Ein Lehrer hat mir mal gesagt: «Du spielst nur Theater, weil du dort das ausleben kannst, was du im richtigen Leben nicht zeigen willst.» Zuerst hat mich diese Aussage genervt, dann aber zum Nachdenken angeregt. Vielleicht stimmt das ja auch und ich will das nur nicht zugeben. Es ist tatsächlich schwierig, immer sich selbst zu sein. In der Schule spielt man eine Rolle, hat man ein gewisses Image und muss sich dann entsprechend verhalten. Dass man eigentlich ganz anders ist, traut man sich nicht zu zeigen.

Seit Beginn meiner Schulzeit spiele ich Theater. Nach der Sek war ich Mitglied bei einem kirchlichen Theaterklub. Wir spielten das Stück «Maria und Josef» nicht die klassische Version, sondern eine moderne: Maria und Josef kommen als Flüchtlinge in ein Dorf, die Leute dort wollen sie aber nicht aufnehmen. Ich spielte die Sekretärin des Bürgermeisters, die Erbarmen hat mit der schwangeren Maria und dann durchsetzen kann, dass die beiden bleiben dürfen. Ein schönes Happy End.

Leider kam mit dem Klub keine weitere Aufführung zustande. Die Leiterin machte mich aber auf den U18-Jugendklub des Berner Schlachthaus-Theaters aufmerksam. Diese Gruppe ist für alle Interessierten offen, eine Saison kostet 200 Franken. Darin inbegriffen sind die Proben plus Gratiseintritte für die Aufführungen.

Durchschnittlich gehe ich einmal pro Woche ins Theater, immer allein. Weil ich mich meist ausschliesslich auf einen Schauspieler konzentriere und seine Darbietung sehr genau verfolge, bekomme ich vom gespielten Stück oft nur wenig mit.

Zurzeit hat unser Klub neun Mitglieder: acht Mädchen und einen Jungen, alle zwischen 13- und 20-jährig. Ich bin seit letztem Oktober dabei. Dienstagabend ist jeweils Probe. Ab und zu proben wir auch samstags und sonntags.

Es fasziniert mich, in eine fremde Rolle zu schlüpfen und Grenzen zu überschreiten. Wenn man auf der Bühne steht und das Publikum vor einem sitzt, dann muss man etwas bieten. Da liegt ein unheimliches Knistern in der Luft, die Spannung steigt. Das finde ich toll.

Ich möchte auch gerne einmal eine Psychopathin spielen. Warum? Ich stelle es mir spannend vor, einen verwirrten Menschen zu spielen mit all seinen Macken und Problemen.

«Was heisst schon Liebe?»

Momentan spiele ich die Rolle der Lisa. Alle acht Mädchen unserer Gruppe spielen die Lisa. Verwundert? Acht Lisas? Richtig. Unser Stück heisst «Lisa Love in Swiss Alps» und es ist ziemlich experimentell. Wir haben es selbst erarbeitet. Seit rund sechs Monaten sind wir daran. Eigentlich handelt es sich um eine einfache Liebesgeschichte. Lisa ist in einen Arzt verliebt und schreibt ihm einen Liebesbrief wie in einem kitschigen Dreigroschenroman: Lisa liebt und Lisa leidet. Sie lebt irgendwo in den Bergen.

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Das Bühnenbild besteht aus einer Gondel. Darin sitzt der begehrte Arzt und arbeitet. Die verschiedenen Lisas spielen auf dem Dach der Gondel. Beim Schreiben des Liebesbriefs schweift Lisa immer wieder ab und erinnert sich an Szenen aus ihrem Leben. Diese stellen wir dar. Ich weiss nicht, wie das beim Publikum ankommen wird. Es ist halt schon ziemlich abstrakt.

Ob ich selber schon mal verliebt war? Ich weiss nicht. Was heisst schon Liebe? Das ist für jeden etwas anderes. Es gibt aber jemanden in meinem Leben, den ich sehr gern habe.

Unser Stück gefällt mir sehr gut. Am Anfang hätte ich zwar lieber bei einem klassischen Theaterstück mitgemacht, in dem jeder eine klare Rolle besetzt. Doch die Arbeit war sehr spannend: Wir haben selber etwas auf die Beine gestellt und können mit unserem Stück erst noch am Deutschschweizer Jugendtheaterklubtreffen in Zürich auftreten. Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich bin ganz aufgeregt. Vor allem freue ich mich darauf, andere Mitglieder von Jugendtheaterklubs kennen zu lernen.

«Kino interessiert mich wenig»

Ich habe keine Schauspielerinnen oder Schauspieler als Vorbilder, auch keine Filmdarsteller. Kino interessiert mich ohnehin wenig, ich lese lieber. Mein Lieblingsschriftsteller ist Max Frisch. Am besten gefallen mir seine Romane «Homo Faber» und «Stiller». In Frischs Stücken geht es oft darum, dass man sich Bilder von Menschen macht und wie man sich davon lösen kann oder muss.

Entdeckt habe ich Frisch nicht in der Schule, sondern nach einer Theatervorstellung von Friedrich Dürrenmatts «Die Panne». Auf dem Heimweg kam ich an einer Buchhandlung vorbei. Im Schaufenster war ein Buch mit Texten über Dürrenmatt ausgestellt. Daneben lag auch eines über Frisch. Am nächsten Morgen habe ich mir die beiden Bücher gekauft.

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Ich bin nie ganz zufrieden mit meinen Darbietungen. Auch jetzt in «Lisa» nicht. Ich überlege immer, wo ich noch etwas verbessern könnte. Meist bekomme ich zwar ein gutes Feedback, aber das ist für mich nicht entscheidend. Ich habe hohe Ansprüche an mich, bin sehr selbstkritisch und selten von etwas überzeugt.

Eine Ausnahme gibt es aber: Ich bin sicher, dass es das Theater braucht. Theater ist eine Art Spiegelbild der Wirklichkeit. Man kann sich dort ausdrücken, Leute zum Nachdenken anregen und Probleme darstellen, die jeder hat.

Viele fragen mich, ob ich im Theater Karriere machen will. Vielleicht. Doch zuvor möchte ich die Handelsschule beenden. Ich bin mir auch noch nicht ganz sicher, ob ich wirklich eine Schauspielschule besuchen soll. Mein Herz sagt ja aber ich weiss nicht, ob ich das wirklich kann.

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