An meinen ersten Sprung erinnere ich mich noch gut. Das war vor fünf Jahren auf der kleinen Schanze in Wildhaus. Dort sitzt man nicht beim Start, sondern man steht, holt Anlauf, fährt in die vorgegebene Spur und fliegt.

Für mich war der erste Sprung nichts Besonderes. Ich hatte zuvor schon oft meinen ebenfalls springenden Brüdern zugesehen. Ausserdem merkte ich beim ersten Mal nicht viel vom Fliegen ich war nur ganz kurz in der Luft.

Besonders Mädchen denken immer, fürs Skispringen brauche es viel Mut. Das stimmt nur zum Teil. Ein bisschen Mumm braucht es schon, aber man fängt mit kurzen Sprüngen an und steigert sich dann ganz langsam.

Zuallererst fahren die Anfänger einige Male den so genannten Auslauf hinunter das ist der Hang direkt unter der Schanze, wo die Skispringer landen. Dann kommen die ersten Versuche auf der kleinen Schanze; diese ist nur zirka 50 Zentimeter hoch. Man beginnt mit wenig Anlauf, der kontinuierlich vergrössert wird. Um die Technik zu erlernen, macht man viele Trockenübungen. Der Rest ist eine Frage der Zeit. Auch die Ausrüstung ist am Anfang behelfsmässig. Bei meinem ersten Sprung trug ich Alpinskier.

Wenn ich heute springe, fliege ich richtig. Mein persönlicher Rekord liegt bei 94 Metern. Leider war das nicht an einem Wettkampf, sondern im Training auf der 105-Meter-Schanze. Trotzdem: Seit der letzten internationalen Damentournee bin ich in der Wertung Elfte von weltweit 50 Springerinnen. Mit dieser Leistung bin ich sehr zufrieden. Denn die meisten Springerinnen, gegen die ich antrete, sind älter und erfahrener als ich.

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Training mit lauter Jungs

In der Schweiz sind Skispringerinnen eine eher rare Spezies. In Österreich, Deutschland und Norwegen gibt es mehr Springerinnen als hierzulande. Ich bin auch die einzige Schweizerin, die an internationalen Damenwettkämpfen teilnimmt.

Weil es für uns junge Frauen nur je eine Tournee im Winter und im Sommer gibt, mache ich auch bei den Turnieren der Jungs mit. Da bin ich immer das einzige Mädchen. Am Anfang fanden das nicht alle so toll vor allem wenn ich aufs Podest sprang. Einige Jungs wollten mich sogar rausekeln, aber inzwischen haben sie sich an mich gewöhnt.

Ich trainiere auch immer mit den Jungs. Das ist ein grosser Vorteil, denn sie arbeiten wesentlich härter als die Frauen davon kann ich profitieren. Es ist übrigens nicht so, dass die Jungs weiter springen als ich. Unter den Gleichaltrigen zähle ich zum Mittelfeld.

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Das Training besteht aus viel Konditionsarbeit: Rumpfbeugen und Liegestützen gehören fest zum Programm. Der Ostschweizerische Skiverband, mit dem ich trainiere, organisiert oft Fahrten ins Ausland, weil es dort mehr grosse Schanzen gibt als in der Schweiz. Während der Sommer- und der Wintersaison bin ich fast jedes Wochenende mit dem Verein unterwegs.

Mein grosses Ziel ist, 2006 an den Olympischen Spielen in Turin teilzunehmen. Dazu muss Damen-Skispringen aber endlich als olympische Disziplin anerkannt werden. Ich bin optimistisch: Für Frauen gibt es ja mittlerweile viele olympische Wettkämpfe.

Seit kurzem werde ich vom Schweizerischen Skiverband finanziell unterstützt. Das ist toll so sind meine Trainerin und die Reisen zu den Veranstaltungen bezahlt. Ausserdem bin ich in der Fördergruppe des Skiverbands. Wenn ich weiterhin gut springe, könnte ich vielleicht sogar ins C-Kader aufsteigen als einzige Frau. Dann würde mir auch ein Teil des Materials bezahlt.

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Hie und da darf ich in einem Anzug des Doppel-Olympiasiegers Simon Ammann springen. Meine Trainerin organisierte das; sie trainierte früher auch Simon. Ich habe fast seine Masse. Er erhält für praktisch jeden Wettkampf einen neuen, 450 Franken teuren Dress.

Simon trainierte bis vor zwei Jahren im selben Verein wie ich. Er war schon immer mein Vorbild. Kürzlich waren wir mit dem Skiverband in Frankreich und massen uns auch mit der Schweizer Nationalmannschaft. Simon und die anderen aus der Nati durften nicht so viel Anlauf nehmen wie wir. Wenn ich mich genau erinnere, sprang Simon 92 und ich 78 Meter.

Genau einen Tag bevor Simon seine erste Medaille gewann, stürzte ich erstmals schwer. Das war vergangenen Februar im Schwarzwald: Beim letzten Sprung erfasste mich eine Windböe und ich landete auf dem Kopf statt auf den Füssen. Zuerst dachten die Ärzte, ich hätte einen Schädelbruch und einen Milzriss erlitten. Doch zum Glück war es nur eine schwere Gehirnerschütterung. Simon Ammanns zweiten Olympia-Goldflug verfolgte ich vom Spitalbett aus. Allerdings schlief ich ein, bevor das Endresultat feststand. Trotz meinem schweren Sturz dachte ich keine Sekunde ans Aufhören.

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Wettkämpfe statt Ferien

Sport und Sekundarschule brachte ich bisher gut auf die Reihe. Meine Schule gibt mir für die Wettkämpfe frei, solange ich alles Verpasste sorgfältig aufarbeite und im Unterricht fleissig mitmache. Viel Zeit für meine Freundinnen und Freunde bleibt mir allerdings nicht. Von acht Wochenenden bin ich nur an einem zu Hause.

Nächstes Jahr möchte ich eine Lehre als Tiefbauzeichnerin anfangen. Der Lehrmeister, bei dem ich mich beworben habe, hat schon mehrere Sportler ausgebildet. Wegen meiner Absenzen müsste ich sehr wahrscheinlich fünf statt vier Lehrjahre absolvieren.

Für den Sport brauche ich etwa sechs Wochen pro Jahr frei. Wenn es sein muss, verzichte ich auf die Ferien und gehe stattdessen an die Wettkämpfe. Ein bisschen wie Ferien ist das ja auch. Abends gehen wir Springerinnen oft miteinander aus. Wir sind wie eine grosse Familie. Man findet auch immer etwas Zeit, sich an den Veranstaltungsorten umzusehen. Ich mache aber lieber ein paar zusätzliche Übungssprünge. Museen und dergleichen sind nicht so mein Ding.

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