Da stehe ich in der klirrenden Kälte. Es ist windstill. Die Sonne erhitzt mein Gesicht, am Rücken friert es mich. Ich befinde mich auf 4000 Meter Höhe, an der höchsten Bahnstation Europas. Von den Mitreisenden habe ich mich entfernt. Ab und zu vernehme ich ein heiseres Bellen. Ist dies das Heulen von Wölfen? Ich öffne die Augen, löse mich von meinen inneren Bildern und kehre in die Wirklichkeit zurück. Eine endlose weisse, gefrorene Welt umgibt mich.

Weiss ich dies? Oder sehe ich es? Ich war noch nie auf dem Jungfraujoch.

Sehprobleme lange verdrängt

Als Kind war ich nachtblind. Wenn es dunkel wurde, musste ich immer sehr angestrengt horchen. Auch Kontraste machten mir Mühe. Die Kreideschrift an der Wandtafel konnte ich oft nicht entziffern. Manchmal stiess ich ein Glas um. Es hiess, ich sei halt kurzsichtig. Im Rahmen einer schulärztlichen Untersuchung wurde ich überraschend in die Augenklinik beordert. Nach unzähligen Tests drückte mir der Arzt eine Rückantwortkarte in die Hand: Ich solle mich bei der Selbsthilfegruppe für Sehbehinderte anmelden. Diagnose: Retinitis pigmentosa eine Netzhautdegeneration. Medizinisch betrachtet, gelte ich heute als blind.

Die Reise zum «Top of Europe» kam dank einer grosszügigen Einladung der Jungfraubahnen zustande. Mit dabei: mehrere Schulklassen mit Blinden und Sehbehinderten, 30 Kinder aus Zollikofen BE, 20 aus dem Welschland. Sie machen einen Heidenlärm. Wer von ihnen sehend ist und wer nicht, höre ich nicht heraus. Die Einladung ging auch an Journalisten. Sie konnten Augenbinden anziehen, um «Blindheit» zu simulieren. Dies war die Meinung der Veranstalter. In Wirklichkeit kann wohl nur ein blasser Eindruck davon entstehen. Die Blindheit kommt meistens schleichend und selten auf einen Schlag.

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Kinder. Ich erinnere mich ans Kindergartenseminar. Es war schwierig, meine Kinder im Auge zu behalten. Ich wollte meine Probleme einfach nicht wahrhaben. Im Frühling 1988 gebar ich selber einen Sohn, wenig später eine Tochter. Der Nachwuchs band mich an den Haushalt. Ja, ich habe meine Kinder noch lächeln gesehen. Mein Gott, klingt das sentimental. Meine Sehkraft schwand. 1994 hielt ich das letzte Buch in den Händen, das ich lesen konnte. Es war «Dshamilja», ein Roman von Tschingis Aitmatow.

Auf das Jungfraujoch begleitet mich ein älterer Herr. Er ist schwerhörig, stelle ich fest. Manchmal gibt er mir merkwürdige Antworten. Ich muss schmunzeln. Man ist oft viel zu fixiert auf die eigene Behinderung und vergisst die Probleme anderer.

Statt Bergluft Frittierölgeruch

Die Holzbänke der Bergbahn sind hart. Sie lassen einen jedes Rumpeln spüren. Beim Aussteigen auf der Kleinen Scheidegg stossen die Füsse auf Schnee. Darauf war ich nicht gefasst. Erstaunen und Freude über die nachgiebige Unterlage auch bei den Schülern. Wir haben Wetterglück: Durch die Fensterscheiben der Jungfraubahn wirft die Sonne ihre wärmenden Strahlen auf das Gesicht. Nicht lange jedoch. Bald verschwindet die Bahn im Tunnel. «Eigerwand», der erste Halt im Dunkel, wird in sieben Sprachen angesagt. Es besteht die Möglichkeit, auszusteigen und durch ein Fenster im Fels nach Grindelwald zu blicken. Ich taste mich dem Fels entlang. Ich staune. Es muss sehr schwierig gewesen sein, einen Weg in diesen Stein zu hauen.

