Der 1. Oktober war für mich ein wunderbarer Tag. An diesem Montag begannen bei uns in Kloten ZH die Bauarbeiten für den seit 20 Jahren geplanten Ausbau der Lehrwerkstätte. Der Platz in der bisherigen Anlage reichte schon seit langem nicht mehr. Zudem entschied die Swissair-Spitze noch diesen Frühling, künftig mehr Lehrlinge einzustellen.

Dann kam der 2. Oktober. Am Morgen erschienen die Handwerker nicht mehr: Die Arbeiten seien aus Geldmangel unterbrochen worden, hiess es. Später brach auch der Flugbetrieb zusammen, weil kein Geld mehr da war fürs Kerosin.

So was hätte ich mir nie vorstellen können. Natürlich haben wir die Managementfehler der Vergangenheit mitbekommen, und auch die Banken haben ihr Spiel mit uns gespielt. Aber ich habe lange geglaubt, das bekommen wir wieder in den Griff. Dass das Ganze derart eskaliert – nein, das haben weder ich noch meine Kollegen uns ausmalen können.

Unerwartet grosse Verbundenheit
Umso eindrücklicher fand ich die Demonstration vor dem Swissair-Hauptsitz am 3. Oktober. Da habe ich eine enorme Verbundenheit gespürt zwischen den unterschiedlichsten Angestelltengruppen. Sogar die Piloten haben endlich wieder einmal mit uns Technikern geredet. Diese Solidarität schweisst zusammen und gibt Kraft für die ungewisse Zukunft. In meinem Team habe ich mich seit je wie in einer grossen Familie gefühlt.

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Als wir 10'000 Angestellten dann vor den UBS-Konzernsitz in Glattbrugg ZH gezogen sind, gabs ein Pfeifkonzert gegen Marcel Ospel. Wie viel Schuld er am ganzen Debakel trägt, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist, dass die Banken eine merkwürdige Rolle gespielt haben. Und sicher ist meines Erachtens auch, dass innert kürzester Zeit kein Swissair-Angestellter mehr ein Konto bei den beiden Grossbanken haben wird. Auch wenn dies nicht viel nützt, finde ich es symbolisch richtig. Ich selber habe mein Geld bei einer anderen Bank, und zum Glück hatte ich es auch nicht auf der Swissair-eigenen Depositenkasse. Das war ja ein absolutes Drama, was sich da abgespielt hat, als der Schalter plötzlich geschlossen und das Geld blockiert wurde. Ich weiss nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich mein Erspartes dort gehabt hätte.

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Anno 1968 begann ich als 16-Jähriger bei der Swissair eine Mechanikerlehre. Es war damals noch eine Ehre, bei der nationalen Airline in die Lehre gehen zu dürfen. Ich habe einige Jahre auf diesem Job gearbeitet, bin dann in die Lehrlingsausbildung gerutscht und habe auch die entsprechende Weiterbildung absolviert.

Damit erfüllte sich einer meiner Träume. Ich finde es ungeheuer interessant, mit jungen Leuten arbeiten zu können. Es ist zwar sehr anspruchsvoll, und ich muss den Kopf den ganzen Tag bei der Sache haben. Aber ich kann auch sehr viel von den Jungen lernen, das erhält mich selber jung. Ich versuche, sie zu Bestleistungen anzuspornen, und wenn es klappt, ist das wiederum für mich eine Motivation.

Natürlich müssen wir acht Lehrmeister manchmal auch selber Hand anlegen, damit ein Auftrag rechtzeitig fertig wird. Meine Auszubildenden machen ja nicht einfach «Lehrstückli», sondern arbeiten zu 50 Prozent produktiv an Werkzeugmaschinen und setzen sich mit computergesteuerten Arbeitsabläufen auseinander. Auch stellen wir kleinere mechanische Bestandteile für die Flugzeuge her. Natürlich ist das der grosse Reiz für die meisten Mechanikerlehrlinge: Sie kommen zur Swissair, weil da die grossen Flieger im Hangar stehen.

