«Total erstaunt war ich, als ich vor ein paar Wochen in der Zeitung dieses Bild meines Schiedsrichterkollegen Massimo Busacca gesehen habe, wie er den YB-Fans den Stinkefinger zeigt. Ausgerechnet er! Der beste Schiri, den wir in der Schweiz haben, verliert die Nerven! Er hätte sich nicht provozieren lassen dürfen, das war ein Fehler. Aber verstehen kann ich seine Reaktion trotzdem. Als Schiedsrichter kannst du 89 Minuten lang alles richtig machen, aber wenn dir ein einziger Fehler passiert, bist du der Buhmann und wirst von allen Seiten angegriffen. Es ist schon hart, wenn im Stadion Tausende «O Schiri, du Arschloch» singen. Wenn ich als Zuschauer solche Szenen erlebe, tut mir der Schiedsrichter jeweils ziemlich leid.

Ich mag die Verantwortung

Aber das hält mich nicht davon ab, selber einer zu sein. Als Elfjähriger habe ich begonnen, bei meinem Verein, dem FC Frick, ab und zu Matches der kleinsten Junioren zu leiten. Damals habe ich noch selber gespielt, als Innenverteidiger. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass mir die Schiedsrichterei besser liegt. Ich mag es, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen. Als Schiri kann man das besser, als wenn man bloss einer von elf Spielern in einer Mannschaft ist.

Um ein offizieller, also vom Verband anerkannter Unparteiischer zu sein, muss man eigentlich mindestens 15 sein. Dank einer Sondergenehmigung durfte ich aber schon diesen Sommer zum Regel- und Konditionstest antreten und erhielt danach die Lizenz – als noch nicht einmal 14-Jähriger, was mich zum jüngsten Fussballschiedsrichter der Schweiz macht.

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Seit August pfeife ich in unserer Region regelmässig Spiele von C-Junioren, die sind gleich alt wie ich. Bisher ist alles gut gegangen, die Spieler akzeptieren mich. Klar, manchmal motzen sie rum, wenn sie mit einem Entscheid nicht einverstanden sind, das habe ich selber früher als Spieler ja auch gemacht. Aber in solchen Situationen diskutiere ich nicht lange, die Rollen sind schliesslich klar verteilt: Der Chef auf dem Platz bin ich. Das ist keine Frage des Alters.

Die Probleme kommen vom Spielfeldrand

Die Spieler sind ohnehin nicht das Problem. Die wissen genau: Wenn sie weitermachen, kriegen sie eine gelbe Karte. Mühsamer sind da schon die Zuschauer und gewisse Trainer, die dauernd aufs Spielfeld schreien. Wenn ich von ihnen beschimpft und beleidigt werde, versuche ich das zu ignorieren – das geht zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus. Wer das nicht wegstecken kann und es persönlich nimmt, ist als Schiedsrichter verloren. Aber es gibt natürlich Grenzen. Einmal hat sich ein Trainer – ein Erwachsener übrigens – so unmöglich aufgeführt, dass ich das im Schiedsrichterrapport vermerkt habe. Er wurde dann vom Verband gebüsst. Letzthin habe ich wieder ein Spiel seiner Mannschaft gepfiffen – diesmal war er lammfromm.

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Es ist ja nicht so, dass wir Schiedsrichter das Gefühl haben, wir würden keine Fehler machen. Mir selber ist wohl einer unterlaufen, als ich zum ersten Mal einen Spieler vom Platz gestellt habe. Ich war überzeugt, dass er als hinterster Mann seinen Gegner foulte: eine klassische Notbremse. Der Inspizient, der mich ausgerechnet an diesem Match beobachtet hatte, fand jedoch, dass eine Verwarnung genügt hätte. Das hat mich schon ein bisschen gewurmt. Doch was willst du machen? Wir Schiris haben nur eine Chance, müssen eine Entscheidung fällen, und rückgängig machen lässt sich das nicht mehr. In der Regel wird das von den Fussballern auch verstanden. Obwohl es immer wieder strittige Szenen gibt, kommen nach dem Abpfiff die meisten vorbei, um mir die Hand zu schütteln und sich für die Spielleitung zu bedanken. Das ist das Schöne an meinem Job.

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Ich habe noch eine Menge vor als Schiedsrichter. Um es konkret zu sagen: Ich will einmal an einer WM pfeifen. Mir ist klar, dass bis dorthin noch etliche Stufen zu nehmen sind. Erst die älteren Junioren, dann die Amateurligen, nationaler Spitzenfussball, Europacup. Ein weiter Weg, ich weiss, aber ich habe ja auch noch Zeit. An meinem Schiri-Kurs hatte es Bewerber, die waren schon mega alt, so um die dreissig – ihnen gegenüber habe ich als 14-Jähriger natürlich einen Vorsprung.

Internationale Spiele zu pfeifen wäre das Grösste. Bei einem Match von Fenerbahce Istanbul müsste ich allerdings passen, da wäre ich nicht ganz unparteiisch. Das ist mein Lieblingsverein, sozusagen ein Erbe meines Vaters, der mit meiner Mutter schon vor meiner Geburt aus der Türkei in die Schweiz gekommen ist. Doch vielleicht ist das mit der grossen Fussballbühne ja auch nur ein Traum. Nur: Was soll falsch daran sein, zu träumen?

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35 Franken von jeder Mannschaft

Wie auch immer: Vorerst sammle ich hier im Aargau auf der Juniorenstufe meine Erfahrungen. Vor den Einsätzen treffe ich jeweils eine Stunde vor Spielbeginn auf dem Platz ein. Ich mag diese Zeit in der Schiedsrichterkabine, wenn ich mich auf den Match vorbereite. Das läuft alles nach einem bestimmten Ritual ab. Umziehen, Uhr, Pfeife und Karten bereitlegen. Irgendwann kommen die Trainer der beiden Teams vorbei, um mir die Spielerpässe sowie meinen Lohn zu bringen: je 35 Franken. Später gehts hinüber zu den Mannschaften, wo ich die Lizenzen kontrolliere und schaue, dass alle ihre Schienbeinschoner tragen. Schliesslich raus auf den Platz zum Einlaufen. Unmittelbar vor dem Anpfiff bin ich dann schon ein bisschen nervös; man weiss ja nie, wie der Match läuft. Aber das legt sich, sobald der Ball rollt.»

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