Die Panik ist Anita Moraa von weitem anzusehen: Die 26-jährige gebürtige Kenianerin schafft es kaum, ihren Kopf ins Wasser zu tauchen, geschweige denn dort die Augen zu öffnen. Sie schüttelt sich und wirft die Hände vors Gesicht: «Ich habe einfach wahnsinnig Angst vor dem Wasser - das war schon immer so.» Von Kollegen ist die Servicefachangestellte ermuntert worden, doch endlich schwimmen zu lernen. Es sei nämlich peinlich, zugeben zu müssen, dass man das nicht könne. «Alle gucken mich ungläubig an, wenn ich sage, dass ich nicht schwimmen kann.» Deshalb ist sie heute da.

Sechs Teilnehmer des Unterrichts «Brust 1», des Einstiegskurses für Nichtschwimmer, sind an einem frühsommerlichen Donnerstagabend im Zürcher Hallenbad City versammelt. Drei Männer und drei Frauen aus fünf verschiedenen Nationen, zwischen 25 und 59 Jahre alt, sitzen auf den Stufen des Lehrschwimmbeckens, 0,60 bis 1,29 Meter tief. Es ist ihre zweite Kursstunde.

Mineralwasser, selbstgemacht
Renzo Zavagni will ihnen die Liebe zum Wasser weitergeben: «Das Wasser ist ein Freund, kein Feind. Ich will das Element Wasser attraktiv machen», sagt der diplomierte Bademeister. Da seien Gefühle im Spiel wie bei der Musik. Sagts und zeigt den Anfängern, wie man Mineralwasser macht: sitzend die Beine im Wasser strecken und mit den Füssen paddeln.

Zavagni, 67 Jahre alt, braungebrannt und leicht untersetzt, ist immer gut für einen Spruch, eine lustige Atmosphäre ist ihm wichtig. Seit mehr als 30 Jahren amtet der pensionierte Platzwart als Schwimmlehrer. Und das, obwohl er ursprünglich ein Bergler aus dem italienischen Friaul ist. «Wir haben als Kinder im Bergbach schwimmen gelernt und uns alles selber beigebracht. Manchmal war das schon etwas kriminell.» Zavagni, verheiratet mit einer Aqua-Fit-Trainerin, hat zwei Kinder und vier Enkel, und alle können schwimmen - wobei der jüngste, ein Jahr alt, noch am Lernen ist.

Der Balinese Ijat Sutaji ist 42 und kann es noch immer nicht. Dabei hat er bereits mehrere Anläufe genommen. Erst hier bei Renzo Zavagni ist dem Reisefachmann wohl: «Der letzte Lehrer war sehr militärisch und hat mich unter Druck gesetzt. Bei Renzo dagegen sind wir wie eine Familie und lachen viel.»

Sutaji lebt seit zwei Jahren mit seinem Partner in Zürich. Obwohl er aus Indonesien stammt, einem Staat mit zahlreichen Stränden und über 17'000 Inseln, kann er weder schwimmen noch tauchen. 99 Prozent aller Indonesier könnten das nicht, erklärt er. Sein Freund, ein passionierter Taucher, habe ihn zum Schwimmkurs gedrängt: «Wir wollen endlich mal zusammen auf Bali das Meer geniessen.»

Die Nichtschwimmerkurse im Hallenbad City sind immer ausgebucht, die Wartefristen oft lang. «Zu mir kommen viele Ausländer, weil ich auch einer bin», sagt Zavagni und lacht, «da haben sie einfach mehr Vertrauen.»

Rund 20 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz können nicht oder nur sehr schlecht schwimmen, schätzt Elisabeth Herzig, Ausbildungsverantwortliche bei swimsports.ch, der Vereinigung der am Schwimmsport interessierten Verbände und Institutionen der Schweiz. Und 30 Prozent aller Kinder haben in der Schule keinen Schwimmunterricht. Durchschnittlich ertrinken hierzulande etwa 50 Menschen pro Jahr, im Hitzesommer 2003 waren es gar 88 Personen.