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Es stimmt, oftmals ist es stressig. Doch wer für einen Flugbetrieb arbeitet, muss halt Stress ertragen. Die Arbeit ist zwar nicht körperlich streng, aber sie erfordert hohe Konzentration, und es gibt lange Präsenzzeiten. Als Lehrmeister muss ich hier ein Vorbild sein. Wenn wir halt mal an einem Samstag arbeiten müssen, um etwas fertig zu stellen, spielt das doch keine Rolle. Schliesslich haben wir uns bisher immer voll mit unserem Unternehmen identifiziert.

Guter Arbeitgeber
Stolz waren wir alle zusammen auf die Swissair. Wenn ich mit meiner Familie einmal pro Jahr in die Ferien geflogen bin, dann selbstverständlich nur mit der Swissair. Die Swissair war auch stets ein guter Arbeitgeber – tipptopp, würde ich sagen. Wir hatten im Rahmen unseres Aufgabenbereichs grosse Freiheiten und wurden, wo immer möglich, unterstützt. Bis letzte Woche fühlte ich mich nie im Stich gelassen.

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Grundsätzlich bin ich ein optimistischer Mensch. Auch als sich in den letzten paar Monaten die Anzeichen verdichteten, dass es so nicht weitergehen konnte, habe ich immer an eine Zukunft geglaubt – nicht nur für meine Stelle als Lehrmeister, sondern auch für meine Kollegin und meine Kollegen und natürlich für die 100 Lehrlinge, die uns unterstellt sind. Nicht umsonst haben wir im letzten Jahrzehnt eine Lehrwerkstätte aufgebaut, die zu den besten im ganzen Kanton Zürich gehört.

Unser Chef meint, dass sicher bald ein Entscheid gefällt werde. So lange die Flugzeuge fliegen sollen, brauchts doch auch Mechaniker. Also brauchts auch Lehrlinge und Leute, die die Lehrlinge ausbilden. Es käme die Firma ja viel teurer, ausgebildete Mechaniker anzustellen, die keine Ahnung haben, wie ein Flugzeugmotor von innen aussieht. Darum glauben wir, dass es weitergeht. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass ein neuer Chef einfach beschliesst, 100 Lehrlinge auf die Strasse zu stellen. Das wäre ja furchtbar.

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Vorderhand wird darum bei uns normal weitergearbeitet, schliesslich haben wir ja auch einen Ausbildungsauftrag. Wir erledigen zudem zahlreiche Aufträge für Drittfirmen in der Region, die gar nichts mit Flugzeugen zu tun haben. Die haben sich auch schon besorgt erkundigt, ob wir eigentlich auch schliessen müssten. Natürlich herrscht keine Hurrastimmung, wir sind alle ziemlich bedrückt. Die Frage nach den Schuldigen beschäftigt mich sicher. Aber es ist sehr schwer, sich wirklich ein Bild der Lage zu machen.

Das Debakel hat auf jeden Fall eine lange Geschichte. Philippe Bruggisser kannte ich von früher her flüchtig, er war mal im Controlling von Swissair Technics tätig. Wir mussten jeweils zu ihm, wenn wir eine neue Maschine kaufen wollten. Mario Corti kannte ich nicht, er war ja nicht lange da. Aber immerhin hat er klar gesagt, er wolle die Lehrlingsausbildung beibehalten. Also hatten wir ein gutes Gefühl.

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Natürlich ist die Swissair-Krise nicht nur an der Arbeit ein Thema. Auch zu Hause rede ich oft mit meiner Frau und meinen Kindern darüber. Früher konnte ich sehr gut abschalten und habe mich daheim nie mit den Problemen des Arbeitsplatzes beschäftigt. Doch seit zwei Wochen lässt mir das Ganze keine Ruhe mehr; die Krise geht mir näher, als ich es wahrhaben will. Nachts schlafe ich viel unruhiger als vorher. Jetzt müssen wir halt von Tag zu Tag schauen, was passiert.

Ob ich eine Wut auf jemanden habe? Nein, aber ich bin einfach schaurig enttäuscht und traurig.