Das Fotografieren in der Nacht hat mich schon immer fasziniert. Während ich tagsüber Porträts, Reportagen und anderes aufnehme, sind meine Motive in der Nacht der Mond, die Milchstrasse oder Sternschnuppen. Das Projekt nennt sich «Helvetia by Night» und besteht aus kurzen Zeitraffer-Filmen. Dazu gehören auch Gewitter – für mich die spektakulärste Disziplin der nächtlichen Fotografie.

Blitze fotografieren ist wie Fische fangen. Man öffnet den Verschluss der Ka­mera bei Dunkelheit bis zu 30 Sekunden lang – und wartet, bis es blitzt. Eigentlich ganz einfach. Wenn Gewitter bloss nicht so unberechenbar wären. Nun, im Sommer, ist wieder Hochsaison. An jedem heissen Abend werfe ich einen Blick auf den Blitz­radar. Darauf erkennt man aktive Gewitterzellen, man sieht, wo es blitzt und wie oft. Manchmal sind es 900 Einschläge innerhalb von 15 Minuten, das heisst, es blitzt im Sekundentakt. Mein Herz schlägt höher.

Die Luft riecht schon nach Regen

Dann muss alles sehr schnell gehen, denn heftige Gewitter dauern nicht ewig. Ich packe meine Kameras, renne zum Auto und suche eine möglichst fotogene Position, im Idealfall ein paar Kilometer von der Gewitterzelle entfernt – je nachdem, in welche Richtung sich diese bewegt.

Dort stelle ich drei bis vier Kameras mit verschiedenen Brennweiten auf, die fortlaufend Bilder aufnehmen. Die Windböen werden stärker, das Gewitter kommt auf mich zu, vereinzelt zuckt es am Himmel. Die Luft riecht schon nach Regen. Noch einmal steigt die Spannung mit den ersten fetten Tropfen, die auf meine Ausrüstung platschen. Ich kontrolliere die Linsen. Wasser schadet den Kameras nicht, doch Tropfen auf dem Glas ruinieren das Bild. Sicher­heitshalber ziehe ich mich ins Auto zurück. Ich habe grössten Respekt vor dieser Naturgewalt und versuche, das Risiko möglichst zu begrenzen. Einerseits möchte ich eine schöne Aussicht, um nicht nur die Blitze, sondern auch die Landschaft dazu ins Bild zu rücken. Anderseits bin ich auch nicht lebensmüde – ich fotografiere nicht von besonders exponierten Stellen aus, sondern immer aus der zweiten Reihe.

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Doch nicht einmal dort ist man sicher. Es gibt Pechvögel, die wurden bei heiterem Sonnenschein vom Blitzschlag getroffen. Auf meinen eigenen Fotos sehe ich immer wieder, wie unberechenbar, ja tückisch die Lichtbogen vom Himmel zur Erde (und umgekehrt) verlaufen. Zwei Mal habe ich Einschläge in rund 50 Meter Entfernung erlebt, allerdings nicht beim Fotografieren. Das ist beängstigend. Dann knallt es nur noch um einen herum.

Sobald der Regen zu stark wird, stürze ich mich unter die kalte Dusche und packe die Kameras wieder ein. Manchmal, eher selten, kann ich das Gewitter überholen und mein Glück erneut versuchen. Ich bin zufrieden, wenn pro Nacht ein einziges ­tolles Bild entsteht. Die Chance dafür ist kleiner als 50 Prozent.

«Die kalte Dusche gehört dazu»: Alessandro Della Bella

«Die kalte Dusche gehört dazu»: Alessandro Della Bella

Quelle: Alessandro Della Bella

Trotz aller Improvisation kann vieles schiefgehen: Es zuckt wie verrückt, doch die Struktur der Blitze ist in den Wolken gar nicht sichtbar – der Himmel wird auf dem Bild nur weiss. Oder das Gewitter schlägt plötzlich eine andere Richtung ein, und ich stehe im Abseits, fast wie ein Fussballer. Manchmal gibt es darum gar keine Bilder. Was bleibt, ist auf jeden Fall ein spannendes Erlebnis.

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Ein Bild mit Regenbogen und Blitz

Am häufigsten gewittert es im Tessin. Vom Monte Brè aus gleicht Lugano fast ein wenig Rio de Janeiro, mit dem San Salvatore als Zuckerhut. In Rio möchte ich demnächst einmal mein Glück versuchen. Ein weiteres Motiv, von dem ich träume, ist ein weit entferntes Gewitter am Horizont, daneben der Mond. Einmal gelang mir kurz vor Sonnenuntergang ein Bild mit Regenbogen und Blitz. Wirklich planen kann man solche Fotos nicht, die Natur überrascht einen immer wieder aufs Neue. Genau das macht es so spannend.

Mehr Informationen zum Projekt «Helvetia by Night» von Alessandro Della Bella.