Wenn ich einen Helikopter höre, ist es aus. Dann laufen mir jedes Mal die Tränen nur so herunter. Bin ich gerade mit dem Auto unterwegs, muss ich sofort anhalten. Die ganze Geschichte kommt wieder hoch.

Am 7. März 2000 sass ich vor dem Fernseher. Weil ich starke Kopfschmerzen hatte, stand ich auf und ging hinunter zu meinem Mann. Was danach geschah, weiss ich nicht mehr. Erinnern kann ich mich nur an Folgendes: den Lärm eines Helikopters, das Gesicht eines Arztes, Krankenschwestern, ein Spitalzimmer.

Später hat man mir erzählt, ich hätte eine Gehirnblutung erlitten und sei sechs Wochen lang im Spital gewesen. Ich konnte nicht mehr sprechen und nicht mehr gehen, hatte vergessen, dass man Kleider anzieht oder wie man isst. Ich war einfach hungrig oder fror.

Die Schwestern stellten mir täglich Fragen: «Wie heissen Sie? Wann wurden Sie geboren?» Ich wusste es zwar, konnte es aber nicht richtig sagen: Einerseits konnte ich nur undeutlich lallen, wie eine Betrunkene; anderseits fielen mir die passenden Worte nicht ein. Das ist typisch für die Aphasie, eine Sprachstörung, die bei mir durch die Gehirnblutung ausgelöst wurde. Mit einer geistigen Behinderung hat das überhaupt nichts zu tun. Manche Leute behandeln einen allerdings so das war manchmal sehr verletzend.

Unter dieser Sprachstörung leide ich immer noch; allerdings merkt man kaum mehr etwas davon. Ich kann wieder normal sprechen. Dass es mir heute so viel besser geht, verdanke ich sicher meinem starken Willen und natürlich dem Arzt, der mich operiert hat. Ich habe mich persönlich bei ihm bedankt, das war mir wichtig. Der war ganz baff. «Jetzt hängt es vor allem von Ihnen selber ab, wie Ihr künftiges Leben aussehen wird», meinte er bei meiner Entlassung aus dem Spital. Es gibt ja Leute, die sich in einer solchen Situation völlig fallen lassen. Zu denen gehöre ich nicht. Ich sage mir immer wieder: «Du hast eine zweite Chance erhalten, also pack sie!»

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Am Anfang war das Leben einfach ich wusste ja nicht, wie es vorher gewesen war. Bald wollte ich wieder ins Büro zur Arbeit. Man liess mich gehen. Doch dann kam die erste Ernüchterung: Ich konnte weder schreiben noch lesen, die Fremdsprachen waren weg. Rechnen ging gar nicht mehr: Nicht mal zwei einstellige Zahlen konnte ich zusammenzählen. Ratlos sass ich vor dem Computer und hatte keine Ahnung, was ich damit sollte.

Es folgte eine anstrengende Zeit. Ich musste alles neu lernen, wie ein Kleinkind. Auch Verhaltensweisen hatte ich vergessen. «Aha, man setzt sich gemeinsam an einen Tisch zum Essen», dachte ich beispielsweise, als sähe ich das zum ersten Mal. Vieles habe ich mir so zusammengereimt. Einiges fiel mir mit der Zeit auch wieder ein. Etwa wenn mein Mann mir ein altes Ferienfoto zeigte und davon erzählte da kam es mir manchmal doch irgendwie bekannt vor.

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Trotzdem habe ich kaum Erinnerungen an mein früheres Leben. Oft denke ich: «Was war ich einst für ein Mensch?» Ich habe meine Freundinnen gefragt. «Heute bist du viel angenehmer», war ihre Antwort. Das findet auch meine Mutter. Sie sagt, ich sei eine richtige Kratzbürste gewesen, dominant, rechthaberisch, wenig einfühlsam.

