Plötzlich verfolgte uns die Polizei. Eine Nachbarin hatte uns verpfiffen; sie hatte vom Fenster aus gesehen, wie ich aus dem Wagen gestiegen war. Das Auto gehörte Konrad dem Schweizer, in den ich mich verliebt hatte.

Das war im Sommer 1968 am Stadtrand von Pretoria. In Südafrika herrschte die Apartheid. Beziehungen zwischen einer Schwarzen und einem Weissen waren verboten. Ein halbes Jahr lang hatten wir unsere Liebe versteckt, hatten einander nur kurze Briefe geschrieben und uns nur heimlich getroffen. Händchen halten in der Öffentlichkeit, das ging nicht. Die Nachbarin, die unsere Beziehung der Polizei gemeldet hatte, war übrigens eine Farbige. Ob sie neidisch auf uns war?

Flucht war der einzige Ausweg

Der Polizei konnten wir an diesem Tag entkommen. Konrad gab Gas, bog in eine Seitengasse ab und machte die Scheinwerfer aus. Doch von diesem Tag an war uns klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Uns stand nur der Ausweg offen, in die Schweiz auszuwandern.

Es war Winter, als Konrad und ich hier ankamen. Auch in Südafrika können die Temperaturen unter null Grad sinken. Trotzdem erkältete ich mich furchtbar.

Ich begann als Krankenpflegerin zu arbeiten. Allmählich lernte ich die deutsche Sprache. Und schon nach einem Jahr heirateten wir. Als das älteste unserer drei Kinder auf die Welt kam, gab ich meine Stelle auf und wurde Hausfrau.

Seit ich in der Schweiz bin, habe ich selber noch nie Rassismus erlebt. Ich glaube, es spielt eine grosse Rolle, wie ein Mensch sich gibt: Wer positiv denkt, wirkt auch auf andere positiv. Obwohl, es gab damals noch sehr wenig farbige Menschen in der Schweiz. Die erste Volksabstimmung, an der ich teilnahm, war eine Initiative gegen die Überfremdung. Zum Glück ist sie abgelehnt worden.

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Von der Familie meines Mannes wurde ich sehr gut aufgenommen. Seine Mutter lehrte mich, Weihnachtsguetsli nach einem alten Schweizer Rezept zu backen. Mein Mann sagt immer: «Die sind mindestens so gut wie jene aus der Konditorei.»

Es stimmt nicht, dass die Schweizerinnen und Schweizer zurückhaltender sind als die Afrikaner. Es gibt genauso viele spontane Schweizer. Aber sie machen teilweise merkwürdige Musik fand ich zumindest am Anfang. Als ich zum ersten Mal im Radio eine Gruppe Jodler hörte, traute ich meinen Ohren nicht. Ich glaubte, das seien heulende Wölfe. Heute höre ich sehr gern Volksmusik, manchmal stundenlang. Sie wirkt beruhigend auf mich.

Die Geschichte mit unserem Maiensäss begann in den siebziger Jahren. Damals kauften wir, zusammen mit Freunden, hier in Cortoi TI oberhalb des Verzascatals eine «Ruine». Der letzte Bauer hatte die kleine Siedlung zehn Jahre zuvor verlassen. Ich mochte sofort die schöne Aussicht auf das Tal und auf den Langensee. Das erinnerte mich ein wenig an die Landschaft in Südafrika und tat mir gut, denn natürlich hatte ich in jener Zeit manchmal Heimweh.

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Jedes Wochenende reisten wir hierher, bauten am Haus und pflegten die Umgebung. Bei unserer Ankunft sah es hier schrecklich aus. Alles war mit Sträuchern überwachsen.

Seit vier Jahren leben wir nun das ganze Jahr über in Cortoi. Auch im Winter, wenn oft viel Schnee liegt. Ich fühle mich gelegentlich schon etwas einsam. Neben uns lebt nur noch ein weiteres Paar die ganze Zeit über in Cortoi. Das ist wohl der grösste Unterschied zu Südafrika, wo immer viele Menschen um einen herum sind.

An den Wochenenden im Sommer kommt aber Leben in den Weiler. Viele besitzen hier ein Rustico als Ferienhäuschen. Den Sommer über besuchen ausserdem zahlreiche Schullager das Dorf. Mittlerweile gibt es in Cortoi zum Glück etwas Komfort. Die Wasserversorgung funktioniert bestens, für Strom sorgen Solarzellen. Es gibt auch eine Kläranlage.

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Es existiert keine Strasse zur Alp

Wir haben ein altes Pferd, einige Schweine und 13 Rinder von einer äusserst widerstandsfähigen und seltenen Rasse. Früher hielten wir auch Schafe und Ziegen. Jedes Jahr schlachten wir einige Rinder und verkaufen das Fleisch. Wir haben das Glück, dass einer der Ferienhausbesitzer Störmetzger ist. So müssen wir die Tiere nicht weit transportieren.

Mit den Rindern habe ich nicht viel zu tun. Das macht mein Mann. Ich bin für den Haushalt verantwortlich. Ich koche sehr gern, manchmal verwende ich afrikanische Gewürze. Meine Spezialität sind Kürbisse in verschiedensten Variationen. Und wenn geschlachtet wird, mache ich die Würste. Mir gelang es von Anfang an, gute Würste zu machen, obwohl ich noch nie ein Rezept dafür gelesen habe.

Einmal pro Woche gehen wir einkaufen. Die Ware müssen wir vom Dörfchen Mergoscia TI den steilen Fussweg auf unsere Alp hinauf tragen, eine Strasse gibt es nicht. Die Wanderung bergaufwärts dauert eine halbe Stunde.

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Eine strenge Zeit ist für mich der Sommer. Ich helfe meinem Mann beim Heuen. Die Hänge sind steil, die Hitze drückt. Im Sommer muss ich ausserdem zwei Haushalte führen: neben jenem in Cortoi auch noch den auf der höher gelegenen Alp. Dort weiden im Sommer unsere Rinder, weshalb auch wir einige Tage pro Woche dort sein müssen. Der Fussmarsch auf die Alp dauert zwei Stunden.

Zur Abwechslung töpfere ich jeweils. Ich mache grosse Krüge. Oft verwende ich afrikanische Muster. Früher gab ich sogar einmal Töpferkurse.

Zurzeit planen mein Mann und ich eine Reise nach Südafrika. Ich war in den letzten 30 Jahren schon mehrmals wieder dort. Meine Geschwister aus Südafrika konnten mich umgekehrt leider noch nie besuchen. Das wäre für sie zu teuer.

Es ist gut, was in Südafrika politisch gelaufen ist. Jetzt braucht es aber noch viel Zeit. Mein Sohn studiert übrigens Geschichte an der Universität Zürich und hat eine Arbeit über den Wechsel von der Apartheid zur Demokratie geschrieben. Das hat mich sehr gefreut.

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Ich habe mir auch schon überlegt, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn es keine Apartheid gegeben hätte. Mein Mann und ich wären wohl in Südafrika geblieben. Wir hätten uns vielleicht ein schönes Stück Land gekauft und eine Farm aufgebaut. Das Bauernleben wäre wohl weniger beschwerlich gewesen als auf unserer stotzigen Tessiner Alp. Aber ich bedaure nichts. Im Leben kommt nun mal nicht alles so heraus, wie man es sich ausgemalt hat.

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