nach jedem Spiel gibts ein kühles Bier.

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