Ich bin nicht mehr wie vorher. Nach einer Gehirnblutung fängt man ein neues Leben an und ist ein anderer Mensch. Durch die Veränderungen im Gehirn wird der Charakter stark verändert. Es gibt Leute, die aggressiv werden, ständig fluchen oder immer müde sind. Ich bin viel emotionaler geworden, aber auch empfindsamer. Früher soll ich meine Gefühle für mich behalten haben; heute kann ich sie nicht mehr verbergen. Wozu auch?

Was ich nicht mehr kann: lügen oder etwas beschönigen. Am liebsten bin ich deshalb mit Tieren und Kindern zusammen; die sind immer ehrlich und sagen geradeheraus, was sie denken. Nicht wie die Erwachsenen, die oft genug falsch lächeln und einem etwas vorheucheln.

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Natürlich hat eine solch einschneidende Veränderung auch Folgen für eine Ehe entweder sie zerbricht, oder sie wird noch mehr zusammengeschweisst. Letzteres ist bei uns der Fall: Wir haben heute ein enges Verhältnis und können gut und sehr offen miteinander reden.

Zusammen mit meinem Mann trat ich in einem Werbespot auf. Das kam so: Eines Tages rief jemand von der Helsana an und fragte, ob ich in einem Werbefilm mitmachen wolle. Ich sagte zu. Zuerst wurde ich fotografiert, zusammen mit zwei anderen Kandidaten. Jemand von uns dreien sollte dann im Film vorkommen. Kurz vor Weihnachten erhielt ich einen Anruf: Ich sei ausgewählt worden! Das freute mich sehr. Ich wollte ja früher mal ins Fernsehen oder Schauspielerin werden, hatte mich überall beworben allerdings vergeblich.

Die Dreharbeiten fanden im Tessin statt. 22 Leute waren bei den Aufnahmen dabei, und jeder Einzelne war mir wirklich sympathisch. Jeden Wunsch las man mir von den Augen ab. «Du bist doch hier der Star», sagten sie zu mir, als ich mich über diesen Aufwand wunderte. Zwischendurch konnte ich mich in einem Wohnwagen ausruhen. Ja, diese zwei Tage haben mir wirklich Spass gemacht.

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Für den Film musste ich hinter meinem Mann auf einen Felsen steigen. Das sieht einfach aus, war aber schwierig für mich, weil ich seit der Hirnblutung nicht mehr dreidimensional sehe. Ich kann daher nicht abschätzen, wie hoch eine Stufe ist, und beobachte immer die Person, die vor mir geht, um ihre Bewegungen nachzuahmen.

«Das Video bewegt mich zu sehr»

Also stieg ich so mit ihm auf den Felsen und sagte dort meine Sätze, die sinngemäss etwa lauteten: «Ich hatte eine Hirnblutung, konnte nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen und hatte Mühe mit den Zahlen. Dass es mir heute so gut geht, verdanke ich meinem starken Willen und den Ärzten.» Und dann musste ich noch sagen: «und der Krankenkasse» es war ja eine Werbung.

Zu Hause habe ich ein Video mit dem Spot drauf. Aber ich sehe es mir nie an es bewegt mich zu sehr. Auch als der Werbespot am Fernsehen lief, vermied ich es, hinzusehen. Von meiner Familie und meinen Freunden bekam ich ein positives Echo; sie fanden den Film sehr gelungen. Was mich hingegen störte, waren die Leute, die mich auf der Strasse anstarrten. Es wäre mir lieber gewesen, sie hätten mich angesprochen. Als es mir zu viel wurde, ging ich zum Coiffeur und liess mir die Haare färben und eine andere Frisur verpassen. Ausserdem trage ich nun öfter eine Sonnenbrille.

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Seit Januar arbeite ich wieder halbtags im Sekretariat. Meinen Lohn bezahlt die IV, weil ich noch langsam bin und lediglich ein 20-Prozent-Pensum schaffe. Natürlich hoffe ich, dass ich irgendwann wieder voll arbeiten kann. Ob es jemals so weit kommen wird, weiss ich nicht. Ich muss weiterhin in die Therapie, obwohl ich es manchmal satt habe. Aber es ist nun mal so: Ich muss das Leben wieder lernen jeden Tag aufs Neue.

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