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Die nächste Station, «Eismeer», befindet sich bereits auf 3100 Metern über Meer und bietet offenbar einen spektakulären Blick auf Gletscherabbrüche, die den Schauenden den Eindruck von Meeresbrandung vermitteln. Die Temperatur auf den Toiletten erinnert ebenfalls an ein Eismeer. Im Wasser der Spülkästen gibt es vor allem Chemie, das riecht man. Zum Händewaschen benützt man Feuchttüchlein. Unbehandeltes Wasser würde bei der hier herrschenden Temperatur einfrieren.

Die Bahnreise geht weiter. Die Steigung ist enorm. Das Stimmengewirr der Schülerinnen wird immer lauter: Wir nähern uns dem Ausflugsziel. Voller Erwartungen steige ich aus Bergwelt! Doch was uns begrüsst, ist der Geruch von Frittieröl. Er dringt wohl aus irgendeinem Lüftungsschacht. Wir gehen durch lange Gänge, benutzen einen Lift, eine Treppe, alles im Berg. Ich bewege mich immer nah am Fels. Plötzlich wird es kalt und glatt. Die Wände fühlen sich an wie geschliffener Marmor. Wir sind im Eispalast gelandet. In Nischen stehen gefrorene Skulpturen. Die Orientierung habe ich längst verloren.

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Ich bin allein erziehende Mutter. Mein Tagesablauf unterscheidet sich kaum von jenem Sehender. Ich putze, koche, helfe meinen Kindern bei den Aufgaben. Ich habe wunderbare Kinder. Sie nutzen meine Behinderung nicht aus. Es ist mir wichtig, darauf zu achten, dass ich sie nicht zu sehr in meine Probleme einspanne. Ich versuche abzuchecken, welches der beiden mir wo am liebsten hilft.

Mein Reisebegleiter führt mich sicher aus dem Gewirr von Gängen hinaus an die frische Luft. Ich denke zurück an früher, als meine Sehbehinderung noch nicht offensichtlich war. Einen Weg zu suchen kann zur Qual werden. Der Gedanke, sich nicht mehr selbstständig bewegen zu können, auch. Heute bin ich so weit, dass ich mich gern führen lasse. Derartige Momente können sogar eine Bereicherung sein. Gespräche mit der führenden Person entstehen, Empfindungen werden ausgetauscht.

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Der pulvrige Schnee unter den Füssen knirscht. Wir sinken ein. Das Herz klopft schnell; alles ist anstrengend, langsam, intensiv. Die Höhe drückt auf den Kreislauf. Bei den Kindern macht sich der leere Magen bemerkbar. Kälte und Hunger sind stärker als der Wunsch, andächtig in der Bergwelt zu verweilen. Ob der fehlende Sehsinn schuld daran ist? Die heisse Suppe bildet einen angenehmen Kontrast zur Aussentemperatur. Warm rinnt sie durch die Kehle in den Magen. Ob die anwesenden Presseleute die Gelegenheit benutzen und ihr Mittagessen unter einer Dunkelbrille einnehmen? Gern hätte ich sie dabei beobachtet.

Orientierung schwierig im Schnee

Aufgewärmt begeben wir uns wieder ins Freie. Ich bewege mich nicht sehr gern im Schnee. Die Orientierung ist schwierig, der Untergrund unberechenbar. Auf den breiten Schneeschuhen ist das Gehen einfacher. Je zehn von uns werden jetzt angeseilt. Angebunden zu sein behagt mir im ersten Moment nicht. Doch dann werden Erinnerungen wach. An einem nebligen Abend in einem Skilager verlor ich als Kind meine Kameraden. Allein irrte ich im Nebel herum voller Angst, den Rückweg nicht mehr zu finden. Wie viel hätte ich damals für ein Seil gegeben!

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Jetzt ist es Zeit für die Rückfahrt. Nach der Eiseskälte draussen wirkt die Hitze im Waggon erdrückend. Die rasante Talfahrt beginnt, der Körper muss sich wieder auf das Flachland einstellen. Abends bin ich müde, freue mich auf ein Orangenblütenbad, heiss und duftend. Ein Glas Rotwein, herangereift unter der Sonne des Südens, rundet ein feines Nachtessen ab.

Ich freue mich über die Vielfalt der Erde. Ich freue mich darüber, dass ich sie mit all meinen Sinnen wahrnehmen und geniessen kann.