Zum ersten Mal habe ich Weihnachten in Katmandu gefeiert, im Jahr 2049 nach nepalesischer Zeitrechnung. Viele Nepalesen sind ja Hindus, und wir haben deshalb einen anderen Kalender. Also, das war vor acht Jahren. Wie ich als Nepalesin zu einer Weihnachtsfeier kam? Das war ganz einfach: Mein Mann, mit dem ich damals aber noch nicht verheiratet war, ist Schweizer. Er lebte zu jener Zeit in Nepal, und einer seiner europäischen Freunde hatte uns eingeladen.

Die Nepalesen feiern natürlich keine Weihnachten, wir haben andere Feste. Das grösste und wichtigste ist Dasain. Es findet im Oktober statt und dauert zehn Tage. Dieses Jahr habe ich auch daran teilgenommen, zusammen mit meinem Mann.

Das Fest ist Durga gewidmet, der Göttin der Tapferkeit. Es gibt viele Pilger, die zu den heiligen Schreinen strömen, und in den Tempeln werden Tiere geopfert. Das soll die Göttin günstig stimmen und Glück und Wohlergehen bringen. Am fünften Tag besucht man die Eltern, um Tika, eine Art Segnung, entgegenzunehmen. Um diese Zeit sind die Strassen menschenleer. Die Älteren geben den Jüngeren das Tika. Man taucht Gerstenhalme in eine rote Masse aus Joghurt und Reis und klebt sie einander auf die Stirn. Dazu spricht man ein Gebet.

Das Schlachten ist Männersache

Wichtig sind auch die Vorbereitungen. Man kauft lebende Tiere, vor allem Ziegen und Hühner. Zu Hause werden sie gemästet und zwei Tage vor dem Fest geschlachtet. Das ist Männersache. Mein Mann schaut lieber zu und macht Fotos. Ich hätte es gern gesehen, er hätte auch mitgeholfen, aber davon wollte er nichts wissen. Nur ein paar Haare hat er abgeschabt, als die Ziege schon tot war. Wir müssen immer lachen, wenn wir diese Fotos anschauen.

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Vor Dasain sind die Läden voll, alle kaufen neue Kleider. Am Fest selber wird auch viel und gut gegessen, vor allem Fleisch. Man ist zusammen mit der Familie, und die Verwandten kommen zu Besuch das hat es mit Weihnachten gemeinsam. Geschenke gibt es aber keine.

Wie ich schon sagte, habe ich 1992 in Nepal Weihnachten gefeiert. Ein Jahr später war ich um diese Zeit in der Schweiz. Wie das gekommen ist? Mein Mann ist Biologe und betrieb in Nepal Feldforschung für seine Dissertation. Er lebte ganz in der Nähe unseres Hauses und war ein Freund meiner Familie. Er kam oft vorbei, meine Eltern mochten ihn. So ging das eine ganze Weile. Bis ich merkte, dass da mehr war. Doch das musste ich geheim halten. Wir haben in Nepal das Kastensystem, und ich gehöre der höchsten Kaste an, den Brahmani. Schon eine Heirat mit jemandem aus einer tieferen Kaste ist ein grosses Problem. Aber eine Heirat mit einem Ausländer, das ist undenkbar.

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Zwar gibt es jetzt bei uns auch Liebesheiraten, doch die meisten Ehen werden arrangiert. Verwandte und Bekannte übernehmen die Rolle des Vermittlers. Auch mir wurden immer wieder Vorschläge gemacht, aber ich habe immer Nein gesagt. Bis ein Arzt kam. Eine so gute Partie konnte ich nach Meinung meiner Eltern unmöglich ablehnen. Da musste ich ihnen sagen, dass ich Markus liebte und ihn heiraten wollte. Ja, und dann war die Hölle los bei mir zu Hause! Jeder Umgang mit ihm wurde mir verboten. Mein Vater drohte, sich umzubringen, sollte ich mich widersetzen so peinlich und beschämend war die Vorstellung für ihn, seine Tochter könnte einen Ausländer heiraten. Das war schmerzhaft und belastete mich, weil ich meinen Vater sehr liebe. Aber mein Entschluss stand fest.

Im Ochsenkarren über die Grenze

Heimlich traf ich mich weiterhin mit Markus. Dann beschlossen wir, von Nepal wegzugehen. Wir sagten niemandem etwas, und ich nahm kaum Gepäck mit, damit keiner Verdacht schöpfte. Mein Vater arbeitet beim Zoll, und ich hatte Angst, auf dem Flughafen würde ich an der Ausreise gehindert. So nahmen wir den Landweg und überquerten die Grenze zu Indien in einem Ochsenkarren. Ich war aufgeregt und ein wenig ängstlich, denn ich wusste: Es gibt kein Zurück.

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Via Indien und Frankreich kam ich schliesslich nach Zürich, wo wir gleich heirateten. Ich dachte, wir würden bei der Familie meines Mannes wohnen. Aber er sagte mir, das sei hier nicht üblich. Das fand ich sehr seltsam, denn in Nepal wäre das selbstverständlich. Inzwischen weiss ich, dass hier vieles anders ist.

Der Anfang war schwierig, vor allem, weil meine Familie jeden Kontakt mit mir ablehnte. Jedes Mal, wenn ich anrief, hängten sie sofort den Hörer auf. Bis an Weihnachten 1993 mein Vater endlich mit mir sprach. Wir weinten beide, aber was geschehen war, war geschehen. Inzwischen habe ich meine Familie mehrmals besucht, und wir telefonieren auch regelmässig.

Als ich in Zürich ankam, habe ich sofort begonnen, Deutsch zu lernen; ich wollte mich integrieren und die Leute verstehen. Heute fühle ich mich zu Hause hier. Ich habe meine Freunde und meine Arbeit auf der Bank, wo ich als Troubleshooterin arbeite. Das gefällt mir sehr gut. Es ist wichtig für mich, eine Arbeit zu haben und eigene Freunde nur zu Hause zu sitzen, könnte ich mir nie vorstellen. Schon in Nepal habe ich während meines Wirtschaftsstudiums immer gearbeitet. Um fünf Uhr stand ich auf, um sechs begann die Uni, um zehn ging ich zur Arbeit in die Bank.

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Was ich hier in der Schweiz schätze? Man kann mehr sich selber sein, muss weniger Regeln beachten. Ich musste aber zuerst lernen, Nein zu sagen; das war am Anfang schwierig für mich. Auch muss man hier alles selber entscheiden und kann sich nicht mit den Verwandten beraten. Solange es einem gut geht, ist es kein Problem. Aber wenn man Hilfe braucht, ist man allein. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung.

Weihnachten bei Schwiegermama

Von der Familie meines Mannes fühle ich mich akzeptiert, und meine Schwiegermutter habe ich sehr gern. Wir werden auch dieses Jahr wieder zusammen Weihnachten feiern. Am 24. Dezember gehen wir zu Mami. Sie hat wie jedes Jahr einen Christbaum, und mein Mann und sein Bruder spielen auf der Blockflöte Weihnachtslieder. Mein Mann spielt zwar wirklich miserabel, und wir müssen immer lachen deswegen, aber trotzdem finde ich es schön und wichtig. Natürlich backe ich auch Weihnachtsguetsli. Ich finde, das muss man selber machen, obwohl es auch welche zu kaufen gibt. Aber dann ist es irgendwie nicht richtig. Auch im Büro habe ich vor Weihnachten immer einen Guetsliteller auf dem Pult. Was mir am besten gefällt an Weihnachten, sind das Zusammensein mit der Familie und das Essen.

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