Abgelenkt durch Smartphones – sei es zu Tisch oder bei der Arbeit; den Boden als Abfalleimer, sei es für Zigaretten oder Verpackungen; Drängeln und Lärmen als Tugenden im öffentlichen Verkehr; Essen mit Händen, sei es drinnen oder draussen – wenn man unsere Gesellschaft im Alltag kritisch beäugt, erhält man den Eindruck, dass keine verbindlichen Regeln mehr gelten und jeder sich so benimmt, wie es ihm gerade passt.

Doch ist es schlimmer als früher? Oder haben sich die Zeiten einfach gewandelt? Und was sind dann die Gründe für diesen gesellschaftlichen Wandel? Diesen spannenden Fragen gingen die beiden Beobachter-Autoren Anna Miller und Peter Johannes Meier in ihrer Titelgeschichte «Ständig unanständig» nach.

Littering nervt die meisten

Diese Analyse reichte uns aber nicht: Wir wollten genauer wissen, was unsere Leserinnen und Leser im Alltag als unanständig empfinden, und haben darum eine Online-Umfrage gestartet.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Was finden Sie am unanständigsten?

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Die Antworten bieten einige Erkenntnisse: Littering, auf den Boden spucken und elementarste Dinge wie «Bitte» oder «Danke» zu vergessen – das empfindet die Mehrheit unserer Leserinnen und Leser als respektlos. Drängeln, anonyme Beleidigungen im Internet oder Schmarotzen halten dagegen nur wenige für den schlimmsten Auswuchs von Unanständigkeit.

Weitere Aufklärung erhofften wir uns durch eine Strassenumfrage. Wir fragten einige Passanten in Zürich Folgendes: Was finden sie unanständig? Was nervt sie im Alltag? Welche Werte geben sie ihren Kindern weiter?

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Die erste Antwort stammt von Florian Jenzer, einem jungen Familienvater:

Rollkoffer sind «Teufelsdinger»

Auf Facebook und im Beobachter-Forum ist anschliessend rege diskutiert worden.
Eine Auswahl:

«Ich habe noch keine Gesellschaft erlebt, die den Gebrauch der Ellenbogen, das Handeln zum eigenen Vorteil, so sehr kultiviert und gleichzeitig als dem Allgemeinwohl nützlich verklärt wie die Schweizer.»

Conchita Mendez, via Forum

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«Mir scheint es, dass ich häufig die Einzige bin, die hilft. Andere Leute laufen einfach vorbei. Ist es die Erziehung? Die Arbeitswelt? Der Druck in unserer Gesellschaft?»

Wireless, via Forum

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«Anstand und Respekt kann man besonders gut beobachten, wenn man genau hinsieht, wie unsere Wohlstandsgesellschaft mit Behinderten umgeht Ich kann ein Lied davon singen.»

Andy Capp, via Forum

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«Als ich noch mit Kinderwagen unterwegs war, waren es sehr oft Jugendliche – oft mit Migrationshintergrund –, die mir beim Ein- und Aussteigen Hilfe angeboten haben. Wer jedoch vordrängelt oder einen nicht aussteigen lässt, sind in der Regel die Erwachsenen. Woran das wohl liegen mag?»

Andrea_Mordasini, via Forum

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Woher rührt dieser Wertezerfall?

Spannend ist nicht nur die Frage, was die Schweizerinnen und Schweizer als unanständig empfinden – sondern auch, warum wir heute davon überzeugt sind, dass die Rücksichtnahme stark abgenommen hat.

In der Titelgeschichte werden sechs Thesen erläutert, die erklären sollen, warum sich unser Verhalten in den letzten Dekaden derart stark gewandelt hat.

Diese Thesen in Kurzform:
 

  1. Es gibt keine moralische Instanz mehr, die allgemeingültige Regeln formuliert und durchsetzt, wie es dies früher die Kirche getan hat.
  2. Benimm- und Anstandsregeln haben an Einfluss verloren. Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung von gutem Benehmen. Dies ist eine direkte Folge von Punkt 1.
  3. Eltern lassen ihren Kindern immer mehr Freiheiten. Sie zählen darauf, dass die Schule die wichtigsten Benimmregeln vermittelt.
  4. Die moderne Gesellschaft ist egoistisch geworden: Die maximale individuelle Freiheit, die Möglichkeit auf eigene Selbstverwirklichung sowie grosses Selbstbewusstsein haben sich als Tugenden etabliert.
  5. Früher galt der Vater, der Pfarrer, der Polizist oder der Lehrer als autoritäre Persönlichkeit – ihre Worte hatten Gewicht. Dieser Respekt vor Autoritäten ist nivelliert.
  6. Geprägt durch Internet und soziale Medien, sind die jungen Leute anpassungsfähig geworden. Es steht nicht mehr Rebellion im Zentrum, sondern Beliebtheit. Dadurch, dass sich junge Menschen in vielen «Teilwelten» wie Arbeit, Studium, Partnerschaft oder Vereinen bewegen und dort ihre Leistung bringen wollen, steigt deren Bedürfnis, am Wochenende in den Städten abzuschalten und «die Sau rauszulassen».
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«Globalisierung» und «Egoismus»?

Auch die Frage nach dem «Warum» ist auf Facebook und im Forum intensiv diskutiert worden.
Eine Auswahl:

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«Unanständigkeit ist die logische Folge des gesellschaftlichen Wandels, wo Werte wie Selbstbestimmung, Autonomie und Selbstliebe die Werte von Opferbereitschaft, Hingabe, Dienstbarkeit und Nächstenliebe abgelöst haben.»

Mary-Anne Renée, via Facebook

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Wir freuen uns über weitere Meinungen

Sind Sie mit den Meinungen der anderen Leserinnen und Leser einverstanden? Oder haben Sie eine ganz andere Ansicht von Anstand? Wir freuen uns auch weiterhin auf Ihre Kommentare.

Sie erreichen uns am schnellsten auf Facebook, via Twitter, im Forum oder indem Sie unten einen Kommentar schreiben. Vielen Dank für die spannende Diskussion.

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