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Schwimmunterricht rettet Leben
Wie wichtig der Schwimmunterricht ist, erklärt Prisca Wolfensberger, Pressesprecherin der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG): «Bevor wir angefangen haben, in der Schweiz in grossem Stil Schwimmunterricht anzubieten, sind jährlich über 200 Menschen ertrunken.»

Das kann Elise, der siebenjährigen Tochter der Kursteilnehmerin Manolya Dag, kaum passieren. Die kleine Wasserratte ist im Schwimmklub, seit sie zwei Jahre alt ist. «Ich wollte nicht, dass sie das gleiche Manko hat wie ich», erklärt ihre 32-jährige Mutter. «Nicht schwimmen zu können, empfinde ich als sehr störend.» Viele Leute in der Schweiz fänden das bei einer erwachsenen Person seltsam. Die Pädagogikstudentin übt nun mehrmals wöchentlich mit ihrer Tochter schwimmen. «Elise findet es sehr lustig, wenn sie mir zeigen kann, wie es geht», so Dag, die aus dem Südosten der Türkei stammt. «Kaum jemand konnte bei uns schwimmen, es gab gar kein Hallenbad in unserer Stadt.»

Lehrer Zavagni will, dass seine Schüler mit dem Kopf im Wasser versuchen, möglichst weit zu gleiten. Manolya Dag schafft die grösste Strecke. «Nur dank dem Training durch meine Tochter», lacht sie. Nun sollen alle nach roten Ringen tauchen. Das braucht viel Überwindung für die meisten, denn unter Wasser die Augen zu öffnen fällt ihnen schwer. Kibrom Semere, 25, ein Flüchtling aus Eritrea, taucht knapp daneben. Als er auftaucht, taumelt er: «Ich habe die Orientierung verloren.» Der Kurs mache ihm viel Spass, so Semere, der zurzeit ein Praktikum in einem Pflegeheim absolviert. «Ich will so lange lernen, bis ich gut schwimmen kann.»

Die beiden Schweizer im Kurs, Theo Ruff und Anita Job, schmunzeln. Sie können eigentlich beide schwimmen, nur nicht «so richtig gut». Job, eine 32-jährige Postangestellte in Unterengstringen, will korrektes Brustschwimmen lernen, das heisst, mit dem Kopf unter Wasser zu schwimmen und auszuatmen. Bisher sei sie immer mit erhobenem Haupt geschwommen, was zu Nackenverspannungen geführt habe.

Theo Ruffs Ziel ist das Crawlen: «Eine wunderschöne Fortbewegungsart», schwärmt der 59-jährige Publizist. Sein Erfolgsrezept: «Seit ich eine geschliffene Schwimmbrille habe, geht das mit dem Schwimmen viel besser.» Er habe oft daheim geübt: den Kopf ins lauwarme Wasser im Lavabo getaucht und versucht, mit Nase und Mund auszuatmen. «Das klappt irgendwann», sagt er stolz. Den «Brust 1»-Kurs absolviert er, weil er dachte, es sei sinnvoll, zuerst einmal die Grundlagen zu lernen, bevor er sich die anspruchsvollere Technik des Crawlens aneigne.

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Im Zweifel strampeln
Die 45-minütige Lektion ist fast zu Ende. Zavagni lässt die Anfänger einen Kreis bilden, sie müssen sich an den Händen halten und abwechslungsweise versuchen, sich gleitend über Wasser zu halten. Es gelingt. Fast. Anita Moraa mag es nicht, wenn sie den Bodenkontakt verliert, und strampelt sich rasch frei. «Wenn ich mit dem Flugzeug unterwegs bin, habe ich Angst, einmal über dem Meer abzustürzen - und dann nicht schwimmen zu können.» Kaum gesagt, greift sie den Arm ihres Nachbarn und reiht sich wieder in den Kreis ein.

Schwimmen zu lernen ist Geduldssache. Noch weitere sieben Lektionen stehen an. Wer dann den Schritt ins tiefere Wasser wagen will, meldet sich zum Kurs «Brust 2» an.